Glaziologe Hajo Eiken über Alaska: „Indigene haben ein tieferes Verständnis von Meereis“

Hajo Eicken ist neuer Direktor des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts. In Alaska hat er gelernt, indigenes Wissen auch wissenschaftlich ernst zu nehmen.
taz: Herr Eicken, Sie haben die letzten 28 Jahre in Alaskas Borealwald, also der Taiga dort, gewohnt. Das klingt nach Einöde, fernab der Zivilisation.
Hajo Eicken: Ganz so war es nicht. Aber generell ist Fairbanks, wo meine Frau und ich gewohnt haben, schon sehr dünn besiedelt. Der Ort hat zwar rund 100.000 Einwohner, aber die verteilen sich über eine Fläche von der Größe Schleswig-Holsteins. Wenn Sie da in die Hügel gehen außerhalb der Stadt, wo wir auf rund zwei Hektar Land gewohnt haben, sind Sie sofort mitten in der Natur. Da gibt es Luchse, die durch den Wald laufen, Elche … da ist man mitten im Borealwald.
taz: Sie haben einmal erwähnt, man könne dort sein eigenes Holz hacken. Das klingt nach einem sehr einfachen Leben.
Eicken: Ja – und das war das Spannende an Alaska: dass wir unser Haus auf der Hauptwohnebene mit Holz aus dem eigenen Wald geheizt haben, in einem Katalysatorofen. Aber wir hatten auch eine moderne Fußbodenheizung. Das Tolle war diese Mischung aus quasi ursprünglichem Wohnen und den Annehmlichkeiten der Zivilisation. Aber weil die Häuser so verstreut liegen, ist die Natur immer mittenmang, sodass man das Gefühl hat, man wohnt im Wald. Wenn Sie da aus dem Fenster geguckt haben, haben Sie nur Bäume gesehen. Und bei klarer Sicht konnten wir von unserem Haus aus den Denali sehen, den höchsten Berg Nordamerikas.
Im Interview: Hajo Eicken
Der Mensch
Hajo Eicken, geboren 1966 in Bremerhaven, promovierte 1990 an der Universität Bremen und forschte dann bis 1997 zu Ozeanischer und Atmosphärischer Physik am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI). Der Mineraloge und Glaziologe ging 1998 als Meereisforscher ans geophysikalische Institut der University of Alaska in Fairbanks, dessen International Arctic Research Center er von 2015 bis 2026 leitete. Seit März 2026 ist er wissenschaftlicher Leiter des Alfred-Wegener-Instituts.
Das Institut
Das Alfred-Wegener-Institut ist nach dem Meteorologen, Polarforscher und Geowissenschaftler Alfred Wegener (1880–1930) benannt, der als Erster das Phänomen der Kontinentalverschiebung erkannte. Gegründet wurde das AWI 1980 anlässlich des deutschen Beitritts zum Antarktis-Vertrag, dem zufolge die Antarktis allein friedlich genutzt werden soll. Das AWI beschäftigt rund 1.000 MitarbeiterInnen in Bremerhaven, Potsdam, Helgoland, Sylt und Oldenburg. Geforscht wird zudem in Arktis, Antarktis sowie auf dem Forschungsschiff „Polarstern“.
taz: Wie würden Sie das Licht dort beschreiben?
Eicken: Besonders im Winter ist die Luft äußerst klar und das Licht sehr speziell, denn aufgrund des niedrigen Sonnenstands haben Sie immer dieses schöne Abendlichtgefühl. Auch mittags, denn die Sonne kommt im Winter höchstens eine Handbreit über den Horizont. Die muss durch jede Menge Atmosphäre durchscheinen, und das gibt dem Ganzen eine ganz besondere Qualität.
taz: Warum sind Sie 1998 überhaupt nach Alaska gegangen?
Eicken: Bei meiner damaligen Meereisforschung am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut, auch auf dem Forschungsschiff „Polarstern“, hatte ich immer nur kurz Gelegenheit, einzelne Eisregionen zu untersuchen und Proben zu nehmen. Auch im Labor konnte ich nur im kleinen Maßstab arbeiten. Um den Austausch zwischen Meereis und der Atmosphäre zu verstehen, muss man aber eine große Fläche das ganze Jahr hindurch beobachten. Außerdem war ich immer daran interessiert, mit indigenen Menschen vor Ort zu arbeiten, die ein weit tieferes Verständnis vom Meereis haben, als ich je erreichen kann.
Foto: Hannes von der Fecht
taz: Wie haben Sie Alaska damals vorgefunden?
Eicken: Sehr plastisch lässt sich das anhand des Meereises darstellen, das sich jedes Jahr in Küstennähe bildet. 1999 stellten wir im Herbst noch ganz selbstverständlich unsere Messgeräte auf das Eis. In der ersten Novemberwoche war das Eis einen halben Meter dick, und die Geräte standen bis Mitte Juni des Folgejahrs dort.
taz: Was hat sich geändert?
Eicken: Heute bildet sich das Eis teilweise erst im Dezember und ist erst im Januar dick und stabil genug, um Menschen und Geräte zu tragen. Und schon Ende Mai fängt es an wieder aufzubrechen.
Die Erwärmung der Arktis ist um ein Vielfaches höher als die durchschnittliche globale Erwärmung
taz: Eine rasante Veränderung.
Hajo Eicken: Ja. Die Erwärmung der Arktis ist um ein Vielfaches höher als die durchschnittliche globale Erwärmung. Das zeigt sich besonders am starken Rückgang des Meereises vor der Küste und der Erwärmung des Ozeans. Außerdem beeinflusst der Klimawandel marine Ökosysteme, was von der Verschiebung von Fischbeständen bis zu Meeressäugetieren am oberen Ende der Nahrungskette reicht. Außerdem beschleunigt die Erwärmung die Küstenerosion.
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taz: Inwiefern?
Eicken: In Alaska ist ein Großteil der Küste durch den Permafrost stabilisiert. Durch das wärmere Wasser und den Rückgang des Meereises gelangt mehr Wärme an die Küsten, deren Untergrund schneller auftaut. In der Folge sinkt die Küste ab.
taz: Wie viel Land geht verloren?
Eicken: In einigen Bereichen zehn Meter pro Jahr. Knapp 50 Orte werden von der Regierung zurzeit als höchst bedroht eingestuft. Denn auch im Inneren des Landes bedroht das Auftauen des Permafrosts die Infrastruktur. Da etwa die Hälfte der Ortschaften zumindest teilweise auf Permafrost stehen, gefährdet das Absacken Straßen, Schulen und andere öffentliche Gebäude. Auch Waldbrände – die es schon immer gab – sind häufiger und intensiver geworden. Das führt etwa in Fairbanks, wo meine Frau und ich gewohnt haben, dazu, dass die Luftqualität im Sommer weit schlechter geworden ist.
taz: Es brennt im kalten Alaska?
Eicken: Ja, denn im Landesinneren herrscht kontinentales Klima: Die Winter sind trocken und sehr kalt – auch jetzt noch bis minus 45 Grad Celsius. Die Sommer erreichen bis zu 30 Grad und sind extrem trocken: Fairbanks hat einen Jahresniederschlag von knapp 30 Zentimetern. Das ist knapp ein Drittel des Bremerhavener Niederschlags. Das hat in Alaska also fast Wüstenqualität. Daher kann die Vegetation stark austrocknen, sodass durch menschliches Verhalten oder Blitzeinschlag große Waldbrände entstehen.
taz: Wer leidet am meisten unter der Eisschmelze?
Eicken: Besonders stark sind Indigene betroffen, denn viele ihrer Orte liegen küsten- oder flussnah. Das ist eine Folge der Kolonisierung Alaskas, denn in den 1950er Jahren hatte der Staat die Idee: „Wir wollen nicht, dass die Indigenen, die stets zwischen Sommer- und Winterquartier wechseln, ein nomadisches Leben führen. Ihre Kinder müssen in die Schule, müssen westliche Werte übergestülpt bekommen.“ Dann wurde entschieden, an verschiedenen Orten Schulen und Verwaltungsinfrastruktur zu errichten. Also hat man im Sommer irgendwo an Küsten oder Flüssen Baumaterial angeliefert, abgeladen und vor Ort gebaut, ohne die Indigenen zu fragen. Von sich aus hätten indigene Gemeinschaften niemals so nah an potenziellen Überschwemmungsgebieten gebaut.
taz: Wie fing Ihre eigene Zusammenarbeit mit den Indigenen an?
Eicken: Der erste Ort, an dem ich gearbeitet habe, war Utqiaġvik, Alaskas nördlichste Gemeinde, die bis 2016 Barrow hieß. Dort bestand schon länger eine Partnerschaft zwischen indigenen ExpertInnen und Forschenden. Mit ihnen gemeinsam habe ich Langfristmessungen auf dem Eis begonnen. 2000 fand dann erstmals ein Treffen westlicher Glaziologen mit Iñupiat-Experten für Meereis statt, das Barrow Symposium on Sea Ice. Das hat auch mir persönlich großen Auftrieb gegeben.
taz: Was war das Spannende an diesen Begegnungen?
Eicken: Zu erfahren, wie die Leute vor Ort über Meereisstabilität denken. Dass sie einerseits an ähnlichen Prozessen interessiert sind wie wir Forschende, die Perspektiven sich aber unterscheiden: Während für uns das Klimasystem im Fokus steht, ist das Meereis für die Leute vor Ort als Plattform wichtig, für Jagd, Transport und Mobilität generell. Spannend war auch zu sehen: Wo gibt es Überschneidungen im Wissen, wie sehen indigene Experten diese komplexen Prozesse mit ihrem sehr feinkörnigen Verständnis?
taz: Gab es grundlegende Unterschiede?
Eicken: Ja. Als Glaziologe greift man immer wenige Größen heraus und fokussiert Einzelprozesse. Beim Meereis interessiert mich: Wie wasserdurchlässig wird es bei Druckveränderung? Indigene sehen das in einem viel größeren Rahmen. Sie wissen genau, welche Tiere das Meereis wann für welchen Teil ihres Lebenszyklus nutzen und in welchem Maße das Eis die Küste vor Erosion schützt. Wobei auch indigene ExpertInnen, wie wir Forschende, ihr Wissen ständig überprüfen und aktualisieren. Nur – in der Wissenschaft machen wir das für Meereis seit vielleicht 150 Jahren. Die Indigenen tun es seit Jahrtausenden. Da baut sich ein enormer Wissensschatz auf.
taz: Taten sich auch Widersprüche auf?
Eicken: Auf den ersten Blick ja. Westliche Forschung geht davon aus, dass Meereis vor allem durch Wind, Druckveränderungen und die Meeresspiegelneigung beeinflusst wird. Die Strömungen in der Arktis gelten als nicht relevant, weil die Gezeiten nicht so ausgeprägt sind. Im indigenen Verständnis der Meereisstabilität spielen Strömungen dagegen die wichtigste Rolle.
taz: Wie haben Sie das gelöst?
Eicken: Anfangs habe auch ich aus westlich-akademischer Sicht gesagt: Das kann nicht sein, das ist ein Sonderfall. Andererseits hatte ich inzwischen die Erfahrung gemacht, dass indigenes Verständnis vom Meereis noch tiefer reicht, als ich vermutet hatte. Ich kam dann zu dem Schluss, dass wir mit unseren glaziologischen oder physikalischen Methoden noch genauer schauen müssen, was da wirklich vor sich geht. Wichtig zu erwähnen ist außerdem, dass indigenes Wissen mit Wertvorstellungen und einem wesentlich ganzheitlicheren Verständnis der Umwelt verbunden ist als bei uns. Es gibt klare Vorgaben, was man darf und was nicht, wenn man sich in einem bestimmten Meereisbereich aufhält.
taz: Sie sagten einmal, Sie seien 1998 „naiv“ nach Alaska gegangen. Inwiefern?
Eicken: Die University of Alaska wurde 1917 vom Staat gegründet, um Ressourcenausbeutung akademisch zu unterstützen. Indigenes Wissen wurde lange abgetan. Als ich dort anfing, habe ich mich nur als Forscher gesehen. Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass ich als Angestellter dieser Universität auch deren koloniale Geschichte repräsentiere. Denn auch wenn ich das persönlich anders sehe: Wenn man bei so einer Institution anfängt, muss man sich fragen: Wie trage ich durch meine Arbeit zur Ressourcenausbeutung bei? Da war das Internationale Polarjahr 2007/2008 für mich eine wichtige Weichenstellung: Bald darauf haben wir ein größeres Projekt gestartet, bei dem wir uns mit den erheblichen Umweltrisiken der Förderung von Öl, Gas und Seltenen Erden – meist auf indigenem Gelände – befasst haben, unter Einbeziehung indigenen Wissens.
taz: Und welche Rolle hat die Alaska University of Fairbanks im 20. Jahrhundert gespielt?
Eicken: Teilweise eine ungute, und zwar im Kontext der „Operation Chariot“, bei der die USA zivile Anwendungen für Nuklearexplosionen suchten. Zwischen 1958 und 1962 wurden in Alaska Wasserstoffbomben gezündet und Kernexplosionen ausgelöst. Dabei wurden auf indigenem Gebiet Menschen ohne ihr Wissen radioaktiver Strahlung ausgesetzt, weil man testen wollte, wie sich Radionuklide in der Landschaft ausbreiten. Die Versuche stoppten erst 1962 nach Protesten von NGOs sowie der Bevölkerung vor Ort. Die Universität hat damals Fördergelder angenommen, um diesen Effekt näher zu untersuchen.
taz: Wie geht die Universität heute mit Indigenen um?
Eicken: In den letzten zehn Jahren gab es große Fortschritte. Die Rohstoffnutzung wird wesentlich kritischer hinterfragt, die Zahl indigener Studierender und ProfessorInnen steigt. Indigenes Wissen und indigene Perspektiven werden in die Forschung einbezogen.
taz: Hat die Universität das aufgearbeitet und um Entschuldigung gebeten?
Eicken: Es gab einige Symposien zu dem Thema. Eine Bitte um Entschuldigung, soweit ich weiß, nicht.
taz: Haben Sie selbst auch auf indigenem Land geforscht?
Eicken: Ja. In Alaska leben 229 Native Tribes. Sie sind US-BürgerInnen, genießen aber eine gewisse Souveränität. Wenn wir auf Land forschen wollen, das Indigenen gehört oder von ihnen verwaltet wird, müssen wir erst die Stammesverwaltungen um Erlaubnis bitten. Am besten ist es, vorab zu schauen: In welchen Regionen haben die Stämme Interesse an Forschung vor Ort bekundet? Und wo gibt es eine Übereinstimmung zwischen dem, was uns Forschende interessiert, und den Informationen, die die Indigenen brauchen?
taz: Welche waren das?
Eicken: Vor allem die Stabilität des Meereises. Also haben wir gemeinsam mit Entscheidungsträgern und Planenden überlegt: Wie können wir die Vorhersage von Eisqualitäten verbessern, die lokal oder regional relevant sind? Die vor Ort Betroffenen haben mit definiert, wie das jeweilige Forschungsprojekt aussieht – zum Beispiel der National Weather Service und die Eskimo Walrus Commission. Die Yupik etwa sind für ihre traditionelle, nachhaltige Jagd auf möglichst genaue Eisvorhersagen angewiesen.
taz: Was konnten Sie den Indigenen anbieten?
Eicken: Wir haben den Tribes bei der Erstellung von Klimaanpassungsplänen geholfen, indem wir ihnen regionale Umweltdaten übermittelt haben. Und in einem Projekt mit dem Alaska Native Tribal Health Consortium ging es darum, wie wir besser vorhersagen können, wie viele gesundheitsschädliche Partikel bei Waldbränden freigesetzt werden. Eine weitere Fragestellung war: Können wir durch zielgenauere Waldbrandvorhersagen dazu beitragen, dass an gefährdeten Orten prophylaktisch Unterholz abgebrannt wird, um Schneisen zu schlagen?
taz: Und warum gehen Sie nach all diesen spannenden Erfahrungen zurück nach Bremerhaven?
Eicken: Das habe ich mich auch gefragt. Aber wissen Sie, ich bin Forscher, und als Glaziologe interessiert mich einfach: Wie können wir das Erdsystem, das zum Teil von Eis geprägt ist, besser verstehen? Und wie ist das mit gesamtgesellschaftlichen Interessen verknüpft? Als ich in Alaska anfing, war das International Arctic Research Center ein vor allem naturwissenschaftlich ausgerichtetes Institut. Mein Ziel war, gemeinsam mit dem Kollegium zu schauen: Wie weit können wir Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie indigene Wissensformen einbringen, um zu einer ganzheitlichen Polarforschung zu kommen und die NutzerInnen besser einzubinden?
taz: Wie könnte das am Alfred-Wegener-Institut aussehen?
Eicken: Hier im Nordseeraum findet zum Beispiel gerade die Deicherhöhungsplanung statt. Bislang rechnet man über die nächsten 50 bis 70 Jahre mit 1 Meter Meeresspiegelanstieg. Aber es gibt Anzeichen, dass es bis zu 2 Meter sein könnten. Und das nicht in 200 bis 500 Jahren, sondern in weniger als 100 Jahren. Da ist es wichtig, die DeichplanerInnen schon früh zu fragen: Welche Daten braucht ihr von uns, um diese Unsicherheiten einzuplanen?
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