Welthandel: WTO warnt vor Blockbildung

Die Welthandelsorganisation will mit ihrem aktuellen Bericht für ihr Weiterbestehen werben. Ohne ihre Regeln würde das globale Wachstum schrumpfen.
Foto: Mike Blake/reuters
Wie sähe Welthandel aus, würde die Welthandelsorganisation (WTO) abgeschafft? Ohne die Regeln der WTO würden Exporte weltweit bis 2050 um fast 27 Prozent zurückgehen und die Weltwirtschaft um fast 7 Prozent schrumpfen. Das hat die Organisation in ihrem diesjährigen Welthandelsbericht 2026 berechnet, der am Dienstag in Genf vorgestellt wurde.
In Zeiten von geopolitischen Kriegen und Handelskrisen, Protektionismus der USA, Chinas Exportüberschüssen und mehr bilateralen Freihandelsabkommen, die auch etwa die EU vehement vorantreibt, liefert die WTO damit Argumente für ihr Weiterbestehen. „Wir alle haben etwas zu verlieren, wenn die Stabilität des Systems untergraben wird“, erklärte WTO-Chefin Ngozi Okonjo-Iweala am Dienstag in Genf.
Die Analyse modelliert in verschiedenen Szenarien, wie sich die Zersplitterung der Weltwirtschaft etwa in Blocks und multiple Freihandelsabkommen auf das globale Wachstum in den nächsten 25 Jahren auswirken würde. Demnach würde mehr multilaterale Kooperation zu einem Zuwachs von 2,9 Prozent führen. Geopolitische Fragmentierung oder die Abschaffung der WTO‑Regeln würden die ärmsten Länder, die sogenannten LDCs, besonders stark treffen. Die WTO prognostiziert einen Rückgang ihrer Wirtschaftsleistung um 16,5 Prozent. Bei reichen Ländern wäre es ein Einbruch von 4,5 Prozent.
Die ärmsten Länder, die sogenannten LDCs, machen weiterhin weniger als 1 Prozent des Welthandels aus
Auch die WTO gibt zu, dass Länder höchst unterschiedlich von ihren bestehenden Regeln profitieren. Die ärmsten Länder, die sogenannten LDCs, machen weiterhin weniger als 1 Prozent des Welthandels aus. Das spiegelt nicht nur die Produktionsmengen, sondern auch den Wert der Exporte wider. Viele Entwicklungsländer sind weiterhin abhängig von billigen Rohstoffexporten. Laut Bericht liegen die Handelskosten der ärmsten Länder um 50 Prozent über denen reicher Staaten. Dabei spielen auch Handelshemmnisse eine Rolle, unter anderem Vorgaben bestimmter Standards und Zertifizierungskosten.
WTO selbst macht keine Reformvorschläge
Die WTO ist schon seit 25 Jahren von tiefen Differenzen blockiert. Viele Entwicklungsländer kritisieren seit jeher die Agrarsubventionen reicher Länder. Vor allem die USA und die EU werfen hingegen China vor, den Wettbewerb durch Industriesubventionen zu verzerren. Seit Jahren blockieren die USA, dass neue Richter*innen für den Streitschlichtungsmechanismus eingesetzt werden. Um handlungsfähig zu bleiben, setzt die WTO derzeit auf sogenannte plurilaterale Abkommen zwischen vielen, aber eben nicht allen Mitgliedern. Ein Reformprozess der WTO wurde zwar gestartet, bislang gibt es aber wenig Bewegung.
Rund 72 Prozent des Welthandels unterliegen nach wie vor dem zentralen Prinzip der WTO, der Meistbegünstigungsklausel (MFN). Sie verpflichtet WTO-Mitglieder, Handelsvorteile allen Partnern gleichermaßen zu gewähren, während bestimmte Ausnahmen für ärmere Länder zum Schutz entstehender Ökonomien gelten. Anfang 2025 waren es noch 80 Prozent des Welthandels: Die Auswirkungen der Zollerhöhungen durch die USA und der zunehmenden Bedeutung von Handelsabkommen machen sich bemerkbar.
Die WTO macht im aktuellen Bericht selbst keine Reformvorschläge, sondern analysiert, wo Anpassungen einzelner Regeln nötig wären. Er rückt die zunehmenden geopolitischen Spannungen und eine veränderte multipolare Wirtschaft in den Mittelpunkt, neue Bedingungen durch mehr Handel mit Dienstleistungen, Digitalisierung und künstliche Intelligenz und auch die Regeln, die Regierungen bereits aufstellen, um diese Entwicklungen zu kontrollieren.
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