Mitlaufen beim Hamburger Halbmarathon: Am Schluss lockt das Franzbrötchen

Dass gemeinsam Laufen gerade sehr beliebt ist, war jetzt beim Hamburger Halbmarathon zu zählen. So viele wollten dabei sein wie noch nie zuvor.
Foto: Silas Stein/picture alliance/dpa
K eine Ahnung, wieso der Typ mit einer Körperhaltung wie ein Flitzebogen schon wieder vor mir herläuft. Sein Bauchnabel schöbe sich vor seinem restlichen Körper über die Ziellinie, die ist aber noch fast 15 Kilometer entfernt, als ich ihn zum dritten Mal überhole, mindestens. Na gut, trabe ich also erneut an ihm vorbei und noch mal und noch mal und denke irgendwann an Hase und Igel und dann geht es leicht bergab, die Elbe kommt in den Blick, wir lassen den Hamburger Fischmarkt rechts liegen und rennen Richtung Landungsbrücken, Speicherstadt, Hauptbahnhof, um die Alster und zum Fernsehturm über einen blauen Teppich ins Ziel.
Ein Halbmarathon. Ich laufe die 21,1 Kilometer an diesem Sonntag eine Stunde und 8 Minuten langsamer als die Siegerin Selly Simatinyang aus Kenia. Und zwei Minuten schneller als mein Neffe. Der war am Start an mir vorbeigelaufen und in der auf und ab wippenden Menge verschwunden.
Als mein Neffe, meine Freundin aus meiner allerersten WG und ich gegen 10.45 Uhr starten, sind bereits gut 12.000 Läuferinnen und Läufer auf der Strecke, lässt uns der Anheizer wissen und ruft „viel Spaß!“ und so ins Mikro. Beim Frühstück hatten wir erst über Fluch und Segen von KI diskutiert und dann über die Kleiderwahl: Langarmshirt? Windbraker? Regenjacke? Wintermantel? Regenschirm? Doch bloß ein T-Shirt?
Zusammen durch die Stadt laufen kann man auch in Hamburg immer häufiger. Demnächst zum Beispiel im Klövensteen, einem Waldgebiet, in dem neulich ein Wolf gesichtet wurde. Run to tree heißt der Lauf, bedeutet: Erst rennen und dann einen Weihnachtsbaum kaufen. Und im nächsten Sommer findet in Hamburg der Halbmarathon ausschließlich für Frauen statt.
ChatGPT hatte kurze Hose und ärmelloses T-Shirt vorgeschlagen, so eine KI weiß eben nicht, wie kalt kalter Wind ist. Und wir hatten uns gefragt, ob wir doch zusammen loslaufen können. Eigentlich gibt es Startblöcke, A bis G, nach Uhrzeiten gestaffelt, je nachdem wie schnell man so zu sein gedenkt. Als wir dann nach einem kurzen Fußmarsch quer über das Heiligengeistfeld am Millerntorstadion vorbei auf der Reeperbahn ankommen, verschwimmen wir sofort in der Menge, die sich anfühlt wie der Beginn einer Demo, und lassen uns einfach mitziehen.
Angemeldet hatten sich knapp 20.800 Leute, ein neuer Rekord für die 32. Ausgabe dieses Rennens, und damit war es der zweitgrößte reine Halbmarathon Deutschlands, wie der Veranstalter später mitteilt. Irgendeinen Superlativ braucht es halt immer. Die Anmeldezahlen machen aber auf jeden Fall deutlich, dass gemeinsam Laufen gerade sehr beliebt ist. Viele Laufevents melden Rekordanmeldezahlen. An diesem Sonntag in Hamburg sind schließlich 15.534 Leute wirklich gestartet.
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Pappschilder zum Anfeuern
Eigentlich hätte das Rennen bereits Ende Juni stattfinden sollen. Wegen drohender Rekordhitze war es abgesagt worden. Viele Leute an der Strecke hatten ihre Anfeuer-Pappschilder eindeutig bereits im Sommer gemalt, so oft wie Wortspiele mit „heiß“, „hot“, „hotties“ oder so draufstanden.
Kurz vor dem Wiederholungstermin hatte der Deutsche Wetterdienst wieder gewarnt, nun vor Regen und Sturmböen. Hatte ich mir Juni noch schnell ein Cap gegen die Sonne gekauft, war ich nun losgerannt, um mir eine Regenjacke zu besorgen, weil mein Kollege mich fragte: „Du wohnst in Hamburg und hast keine Regenjacke?“ Ich laufe doch nicht im Regen, hatte ich geantwortet. Die Regenjacke liegt nun mit dem Cap unbenutzt im Schrank, Sonntagvormittag schien die Sonne.
An der letzten Getränkestation etwa zwei Kilometer vor dem Ziel sehe ich meinen Neffen wieder, ich stupse ihn von hinten an, als ich an ihm vorbeirenne, er blickt mich überrascht über den Rand seines Pappbechers an, zieht noch ein letztes Mal an mir vorbei, hat aber am Ende das Nachsehen.
Wir treffen uns alle in der riesigen Messehalle mit einer Medaille um den Hals am Franzbrötchenstand wieder. Schweißgeruch hängt in der Luft, Leute liegen dehnend auf dem Boden, ein Läufer fragt uns, wo denn der Bierstand sei. „Du hast blaue Lippen, geh mal schnell heim“, sagt mein Freund, den ich bei den Franzbrötchen treffe, und während die Letzten über die Ziellinie tröpfeln, ziehen wir von dannen. Ich gebe meinem Neffen noch eine Paprika fürs Abendessen mit, und meine Freundin schreibt später: „Meine Beine sind Zaunpfosten.“ Das wird nicht das letzte Mal gewesen sein.
Ilka Kreutzträger Redaktionsleiterin Nord
Jahrgang 1977, die Soziologin arbeitete lange für die taz nord als Autorin und CvD sowie für den NDR in Hamburg als Nachrichtenredakteurin Online und Radio, ging dann kurz zum stern und war stellvertretende Ressortleiterin Lokales bei der Hamburger Morgenpost. Sie gibt an der Uni Bremen seit 2013 Schreib-Workshops. Seit 2023 ist sie Redaktionsleiterin der taz nord.
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