Stünde die Welt einmal still: Die Verletzungsgefahr scheint hoch

Wenn der Hebelgriff und die reitenden Männer vor allem zur Pointe taugen: Lebe ich selbst zu sehr für die Geschichten, die ich anderen erzähle?
Foto: Rouzbeh Fouladi/imago
D arf ich dir was zeigen, was wir zum Aufwärmen gemacht haben?“ S. seufzt, legt sich hin auf die weiche Matte vor der Boulderwand und wartet darauf, dass ich mich auf sie draufsetze. Ich war am Montag bei meiner ersten Brazilian-Jiu-Jitsu-Stunde – Bodenrangeln für Erwachsene –, daher ihre Sorge, dass sie gleich einen meiner ungelenken Versuche eines Hebelgriffs überstehen müsste. Bereits am Mittwoch musste ein gemeinsamer Freund von uns dran glauben.
„Nee, steh auf! Ich wollte dir zeigen, wie wir über den Boden gerobbt sind“, sage ich und bewege mich wie ein Shrimp über die Matte. Mir scheint die Verletzungsgefahr sehr hoch, ich weiß nicht, ob ich da nochmal hinmag“, gestehe ich ihr beim Aufstehen an diesem Freitagabend. „Ja, ich hab auch eher das Gefühl, dass du es für den Plot machst. Um davon zu erzählen“, sagt sie und stellt sich an die nächste Route.
Ich bleibe kurz stehen. Sind Dinge nur passiert, wenn wir auch von ihnen erzählen? Lebe ich selbst zu sehr für die Geschichten, die ich anderen erzähle? Um sie mit lustigen Anekdoten zu unterhalten? Wie eine Hofnärrin?
Ich denke an Donnerstagabend zurück. Ich saß mit einem Freund im Deutschen Theater, wo Jan Friedrich gerade Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“ inszeniert. Ein unterhaltsames Stück mit tollem Bühnenbild („was die ganze Holzverkleidung wohl gekostet hat“, fragt F. begeistert). Auf der Bühne geht es um zwei junge Holländerinnen, die eines Tages im mittelamerikanischen Regenwald verschwinden, und eine Theatergruppe, die ihnen nachrecherchiert. Doch vielmehr stehen die lustigen bis schaurigen Anekdoten, von denen die Theatergruppenmitglieder auf ihrer Reise berichten, im Vordergrund. Sie erzählen mitreißend von gebärenden Ziegen, fettigen Händen oder reitenden Männern.
Welche Geschichten werden gehört?
Und geben doch am Ende immer mehr über sich selbst preis als am Anfang intendiert. Unterbrochen wird niemand, alle bekommen ihren Raum, und ich frage mich nun, welchen Geschichten hören wir zu und welchen nicht?
Am Samstag laufe ich mit dickem Mantel durch den Regen Kreuzbergs. Dutzende bunte Regenschirme schieben sich an den Menschen auf dem Rio-Reiseenr-Platz vorbei. Sie wollen zuhören. Menschen zuhören, die in den vergangenen Tagen viel durchgemacht haben, die an Sicherheit verloren haben, deren Stimmen eh oft viel zu selten zugehört wird. Am 18. Oktober führte die Berliner Polizei eine Razzia im queeren Zentrum Casa Kuà durch, während eines Treffens für trans Frauen. Mehr als 2.500 Menschen stehen dicht gedrängt um die kleine Bühne, halten Schilder hoch und sich in den Armen, hören den Redner*innen zu, lachen, klatschen und weinen.
„Hands off Trans lives“ und „Protect the Dolls“ schreiben sie auf braune Pappkartons und tragen sie voller Stolz durch den Kiez.
Ich schiebe mich zwei Stunden später kalt und nass zurück durch die Samstagsbummelnden zum Kottbusser Tor. Sie sitzen im Second-Hand-Laden und Café, warum gehen nicht alle zur Demo, wenn sie gerade in der Nähe sind, machen ihre Läden kurz zu, trinken den Kaffee ein wenig später, denke ich ein wenig naiv.
Früher als Kind war ich der festen Überzeugung, dass die Welt stillsteht, wenn WM ist und Deutschland spielt. Alle sitzen dann zu Hause vor dem Fernseher. Niemand ist auf der Straße unterwegs. Klar war mir auch schon damals, die polnischen Spiele haben damals nur meine Babcia, ihr rot-weißes Geschirrhandtuch und ich gesehen. Aber wenn Deutschland spielt, dachte ich, hat das Priorität. Warum diese kindliche Fantasie nicht mal umsetzen? Die Gemeinschaft macht eine Pause für den Zusammenhalt, für Solidarität, lässt alles liegen und schaut und hört zu. Ich wünschte mir, dass es gerade auch jetzt in Kreuzberg so wäre.
Anastasia Zejneli Redakteurin
studierte Wirtschaftspolitischen Journalismus in Dortmund, war Taz-Volontärin, Redakteurin im Auslandsressort und arbeitet aktuell bei Taz2. Schreibt in der Kolumne "Economy, bitch" über Popkultur und Wirtschaft. Bluesky: anastasiazej
Vom Stummfilm zum Donnergott Eine Schwäche für bewegliche Augenbrauen
Kolumne Ausgehen und Rumstehen von Jenni Zylka
Perfektes Make-up für ihn, fehlende Raver beim Crémant und Mösen für die Götter: Herrlich ist das Getöse der Stadt. Doof, dass es nicht alle so sehen.
Das Aufschieben aufschieben Improvisation ist fast alles
Kolumne Ausgehen und Rumstehen von Stephanie Grimm
Auch wenn im Berliner Prinzenbad die Eidechsen weniger werden: Das Drinnenbleiben, weil der Sommer um ist, muss warten, wenn ein Festival mit Herbstmusik lockt.
Langsamer Wahlsonntag Die Sehnsucht, dabei sein zu können
Kolumne Ausgehen und Rumstehen von Sophia Zessnik
Nach dem Wählen helfen Pancakes, Wespen und Klettern gegen die Wehmut. Und am Ende findet man vielleicht doch so etwas wie Gemeinschaft.
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.