Forschungsdatenzentrum soll mit ePA-Daten und KI zum Riesen werden
Nach der positiven Bilanz zum ersten Jahr des Forschungsdatenzentrums (FDZ) Gesundheit und der angekündigten Anbindung der elektronischen Patientenakte (ePA) stand am Mittwoch auf dem Health Data Summit in Berlin der Ausbau der neuen Infrastruktur auf der Tagesordnung. Der Zugriff auf Daten von rund 75 Millionen gesetzlich Versicherten steht, mehr als 120 Anträge dafür liegen vor. Nun geht es um Datenqualität, KI und das geplante Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG). Karl Broich, Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), bezeichnete das FDZ als „Herzensangelegenheit“. Ziel sei es, aus der Versorgung zu lernen.
Thomas Renner, Unterabteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium, verwies auf die breite Nutzung. Antragsteller aus Industrie, Versorgungssteuerung und Wissenschaft seien nahezu gleichmäßig vertreten. Die „Kreativität der Fragesteller“ zeige das Potenzial des Datenschatzes. Ein Hebel sei die Ausleitung strukturierter ePA-Daten. So könnten Analysen näher an Echtzeitdaten rücken und mit Registern verknüpft werden – ähnlich dem dänischen Vorbild. Dafür brauche es klare Regeln. Ende Oktober startet das Verfahren zur Aufnahme der ePA ins FDZ. Nach einer sechswöchigen Widerspruchsfrist beginnt Mitte Dezember die stufenweise Ausleitung, beantragen lassen sich die Daten ab 2027.
Kontrovers ist die mit dem GeDIG vorgesehene Re-Identifizierung. Ärzte und Kliniken sollen unter klaren Voraussetzungen identifiziert werden können, etwa um geeignete Teilnehmer für klinische Studien zu finden. Auch Konzilien und die Qualitätssicherung würden profitieren. Die Rückverfolgbarkeit bleibe auf diese drei Anwendungsfälle beschränkt, versicherte Renner: „Der Patient selbst darf weiterhin nicht re-identifiziert werden.“ So sollen Analysen bei geschützter Privatsphäre möglich sein. Kritiker warnen aber vor einer recht einfachen De-Anonymisierung Einzelner und vor dem gläsernen Patienten.
Stefanie Stoff-Ahnis vom GKV-Spitzenverband zeigte sich stolz auf das Erreichte. Die Kassen finanzierten das FDZ nahezu vollständig und hätten rund zehn Anträge gestellt, darunter eine Untersuchung zu Telemonitoring bei Herzinsuffizienz. Stoff-Ahnis forderte schnellere, stabilere Prozesse: Ergebnisse müssten rechtzeitig vorliegen, um die Versorgung zu verbessern. Sie plädierte für einen Kulturwandel und mehr Diskussion über den Nutzen der Datenausleitung.
Matthias Mieves (SPD) nannte das FDZ einen „German Health Data Hub“ und „Riesenerfolg“. Das international gut aufgestellte deutsche Gesundheitssystem benötige eine stärkere datenbasierte Steuerung. ePA-Inhalte und Register sollten den Datenbestand vertiefen, langfristig sei Europas größter integrierter Datensatz das Ziel. In einer hochsicheren FDZ-Umgebung solle sich KI trainieren lassen, um historische Daten für echtzeitnahe Analysen zu nutzen.
Usability und Datenqualität als Bremsklötze
Der CDU-Abgeordnete Thomas Pauls mahnte einfachere Anwendungen an. Datenschutz und -sicherheit seien essenziell, doch ePA-Apps erreichten in App-Stores im Schnitt nur 2,5 von 5 Sternen. Nutzer rügten umständliche Abläufe, mangelnde Gerätefreundlichkeit und doppelte Eingaben. Solche Reibungsverluste wären in der Privatwirtschaft kaum akzeptabel. Das Gesundheitswesen sei zu analog. Der Gesetzgeber müsse beim GeDIG entsprechend nachbessern. Akzeptanz brauche nahtlose, unkomplizierte Angebote.
Alexandra Ramshorn-Zimmer vom Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) verwies auf Sepsis-Projekte: Daten aus Notaufnahmen, Kassen und Nachversorgung hätten bislang mühsam zusammengeführt werden müssen. Das FDZ könne als One-Stop-Shop dienen. Nötig seien Vergleichstests, die Ärzten Hinweise zur Versorgungsqualität gäben.
Für die personalisierte Medizin reichen Abrechnungsdaten oft nicht aus, weiß Nisar Malek vom Universitätsklinikum Tübingen, Sprecher des Deutschen Netzwerks für Personalisierte Medizin. Zudem werde das Ansprechen auf Therapien zu selten dokumentiert. Vergütung und Analyseverfahren müssten angepasst und verknüpft werden. Malek forderte: „Wir wollen Promptisierung haben, nicht komplexe Analysen.“ Das FDZ-Angebot müsse mit künstlicher Intelligenz verknüpft werden, „sonst werden wir den vollen Nutzen nicht bekommen“. Maschinelles Lernen könne Muster erkennen und klinische Hinweise mit bis zu 90 Prozent Genauigkeit liefern.
Forschung zwischen „Ochsentour“ und KI-Potenzial
Verena Vogt vom Universitätsklinikum Jena erinnerte daran, dass Forscher früher bei Kassen um Datenzugang hätten betteln müssen. Das FDZ stoße international auf Interesse, etwa bei Harvard. Doch neun Monate Verzögerung bei Diagnosedaten und starre Plausibilisierungsschleifen bremsten die Arbeit.
Der Zugang für die Industrie sei eine „Ochsentour“, beklagte Christian Müller, Leiter Data Generation bei Bayer Vital. Wegen strenger Anonymisierung arbeite die Industrie „wie mit verbundenen Augen“ im FDZ-Analyseraum: Variablen und Rechenkapazitäten seien begrenzt. Nötig seien automatisierte Abläufe und weniger manuelle Prüfschleifen. Bereits auf einer Veranstaltung zum Forschungsdatenportal Gesundheit hatte Müller sich darüber beklagt, dass es schwer sei, an Daten zu gelangen.
Das GeDIG und der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) könnten das FDZ effizienter machen, waren sich die Panelteilnehmer einig. Dafür müssten Zugänge schneller, Daten besser und technische Hürden kleiner werden. Das würde den Forschungsstandort stärken.
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