Feelgood-Falle – Das Wellness-Paradox: Gesund, getrimmt, gestresst

«Biohacking» in Longevity-Kliniken und «Health Maxxing» mit Nahrungsergänzungsmitteln: Der Wunsch nach einem gesunden Lebensstil ist ein rasant wachsender Markt. 2024 erreichte er weltweit 6.9 Billionen US-Dollar und hat sich somit seit 2013 verdoppelt. «Wellness ist mehr als einfach nur ein Trend, sondern es wird für viele zu einem Lifestyle», erklärt Christine Schäfer im «Club».
Als Trendforscherin am Gottlieb Duttweiler Institut leitete sie die in diesem Jahr veröffentlichte Studie «Feelgood-Revolution». Dafür wurden Menschen in der Schweiz, Deutschland und Österreich zu Gesundheit, Ernährung und Schönheit befragt.
Mehr Wohlbefinden, mehr Druck
Die Studie zeigt einen grundlegenden Wandel: Gesundheit, Ernährung und Schönheit verschmelzen zu einer Wellness-Ökonomie, die zunehmend Konsum und Alltag bestimmt. Gleichzeitig wächst der Druck, leistungsfähig, gesund und attraktiv zu sein – eine Entwicklung, die besonders Frauen und jüngere Generationen betrifft.
«Die Gesundheit ist heute mehr als einfach Medizin, sondern sie ist zu einer konstanten Aufgabe im Alltag geworden», erklärt Schäfer. Über die Hälfte der Befragten sei überzeugt, die eigene Gesundheit und sogar den Alterungsprozess steuern zu können.
«Wellness Maxxing» als Selbstoptimierung
Diese Entwicklung beobachtet auch Manuel Puntschuh, Arzt für Prävention und Longevity. Im Zentrum der teils umstrittenen Longevity-Medizin steht das Versprechen, mit individuellen Gesundheits-Checks und Behandlungen die Lebensspanne zu verlängern.
Als Puntschuh noch als Hausarzt arbeitete, seien bereits jüngere Menschen für einen Gesundheits-Check in seine Praxis gekommen: «Aber bei den Menschen, die heute zu mir kommen, sind es andere Voraussetzungen und auch eine andere Art von Vorwissen.» Das Interesse am Thema Gesundheit sei heute deutlich grösser, bestätigt er.
Zwar sind laut GDI-Studie viele Menschen motiviert, etwas für ihre Gesundheit zu tun, doch das Angebot an Möglichkeiten und Informationen überfordere auch viele. 36 Prozent fühlen sich durch die Erwartungen an ein gesundes Leben gestresst, 33 Prozent haben das Gefühl, nie genug für ihre Gesundheit zu tun, und 31 Prozent wissen gar nicht mehr, was eigentlich als gesund gilt.
Trendforscherin Schäfer spricht vom «Wellness-Paradox»: Das starke Bestreben und Verantwortungsgefühl, die eigene Gesundheit zu verbessern, führe zunehmend zu Stress und einem «Wellness-Burn-out». «Wir versuchen zu viel und es funktioniert nicht.»
Die neue Freizeit
Auch die Freizeitbranche spürt diesen Bedürfniswandel: Der Alkoholkonsum sinkt seit Jahren, während Tagesveranstaltungen boomen. Nachtklubs bieten Yogastunden an, «Runclubs» ersetzen die Bar und getanzt wird in Turnschuhen bei Cappuccino – ob in Cafés, Bäckereien oder auf Booten. «Ich will meinen Körper bis an das Ende meines Lebens. So achte ich jetzt auf meine Gesundheit und habe keine Probleme, bis ich 90 bin», erzählt ein Besucher eines sogenannten «Coffee Raves» in der SRF‑Sendung «Club».
Wo Freizeit einst in ihrer Unproduktivität zelebriert wurde, ist heute zunehmend die Leistungsfähigkeit zentral. Trendforscherin Schäfer vermutet: «Selbstoptimierung kann auch ein Bedürfnis nach Kontrolle in einer Welt sein, die komplett aus den Fugen geraten ist.»
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.