Finales Duell: Schwesig vs. Holm : Im Norden stellt nicht die AfD den Medienprofi

Finales Duell: Schwesig vs. HolmIm Norden stellt nicht die AfD den Medienprofi
17.09.2026, 06:01 Uhr
Von Sebastian Huld

In Mecklenburg-Vorpommern präsentiert sich AfD-Ministerpräsidentenkandidat Holm als bürgerlich-harmlose Alternative. Im letzten TV-Duell gegen Amtsinhaberin Schwesig zeigt sich: Aus AfD-Sicht ist der Bewerber eher zu harmlos gegen eine mit allen Ostsee-Wassern gewaschene Landesmutter.
Schweinswale und Zwergseeschwalben, Warzenbeißer und Bienenwolf. "Noch nie war die Aufmerksamkeit bei einer Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern so groß", begrüßt NDR-Moderatorin Susanne Stichler zum finalen Wahlduell zwischen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und AfD-Herausforderer Leif-Erik Holm. Dennoch zeigt ihr Sender zur Primetime erstmal eine Dokumentation über die Tierwelt in der Lübecker Bucht. Dabei kann der um 21 Uhr startende politische Showdown durchaus mithalten mit den Aufnahmen von aufeinander krachenden Dammwild-Geweihen: Die Sozialdemokratin und der AfD-Ministerpräsidentenkandidat schenken sich über 60 Minuten Debatte nichts.
Schwesig treibt für den so wichtigen TV-Auftritt ihr markentypisches Rot auf die Spitze. Blazer, Bluse, Hose, Schuhe: alles in Rot. Holm kommt im leichten, hellblauen Sommeranzug und weiß "die Frau gegen Blau" neben sich - so der Slogan von Schwesigs Kampagne. Dass SPD und AfD laut Umfragen beide am Sonntag stärkste Kraft werden können, ist für Schwesig Lohn einer aufwendigen, Monate währenden Aufholjagd. Für Holm ist dieser Trend eher ernüchternd, doch das Rennen offen: "Ich denke, es werden viel mehr Menschen zur Wahl gehen, als wir glauben", sagt der Bundestagsabgeordnete Holm. "Das haben wir in Sachsen-Anhalt ja schon erlebt."
Tatsächlich hatten in dem Bundesland weiter südlich die letzten Umfragen vor dem 6. September den AfD-Sieg so nicht erwarten lassen. Warum nicht auch im zweiten ostdeutschen Flächenland, das in diesem Herbst einen neuen Landtag wählt? Weil "60 Prozent im ganzen Land" wollten, dass Schwesig Ministerpräsidentin bleibe und nur 25 Prozent Holm präferierten, wirft Schwesig ein.
Das Ungleichgewicht in dieser Umfrage zieht sich auch durch die Sendung. Schwesig hat sich einen Ruf als Wahlkampfmaschine erworben. Über die gesamte Sendung kommt sie nie ins Stocken, redet schneller und pointierter als der frühere Radiomoderator Holm, bleibt stets bei ihren vorab festgelegten Botschaften und lässt sich durch keine Äußerung Holms aus der Ruhe bringen. Das ist der Unterschied zu Sachsen-Anhalt: Im Nordosten stellt nicht die AfD den Medienstar, es ist die alte Tante SPD.
"Mit 'ner halben Arschbacke nur im Land"
Doch Holm weiß ja, dass im Land nach neun Jahren Schwesig-Regierung genug Probleme sind, als dass er nicht trotzdem inhaltlich punkten könnte. Stichler und ihr Co-Moderator Thilo Tautz liefern mit kurzen Einspielern die Stichworte: Lehrermangel, Bürokratie und Wirtschaftswachstum, Energiepolitik, Rassismus und Fachkräftezuwanderung, die Zukunft des NDR. Zuvor aber müssen beide Kandidaten über ihre jeweiligen offensichtlichen Schwachpunkte sprechen.
Bei Holm ist es die Frage, warum er recht aussichtslos in Schwesigs Wahlkreis kandidiert, nicht aber auf der AfD-Landesliste steht. Will Holm nur von Berlin nach Schwerin wechseln, wenn er Regierungschef werden kann? Als Holm nicht wirklich eine Begründung liefert, hakt Tietz nach, warum Holm "so mit 'ner halben Arschbacke nur im Land" sei? "Wenn ich das Mandat hole, dann bin ich auch im Landtag", beharrt Holm. Schwesig giftet: "Herr Holm hat sich ein sicheres, gut bezahltes Rückfahrticket in den Bundestag gesichert. Man weiß also nicht, wenn man ihn wählt, ob er überhaupt hier bleibt."
Schwesig selbst könnte wohl jederzeit nach Berlin wechseln, so sehr sehnt sich ihre Partei nach einer erfolgreichen Sozialdemokratin. Die Moderatoren wollen wissen, warum Schwesig ihre SPD lieber aus dem Wahlkampf raushalte und keine prominenten Bundespolitiker einlade? Mühelos umschifft Schwesig das Thema SPD und erklärt, dass sie ja immer nur Politik für ihr Land mache. "Deshalb bin ich auch das personelle Angebot." Und dieses personelle Angebot zeigt sich höchst alarmiert: Eine AfD-Regierung werde die Wirtschaft kaputt machen und Frauenrechte einschränken - Frauen, muss man wissen, sind Schwesigs wichtigste Wählergruppe.
"Wir sind keine schädliche Partei"
"Völliger Unsinn" sei das, so Holm wiederholt. Er wirft Schwesig immer wieder vor, den Menschen Angst zu machen, zu lügen und vor allem selbst Polarisierung zu betreiben - was sie der AfD ja immer vorwerfe. Holm versucht sich mehr noch als Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt, als bürgerlich-seriöser Kandidat zu präsentieren. Am Ende sagt er: "Ich möchte nochmal klarstellen: Wir sind keine schädliche Partei, wir sind eine normale Partei." Holm vertrete in Mecklenburg-Vorpommern ein "komplett bürgerlich-konservatives Programm - im Prinzip das, was die CDU vor 30 Jahren gemacht hat".
Die immer wieder auftauchenden Verbindungen von AfD-Kandidaten zu rechtsextremen Organisationen stellt er als Jugendsünden dar. Als in einem Einspieler ein 29-jähriger Bauzeichner aus Marokko vorgestellt wird, der wegen ständiger Beschimpfungen auf der Straße das Bundesland verlassen will, sagt Holm: "Das ist natürlich schade, dass es solch eine Stimmung gibt." Schuld sei die Politik und die illegale Einwanderung, daher komme "diese Stimmung, die mir natürlich auch Sorgen macht".
Holm kritisiert, Schwesigs Regierung habe im ersten Halbjahr nur 79 Menschen abgeschoben. "Sie hatten keine Antwort für den, wie sie ihm seine Sorgen nehmen. Sie reden sofort über Abschiebungen", sagt Schwesig und verweist auf gesunkene Zuwandererzahlen und mehr freiwillige Ausreisen. Holm beharrt darauf, dass auch die AfD offen sei für Fachkräfteeinwanderung - was für die AfD als ganze nun wirklich nicht stimmt. "Fachkräfte, die mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche da sind, die Deutschkenntnisse haben und legal hierherkommen, sind natürlich willkommen", sagt Holm. Auch das Asylrecht wolle er grundsätzlich nicht abschaffen.
Holm tut sich schwer im Angriff
Den faktischen Austritt Mecklenburg-Vorpommerns aus dem NDR, den das Wahlprogramm der AfD fordert, verteidigt Holm mit dem Satz: "Weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk, auch der NDR, des Öfteren desinformiert, weil er nicht objektiv und ausgewogen berichtet." Das wollen Stichler und Tautz nicht auf sich sitzen lassen. Wie schon beim Thema Rassismus muss Holm viel seiner Redezeit darauf verwenden, zu erklären, warum er und seine Partei so völlig anders ticken als alle anderen im Landtag vertretenen Parteien.
Andererseits gelingt es Holm auch nur begrenzt, bei den großen Sachthemen konkrete Gegenvorschläge vorzulegen. Gegen den akkuten Lehrermangel will er die in den Schulbehörden arbeitenden Lehrer zurück in die Klassenräume schicken. Zum Thema Bürokratie-Lasten für Unternehmen sagt Holm Sätze wie "Es gibt viele Dinge, die man neu regeln müsste" und "Bürokratieabbau kostet nichts". Als es um die flächendeckende Gesundheitsversorgung geht, sagt Holm "Wir wollen vor allen Dingen unsere Krankenhäuser erhalten. Wir sind hier in einem großen Flächenland, und da brauchen wir die Gesundheitsversorgung auch vor Ort." Er plädiert für den Erhalt der Notaufnahmen.
Fast nie hat Holm das Beispiel eines konkret Betroffenen parat, nennt nur selten bestimmte Orte im Land oder zählt konkrete Fehler der Landesregierung auf. Etwas, dass er sicher könnte, hätte Holm die vergangenen Jahre selbst Politik im Land gemacht - oder würde entsprechend von der Landespartei gefüttert, die aber auch nicht voll hinter Holm zu stehen scheint.
Gnadenlose Schwesig
Zugleich ist Schwesig gnadenlos: "Es kann nicht sein, dass über ein Drittel der Schüler durch die Abiprüfung rauscht", sagt Holm. Er meint damit den konkreten Fall einer Schule, über die Holm eingangs der Sendung gesprochen hatte. Doch die Ministerpräsidentin stürmt rein: "Das ist typisch für Sie! Sie suchen sich einen Fall und scheren das ganze Land über einen Kamm!" Die Durchfall-Quote beim Abitur liege in Mecklenburg-Vorpommern bei 7 Prozent. Holm verhalte sich respektlos gegenüber der Arbeit der "über 13.000 Lehrerinnen und Lehrer im Land". Man darf annehmen, das Holm wirklich nur die eine Schule meinte, aber Schwesig hat ihre Zahlen parat, kann Wahlkampf und scheut - wie von Holm beklagt - tatsächlich nicht die Zuspitzung.
Das zeigt sich auch, als Schwesig mal eben über Holm sagt: "Sie werden, wenn Sie überhaupt die Macht bekämen, immer alles machen, was Alice Weidel sagt." Das ist eine wirklich unbelegbare Behauptung, schließlich gab es noch nie eine AfD-Landesregierung, in die Bundesparteichefin Weidel hätte hineinfunken können. Doch Schwesig geht es um etwas anderes: "Ich mache nicht das, was ein Bundeskanzler oder meine Bundespartei sagt. Ich mache das, was die Menschen hier im Land bewegt und gut für unser Land ist." So breitbeinig wie Schwesig muss eine Amtsinhaberin im Angesicht einer möglichen Abwahl erst einmal auftreten gegen eine AfD, die an der 40-Prozent-Mark kratzt. Und nur deswegen wird es überhaupt erst so spannend, wenn am Sonntag im Osten eine SPD-Politikerin gegen einen AfD-Kandidaten antritt.
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