Sci-Fi-Horrorkomödie „Hope“: Das Monster stets im Nacken

Der koreanische Regisseur Na Hong-jin überfallt mit seiner schwarzen Komödie „Hope“ das Kino selbst. Rasend schnell geht es in dieser Menschen-gegen-Monster-Geschichte zu.
Die Handlung lässt sich in einem Satz zusammenfassen. Doch so einfach sollte man es sich nicht machen. Überhaupt kann man sich die Sache mit diesem Film relativ leicht machen, im Guten wie im Schlechten. Als „Hope“, der vierte Spielfilm des südkoreanischen Regisseurs Na Hong-jin, im Mai im Wettbewerb von Cannes vorgestellt wurde, fielen die Urteile recht unterschiedlich aus. Von grundsätzlich wohlwollend, zugleich mit deutlichem „Ja, aber …“ relativiert, bis zu „Quatsch“ reichte das Spektrum in etwa. Einen Preis gab es nicht.
Was erst einmal nichts über die Qualität eines Films aussagt. Wobei allein der Genremix von „Hope“, in dem Action-, Science-Fiction-, Horrorfilm, Western und schwarze Komödie eine schmutzige Allianz eingehen, für einige aus Prinzip abschreckend wirken mag. Sie seien daher gewarnt. Unwahrscheinlich, dass sie durch den Besuch des Films eines Besseren belehrt würden.
Damit zu den schönen Aspekten von „Hope“. Denn es lässt sich viel Liebe zur Filmkunst darin finden. Stil und Eigensinn hat Na Hong-jin schon in Filmen wie „The Chaser“ (2008) oder „The Wailing“ (2016) bewiesen. Und sogar hinter all dem Weltuntergangsspektakelgewese seines jüngsten Beitrags gibt er ein durchaus feinsinniges Verständnis seines Mediums zu erkennen.
Der Film
„Hope“. Regie: Na Hong-jin. Mit Hwang Jung-min, Zo In-sung u.a. Südkorea 2026, 160 Min.
Gleich die ersten Bilder von „Hope“ stellen vor, worum es in den nächsten zweieinhalb Stunden vor allem gehen wird: um Raum und die Bewegung in diesem. Die Kamera fliegt eingangs auf zwei dicht nebeneinanderliegende Bergkuppen zu, zwischen diesen hindurch, um dann den Blick auf eine weite Ebene vor der Küste freizugeben.
Tierkadaver mit Spuren von riesigen Klauen
Ganz langsam beginnt auch die Geschichte. Am Rand der Ebene, kurz vor dem Wasser, fährt ein Polizeiwagen eine Landstraße entlang. Im Wagen sitzen ein Polizist und ein Mann in Freizeitkleidung. Ihr Ziel ist ein Tierkadaver, den Jäger kurz zuvor auf einem Feldweg gefunden hatten. Sonderbar sind die Verletzungen des Tiers. Sie sehen aus wie die Spuren riesiger Klauen. Die Jäger sprechen von einem Tiger, der aus Nordkorea seinen Weg durch die Gegend genommen haben könnte. Man lebt nahe der DMZ, der Demilitarisierten Zone, die die beiden Staaten trennt. Hope Harbor nennt sich das Fischerdorf.
Der örtliche Polizeichef Bum-seok (Hwang Jung-min), der mit seinem zu den Jägern gehörenden Cousin Sung-ki (Zo In-sung) an die Fundstelle gekommen ist, weiß mit dem Fall zunächst nicht viel anzufangen. Er staunt insbesondere über den Zustand des Tiers, den die Kamera mitunter aus schräger Untersicht zeigt, wie um zu signalisieren, dass da etwas verrutscht ist.
Kurz darauf kippt auch die vermeintliche Ruhe. Von seiner Kollegin Sung-ae (Jung Ho-yeon) bekommt Bum-seok per Funk gemeldet, dass es im Ort mehrere Notrufe gibt. Auf dem Weg zurück sieht der Polizeichef am Straßenrand Spuren von Verwüstung. In Gebäuden klaffen beachtliche Löcher in der Fassade, Gegenstände liegen herum, vereinzelt entdeckt er Blutspuren und Leichen. Immer noch weiß Bum-seok nicht, wie ihm geschieht.
Was er gesehen hat, weiß er nicht
Von da steigert Na Hong-jin das Tempo auf eine Weise, die staunen macht. Explosionen sind zu hören, Autos fliegen durch die Luft und erschlagen Menschen auf der Straße, man hört ein animalisches Grollen. Der Auslöser des Chaos bleibt unsichtbar und unbekannt. Bis Bum-seok einen bewaffneten Einwohner entdeckt, der sich unter einer Brücke versteckt hat. Der hat etwas gesehen. Was, weiß er beim besten Willen nicht.
Nach und nach zoomt der Film an das Grauen heran, offenbart immer mehr Opfer. Auch der Blick ändert sich. So stößt Bum-seok mit seinem Begleiter auf stets neue Löcher in Gebäuden, durch die etwas regelrechte Schneisen geschlagen hat. Wenig später laufen sie enge Seitenstraßen entlang, ähnlich wie in einem Baller-Computerspiel, die Männer scheinen durch ein Labyrinth zu hetzen, auf der Suche nach etwas, das sie nicht benennen können, von dem sie aber Grund zur Annahme haben, dass es zuverlässig tödlich ist.
Dass hinter all der Zerstörung und Vernichtung ein übermenschlich großes Monster steckt, offenbart Na Hong-jin erst, nachdem die Männer diesem Wesen wiederholt gefährlich nahe gewesen sind, ohne dass es im Bild auftauchte. Von da an schaltet der Film wörtlich einen Gang höher, denn kurz bevor das Monster, das hinter dem flüchtenden Bum-seok her rast, diesen erwischt, taucht Sung-ae im Polizeiwagen auf und rettet ihren Vorgesetzten.
Gemeinsam flieht man weiter, das Monster stets im Nacken. Durch Waffen scheint es nicht nennenswert verletzt werden zu können, irgendwann setzt Sung-ae dem grünen Wesen allerdings mit einer Granate so heftig zu, dass es ein Bein verliert und nun von der Polizei gejagt wird. Es ist ein Rausch, in dem Spaß und Entsetzen fast gleiche Anteile haben.
Bewegung in ihrer direktesten Form
So weit, so sinnlos, ließe sich sagen. Zugleich ließe sich entgegnen, dass die Handlung des Films womöglich nicht die Hauptsache ist. Bei Na Hong-jin bekommt man hingegen in sehr direkter Form vermittelt, was es mit dem κίνημα (kínēma) dem Begriff nach auf sich hat: Das altgriechische Wort bedeutet „Bewegung“, und davon gibt es, wie schon oben erwähnt, in „Hope“ reichlich. So viel, dass man sich körperlich „mitgenommen“ fühlen kann. Dazu gehört der häufige Wechsel von engen Korridoren oder Straßen hin zu offenen Plätzen und Flächen. Er ist eines der Elemente, die dem Film Struktur und Rhythmus verleihen.
Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:
Externen Inhalt erlauben
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung
Parallel zur Handlung im Ort durchsuchen die Jäger, die durch eine Störung des Telefonnetzes nichts von den Ereignissen in Hope Harbor erfahren haben, den Wald. Sie vermuten dort den Tiger, oder das, was seine nicht sonderlich tigermäßigen Spuren im Waldboden hinterlassen hat. Vermutlich ist es nicht zu viel verraten, dass es in dieser Geschichte mehr als ein Monster gibt und dass die Jäger sich ebenfalls bald als Gejagte wiederfinden.
Bevor das Grausen im Walde beginnt, bei dem Pferde für die Menschen auf der Flucht eine wichtige Rolle spielen werden, gestattet Na Hong-jin dem Publikum eine Pause. Ohne Monsterwüten, dafür mit zum Teil recht groben Witzen. Die Überlebenden können ihre Wunden pflegen, die Polizei versucht, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Ein Augenzeuge berichtet, was er im Wald beobachtet hat.
Hinweise auf innerkoreanische Spannungen
Am Horizont dieser Erzählung zeichnen sich Fragen ab wie: Was kann die Menschheit angesichts einer übermächtig erscheinenden Bedrohung tun? Verlässt sie sich mangels kreativerer Lösungen auf letztlich stumpfe Waffen? Da wiederholt Schilder und Plakate im Bild auftauchen, die auf die anhaltenden innerkoreanischen Spannungen hindeuten, spielen Ängste vor einer Aggression von nordkoreanischer Seite wahrscheinlich in diesen Katastrophenplot hinein.
All das erzählt Na Hong-jin mit kruder Leichtigkeit, ohne dass man sagen könnte, dass er die Themen im Hintergrund selbst der Lächerlichkeit preisgibt. Ob er den Menschen so ganz über den Weg traut, ist eine andere Frage.
Einen Film wie diesen wird es dieses Jahr nicht noch einmal geben. Den Mutigen gehört das Vergnügen. Abspann abwarten lohnt.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.