Abfallsammler auf hoher See: Ogyres Müll-Flotte fischt gegen Meeresverseuchung an

Abfallsammler auf hoher SeeOgyres Müll-Flotte fischt gegen Meeresverseuchung an
Zwei italienische Gründer sagen der Müllverschmutzung in den Weltmeeren den Kampf an. Innerhalb weniger Jahre hat sich ihr Startup zu einem breiten Netzwerk aus lokalen Fischern und globalen Unternehmen entwickelt.
Wenn von Abfallentsorgung die Rede ist, denken viele zunächst an die Müllwagen und Arbeiterinnen und Arbeiter, die in aller Herrgottsfrühe Stadtviertel und Gemeinden abklappern und die Tonnen leeren. Von Müllfischern haben stattdessen wohl die wenigsten gehört. Die gibt es aber auch.
Sie erledigen ihre Arbeit wie die Kollegen an Land, nur nicht mit Müllwagen und auf festem Boden, sondern mit Booten auf offenem Meer oder an den Küsten entlang. Sie sammeln den auf der Meeresoberfläche schwimmenden oder auf dem Meeresgrund liegenden Müll und bringen ihn an Land, wo er fachgerecht recycelt oder endgültig entsorgt wird.
2020 gründeten die beiden Italiener Antonio Augeri und Andrea Faldella die Plattform Ogyre mit dem Ziel "eine Community aufzubauen, die sich wirklich für den Schutz der Ozeane einsetzt", erklärt Augeri im Gespräch mit ntv.de.
Der Segler und der Surfer
Mittlerweile verfügt Ogyre über eine Flotte von über 200 Fischern, die im Laufe der vergangenen Jahre über 1,8 Millionen Tonnen Müll aus den Ozeanen gefischt haben. Die aktuellen Einsatzgebiete sind Italien, Brasilien, Indonesien und Senegal. Neben dem Herausfischen von Müll wird auch an der Sensibilisierung von Bevölkerung und Institutionen gearbeitet, um die Wiederverwertung oder, wenn es nicht anders geht, die Entsorgung so effizient wie möglich zu gestalten.
Augeri und Faldella sind beide um die 40 Jahre alt. Faldella ist Segler, Augeri Surfer. Die beiden eint ihre große Leidenschaft fürs Meer. "Das Meer spielte schon immer eine wichtige Rolle in meinem Leben", erzählt Augeri. Der Anstoß für Ogyre kam während einer Reise nach Ad-Dakhla in Marokko. "Ich kam an einen Strand, der von Plastikmüll übersät war. Das war einer dieser Momente, in denen du ein Problem, das du schon seit Längerem kennst, plötzlich nicht mehr ignorieren kannst."
Faldella kommt aus der Finanzwelt und hatte vor Ogyre schon Erfahrung als Unternehmer im Bereich Energieeffizienz. "Als wir begannen, uns über das Meer auszutauschen, merkten wir bald, dass sich unsere Erfahrungen perfekt ergänzten. Und so begannen wir ein Modell zu entwickeln, um unser Faible für das Meer und das Problem der Verschmutzung in ein strukturiertes, konkretes und skalierbares Projekt zu verwandeln." So entstand Ogyre.
Als Erstes wurde das Modell in Italien, genauer in Santa Margherita, Ligurien und Cetara bei Salerno ausprobiert. "Wir sind ja hier zu Hause und wussten, wie wir uns zu bewegen hatten", sagt Augeri. Danach ging es ins Ausland. "In Gegenden, wo die Entsorgung besonders dringend ist."
Extra Einnahmequelle für Fischer
Eingesammelt wird der Müll während der normalen Fischfangtätigkeit, aber auch bei extra organisierten "Törns". "Für uns macht das keinen Unterschied, ob der Müll während der normalen Arbeitszeit oder bei einer extra geplanten Ausfahrt gesammelt wurde." Was zählt, sind der Einsatz, die Zeit und die Ortskenntnisse. "Und das ist auch ein Grundpfeiler unseres Modells."
Da es sich nicht um ehrenamtliche Arbeit handelt, werden die Fischer bezahlt. "Und im Laufe der Zeit ist diese Arbeit für einige zu einer wichtigen zusätzlichen Erwerbsquelle geworden", sagt Faldella.
Die Fischer werden auch mit den nötigen Arbeits- und Sicherheitsinstrumenten ausgestattet, wie etwa Handschuhen, Schutzmasken, Behältern. Im Senegal zum Beispiel, wo auch Tauchgänge nötig sind, um schwere Reifen aus dem Wasser zu holen, werden zudem Seile und anderes Werkzeug zur Verfügung gestellt. In Brasilien wurde jüngst auch ein Schleppkahn gebaut, damit die Fischer mit den kleineren Booten nicht ständig wieder zurückmüssen, um sie zu entleeren.
Sobald der Müll an Land ist, "wird er gewogen, fotografiert und auf unserer Plattform registriert", fährt Augeri mit der Erzählung fort. "Das garantiert die Rückverfolgbarkeit. Ab dem Moment hängt es außerdem von den lokalen Infrastrukturen ab, sowie vom Material und dem Zustand des Abfalls, was mit dem herausgefischten Müll weiter geschieht."
Ziel ist es, so viel wie möglich dem Recycling zuzuführen. Wenn aber das Material schon zu sehr vom Meereswasser angegriffen und zersetzt wurde, kommt es in eine kontrollierte Entsorgungsanlage.
Deutsche N26-Bank mit an Bord
Eine weitere wichtige Säule von Ogyre sind Unternehmen, kleine, mittlere und große. "Es sind italienische wie internationale Firmen, die beschlossen haben, den Schutz der Ozeane in ihre Nachhaltigkeitsstrategie einzubeziehen", erklärt Faldella. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Aus dem Großvertrieb, sowie aus der Beautybranche, wie etwa Shiseido, aus der Elektrobranche wie Brionvega oder aus dem Bankenwesen, wie die deutsche Onlinebank N26.
Die Unternehmen legen spezifische Sammelziele fest und können die Projektergebnisse in ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung, ihre Kommunikation und Initiativen für Kunden und Stakeholder integrieren. "Ihre finanzielle Beteiligung ermöglicht unter anderem die Entlohnung der Fischer sowie die Unterstützung der Gemeinden, die im Recyclingprozess und der Entsorgung miteinbezogen sind."
Aber zurück zum Müll. "90 Prozent davon ist, und das überall, Plastik", sagt Augeri. "Jedes Gebiet kämpft aber zusätzlich auch mit ganz eigenen Problemen. In Italien sind das oft etwa Materialien aus dem Bauwesen. In Indonesien sind es Lebensmittelbehälter und Aluminiumdosen. Im Senegal sind es Textilien."
Das sind wichtige Beobachtungen, die auch helfen, das Recycling und die Entsorgung gezielter zu organisieren. Genauso wichtig bleibt aber die Vorsorge, damit der Müll gar nicht erst in die Ozeane gelangt.
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