Wie Polen und die Ukraine die Deeskalation suchen
Polens Regierungschef Donald Tusk hat ein in Lwiw geplantes Gedenkjahr für nationalistische Untergrundkämpfer im Zweiten Weltkrieg kritisiert. Der Beschluss belastet die Beziehungen zur Ukraine.
22.10.2026 | 0:38 minIn dieser Woche ist erneut ein historischer Streit zwischen Polen und der Ukraine aufgeflammt. Vor allem Kiew reagierte diesmal deeskalierend. In beiden Ländern gibt es allerdings Kräfte, die die jüngere Geschichte für Provokationen missbrauchen. Darum geht es:
Als im Februar 2022 die Voll-Invasion Russlands in die Ukraine begann, erfasste Polen eine Welle der Solidarität mit seinem östlichen Nachbarn. Doch wie fragil diese Solidarität und das polnisch-ukrainische Verhältnis sind, offenbart spätestens der letzte Sommer.
Polens Staatspräsident Karol Nawrocki entzog dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj nicht nur den "Orden des Weißen Adlers", die höchste Auszeichnung Polens, die Selenskyj 2023 von Nawrockis Vorgänger Andrzej Duda stellvertretend für das ukrainische Volk verliehen bekommen hat.
Selenskyj wiederum verzichtete daraufhin im Sommer auf seine Teilnahme an der Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine, die im polnischen Danzig stattfand. Es ist ein Fernbleiben, das - bei allem Unverständnis für die polnischen Reaktionen - auch in der Ukraine kritisch gesehen wurde.
Ein umstrittener Ehrentitel für eine ukrainische Brigade löst diplomatischen Streit mit Polen aus. Der Zeitpunkt vor der "wichtigen Wiederaufbaukonferenz" sei "sensibel", so ZDF-Reporter Carsten Thurau.
24.06.2026 | 3:10 min"Massaker von Wolhynien" ist dunkles polnisch-ukrainisches Kapitel
Auslöser für die ganze Eskalation war die Umbenennung einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte in "Helden der UPA" durch Selenskyj. Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) ist für das "Massaker von Wolhynien" verantwortlich, eines der dunkelsten Kapitel der polnisch-ukrainischen Geschichte. Von 1943 bis 1945 ermordete die - zeitweise mit Nazi-Deutschland kollaborierende - paramilitärische Truppe auf dem Gebiet der heutigen Westukraine (die bis 1939 zu großen Teilen zum polnischen Staat gehörte) laut Schätzungen bis zu 100.000 Menschen. Der überwiegende Teil der Opfer waren Polen.
2016 erklärte das polnische Parlament das Verbrechen per Resolution zum Völkermord. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine gibt es zwischen den beiden Ländern Streit einerseits über die Erinnerung an das Verbrechen, über die an die UPA und ihre Kommandeure erinnernden Straßennamen und Denkmäler oder über die Exhumierung von Opfern.
Empörung in Polen über Entscheidung in Lwiw
Es ist ein seit Jahrzehnten schwelender Streit, der diese Woche erneut eskalierte. Am Dienstag beschloss das Regionalparlament von Lwiw, 2027 zum "Jahr der UPA und ihres Kommandeurs Roman Schuchewytsch" zu erklären, was in Polen - wenig überraschend - für Empörung sorgte.
Das schadet der Ukraine und spielt denen in die Hände, die ihr Schlechtes wünschen.
Donald Tusk, polnischer Premier
"Eine solche Entscheidung stärkt nicht das gegenseitige Vertrauen zwischen den Völkern, sondern vertieft die Spaltung", schrieb wiederum der polnische Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz auf X.
"Man hoffe, dass Inhalte im Raum stehen", so ZDF-Reporter Andreas Weise zum Polen-Ukraine-Streit und der Wiederaufbaukonferenz. Das Ganze sei auch "eine riesen Industriemesse".
25.06.2026 | 1:41 minWarschau stoppte offenbar finanzielle Hilfen an Kiew
Es bleibt aber nicht nur bei kritischen Wörtern. Gegen den Lwiwer Lokalpolitiker Swjatoslaw Scheremeta, der die treibende Kraft hinter der Entscheidung des Lwiwer Regionalparlaments ist, verhängte das polnische Innenministerium auf Antrag des Außenministers ein für fünf Jahre geltendes Einreiseverbot nach Polen und in den Schengen-Raum.
Zudem soll Warschau - so polnische und ukrainische Medien - Gespräche über finanzielle Hilfen, die die kriegsgebeutelte Ukraine dringend benötigt, sowie die militärische Unterstützung vorerst gestoppt haben. Berichte, die von Warschau nur bezüglich der militärischen Unterstützung dementiert wurden.
Präsident Selenskyj versucht zu deeskalieren
Reaktionen auf die Entscheidung des Regionalparlaments gibt es auch aus Kiew. Doch während im Sommer Präsident Selenskyj durch seine Entscheidung, den "Orden des Weißen Adlers" per Kurierdienst nach Warschau zurückzuschicken, mit zu der Eskalation beitrug, agierten der Präsident und seine Präsidialkanzlei diesmal deeskalierend.
In persönlichen Gesprächen sollen Selenskyj und seine Mitarbeiter Warschau nicht nur versichert haben, dass sie mit der Entscheidung des Lwiwer Regionalparlaments nichts zu tun haben, sondern dass diese auch nicht in Kraft tritt.
"Wir haben die letzte Krise gerade erst bewältigt, und nun stehen wir wieder vor dem nächsten Problem. Jeder wusste, dass man das nicht tun durfte, selbst der Regionalchef wusste es persönlich", zitierte das Nachrichtenportal "Ukrainska Pravda" einen nicht namentlich genannten Mitarbeiter der Präsidialkanzlei. Und weiter:
Doch die Jagd nach billigem kurzzeitigem Hype hat die Oberhand gewonnen. Die Folgen sind bereits spürbar und werden sich noch verschlimmern.
Mitarbeiter der ukrainischen Präsidialkanzlei
Aber nicht nur in der Ukraine gibt es Kräfte, die die blutige polnisch-ukrainische Geschichte für provokative Entscheidungen nutzen, sondern auch in Polen.
Sławomir Mentzen, der im vergangenen Jahr für die rechtsnationale "Konfederacja" (mittlerweile die drittstärkste politische Kraft in Polen) bei den Präsidentschaftswahlen angetreten war, reiste aus Wahlkampfgründen in die westukrainische Metropole Lwiw, wo er einen provokanten Film vor dem Denkmal des Nationalistenführers Stepan Bandera drehte.
"Marsch der Unabhängigkeit" in Lwiw
Im September forderte eine Gruppe von Parlamentariern der nationalkonservativen PiS sowie der zwei Rechtsaußen-Parteien "Konfederacja" und "Konföderation der polnischen Krone" die Regierung auf, am 11. November, dem polnischen Unabhängigkeitstag, einen "Marsch der Unabhängigkeit" in Lwiw zu finanzieren.
Ein Vorschlag, den die polnische Regierung ablehnte. Die wachsende anti-ukrainische Stimmung in Polen kann sie jedoch nicht aufhalten.
Positiv stimmen kann die Tatsache, dass es nicht nur in Polen Kräfte gibt, die die gegenseitigen historischen Provokationen kritisch sehen, sondern auch in der Ukraine. Laut einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie vom Juni 2026 sprachen sich 33 Prozent der Befragten dafür aus, dass anstatt von Politikern sich eine Historikerkommission mit der schwierigen Geschichte befassen solle.
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