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Saturday, September 19, 2026

Ausbluten des DDR-Fußballs: "Das war eine Riesen-Demütigung"

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Rico Steinmann ist einer der wenigen Stars, die ihr Glück weiter im Fußballsystem der DDR suchen. Doch auch ihm wird schnell klar: Es ist kein fairer Wettkampf.

18.09.2026 | 28:06 min

ZDFheute: Herr Mohnhaupt, was geschah in den Wochen nach der Maueröffnung im DDR-Fußball?

Jan Mohnhaupt: Die Zuschauerzahlen sind nach dem 9. November sofort rapide eingebrochen. Dagegen war auf einmal das Berliner Olympiastadion bei dem Zweitligaspiel Hertha gegen Wattenscheid voll, weil das die erste Möglichkeit für viele war, in Westberlin ins Stadion zu kommen.

In den ersten Wochen gab es noch eine Willkommenskultur - im Fußball wie in der Gesamtgesellschaft. Eintracht Braunschweig lud Magdeburger Fans zum Spiel gegen Schalke ein. Doch das wich dann schnell den Versuchen, aus dem Ende der DDR in verschiedenster Weise Profit zu schlagen.

Natürlich hat im Westen niemand Interesse daran gehabt, den DDR-Fußball sanft in die neue Zeit zu holen.

ZDFheute: Wie lief das genau ab?

Mohnhaupt: Es war längst nicht die einhellige Meinung, eine gemeinsame Bundesliga zu schaffen. Die Bundesliga war damals noch kein Produkt, auf das alle scharf waren, sondern sie war eigentlich auf Schrumpfen eingestellt und sollte im Laufe der frühen 1990er Jahre auf 16 Mannschaften verringert werden. Die besten DDR-Spieler wollten alle haben, aber nicht die Oberliga-Vereine.

ZDFheute: DFV-Präsident Hans-Georg Moldenhauer schwebte vor, bis zu 14 Ostvereine in den Bundesligen unterzubringen. Wie kam es schließlich zur letztlichen Regelung, zwei Vereine in die Bundesliga und sechs in die 2. Ligen aufzunehmen?

Mohnhaupt: Moldenhauer hat das ganz geschickt gemacht und sein eigenes Schicksal an das Verhandlungsergebnis geknüpft. Er sagte sinngemäß: Je kürzer ich DFV-Präsident bin, desto besser habe ich gearbeitet. Dass für ihn danach der DFB-Vize-Präsidentenposten herausgesprungen ist, sagt auch einiges. Aber man muss auch sehen, in welcher Verhandlungsposition der DDR-Fußball war und wie die Bundesliga anfangs geblockt hat.

Der DFB hat sich anfangs gegen eine gemeinsame Bundesliga gesträubt.

... ist Historiker und freier Journalist. In diesem Jahr erschien sein Buch "Der geteilte Rasen" über die Wendejahre 1989 bis 1992, in dem er die Veränderungen im Fußball und in der Gesellschaft dokumentiert und analysiert und zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Mohnhaupt wurde 1983 im Ruhrgebiet geboren, lebt und arbeitet seit 2020 in Magdeburg.

ZDFheute: Welche Vorstellungen gab es?

Mohnhaupt: Der spätere DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder stand damals dem Ligaausschuss vor und schlug Relegationsspiele zwischen den beiden Absteigern der Bundesliga, den beiden besten Mannschaften der 2. Liga und den beiden besten Teams der DDR-Oberliga vor. Nur die beiden Besten dieser Sechser-Relegation wären in die Bundesliga gekommen. Wenn es also doof gelaufen wäre, wäre gar kein DDR-Klub dabei gewesen.

Letztlich wurde die Bundesliga auf 20 Teams aufgestockt, weil kein Verein im Westen seinen Platz aufgeben wollte. Das war ein Kompromiss, bei dem die Bundesliga keinen Schaden genommen hat und ein Teil des DDR-Fußballs dennoch integriert wurde. Das ist nicht fair, aber unter den damaligen Umständen nachvollziehbar verhandelt.

ZDFheute: Hätte man das Ausbluten der Ostklubs verhindern können, als die besten Spieler in den Westen gingen?

Mohnhaupt: Schwierig. Jeder Bürger konnte rüber in den Westen gehen und sein Glück suchen. Wie hätte man dann ein Moratorium durchsetzen wollen, dass eine gewisse Zeit keine Spieler zu Westklubs hätten wechseln dürfen? Dann hätte man die Fußballer schlechter behandelt als jeden x-beliebigen Arbeiter.

Als erster DDR-Spieler darf Andreas Thom in die Bundesliga wechseln. Durch ein Machtwort von Kanzler Helmut Kohl wird den anderen Spielern klar: Sie müssen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen.

18.09.2026 | 29:31 min

ZDFheute: Fußball hat ja viel mit Identifikation zu tun. Welche Botschaft wurde mit dem Kollaps des Ostfußballs in die Gesellschaft ausgesendet und welche nachhaltigen Risse sind dadurch entstanden?

Mohnhaupt: Sicher war das traumatisierend für die Menschen in der ehemaligen DDR, wo es so viele Fußball-Hochburgen gab.

Das war eine Riesen-Demütigung, dass man wie auch auf so vielen anderen Ebenen auch im Fußball kaum mehr eine Rolle spielt.

Daraufhin haben die Menschen begonnen, einen gewissen Oststolz zu entwickeln. Plötzlich hielten etwa die Fans der Eisbären Berlin im Fußball zu Hansa Rostock und im Handball zum SC Magdeburg. Man hat sich die Leuchttürme herausgesucht, weil sie für die wenigen Erfolgsgeschichten im Osten standen.

Meisterschaft heißt Aufstieg – unter anderem für die Regionalliga Nordost gilt das nicht. Für die Klubs ist das nicht nur eine sportliche und finanzielle Frage, sondern eine der Gerechtigkeit.

29.06.2026 | 1:41 min

ZDFheute: Und heute?

Mohnhaupt: An dieser Wunde wird noch immer gekratzt, wenn man sich anschaut, wie schleppend die Regionalligareform im Fußball verläuft. Da wird der Osten mit vielen Traditionsvereinen aus der früheren DDR-Oberliga weiterhin durch die bestehende Aufstiegsregelung benachteiligt, was weiter für Empörung sorgt. Das ist auch ein Resultat aus 35 Jahren nicht gleichberechtigter Behandlung. Allerdings haben die Ostvereine inzwischen eine so starke Stimme, dass sich selbst Vertreter aus dem Westen auf die Seite der NOFV-Klubs schlagen und sich dafür stark machen, dass sich endlich etwas ändern muss. Das zeigt nach all der Zeit immerhin auch ein wenig den Wandel, der sich seither vollzogen hat.

Das Interview führte Ullrich Kroemer.

TV-Kameramann beim Fußballspiel

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Quelle: Reuters

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Über das Thema berichtete das ZDF am 18.09.2026 ab 00:00 Uhr in der dreiteiligen Doku "'Go West!' Die letzte 11 der DDR".

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