Stücke über Wechseljahren am TD Berlin: Der Druck sitzt bombenfest

Nach dem Nebel kommt die große Klarheit. Zwei Stücke im TD Berlin nehmen die zweite Hälfte des Frauenlebens in den Blick: die Wechseljahre.
Foto: Niklaus Spoerri
Ist es das wirklich? „Das unlustigste Thema der Welt“? Zumindest wird Schauspielerin Susanne Abelein im Laufe der 90 Minuten von „Wind of Change“ das, worum es darin geht, wiederholt so bezeichnen. Und sie hat auch irgendwie recht damit, schließlich ist das alles kein Spaß, auch wenn der Theaterabend, den Abelein allein auf der Bühne des TD Berlin bestreitet, definitv einer ist.
Gleich zu dessen Beginn zählt sie in der Pose der Alleinunterhalterin Symptome auf, von Wortfindungsstörungen über Panikattacken, zu Haarausfall, Körpergeruch, Hitze, Schlaflosigkeit, Gelenkschmerzen, Libidoverlust, Depressionen, Zahnfleischproblemen. Rund 40 Stück, noch nicht mal die ganze Liste ist es, die in der Forschung mit Wechseljahren assoziiert wird: „Eigentlich alles außer Fußpilz.“ Fies ist zweifellos jedes einzelne, die Kombination davon erst recht.
„Wind of Change“ ist ein Solo über jene Phase in der zweiten Hälfte eines Frauenlebens, in der die Hormone alles durcheinanderbringen, die Wechseljahre, die außer der menschlichen Spezies nur noch bestimmte Walarten befällt. Erdacht von Dramaturgin und Regisseurin Sabrina Zwach, gemeinsam verwirklicht mit Abelein. Was sehr gut aufgeht. Auch wenn das Berliner Publikum es Abelein bisweilen nicht leicht macht. Fragen werden nur zögerlich beantwortet; es dauert, bis sich eine Partnerin zum Raufen findet. An ihr liegt es nicht. Grandios ist Abelein, wie sie in ihrem Trenchcoat ums Mikrofon tänzelt, Requisiten aus der Fake-Birkin-Bag zieht, eine angebissene Banane mit der Hand verdrückt, von selbiger schleckt und sich die klebrigen Finger von einer Frau aus der ersten Reihe reinigen lässt.
Als „Stand-up“ angekündigt
„Nehmt es mit Humor!“, ruft sie den vollbesetzten Reihen entgegen. Es ist die Botschaft des Abends. Nicht die einzige, zum Glück. Befürchten hätte man das können. Als „Stand-up“ war der Abend angekündigt. Abelein ist ohne Frage irre komisch, unglaublich präsent, knallt einem aber auch das Ernste mit Wucht um die Ohren. Wortwitze kommen ihr so leicht von den Lippen wie knallharte Fakten. Mal stößt sie den Text wütend hervor, mal säuselt sie sanft wie eine Coachin im Achtsamkeitsworkshop. Wirft sich dann wieder hinein in die mehr oder weniger bekannten Symptome, in die Verwirrtheit und Vergesslichkeit, die Hitzewallungen – „Oh Gott, ich schwitze dermaßen, jetzt schon“ –, die Erschöpfung, die Launen.
Um Gewichtiges geht es da. Um die Vernachlässigung von Frauengesundheit, die Objektifizierung weiblicher Körper, die Ungerechtigkeit der Natur, die Frauen genau dann, wenn es mit der Karriere richtig losgehen könnte, einen hormonellen Strich durch die Rechnung macht.
62 Jahre alt sei sie, verrät Abelein dem Publikum. Was man ihr nicht ansieht und womit man, wenn man das so hinschreibt, schon wieder mittendrin steckt in der komplizierten Gemengelage um Endlichkeit und Verfall, um weibliches Altern, das zu kommentieren obligatorisch zu sein scheint.
Als „Hausaufgabe“ legt Abelein Kopien von Susan Sontags Essay „Zweierlei Maß: Altern ist nicht gleich Altern“ („The Double Standard of Aging“) aus. Im Jahr 1972 analysiert Sontag darin, wie unterschiedlich weibliches und männliches Altern wahrgenommen und bewertet wird. Einiges klingt so, als seien es Beobachtungen von 2026. Im System sei es nicht vorgesehen, durch die Jahre gut begleitet zu werden, so fasst Abelein den Status quo zusammen. Die Wechseljahre versteht „Wind of Change“ als feministisches Thema, das Private ist bekanntermaßen politisch. Und „das Politische sitzt nachts schweißgebadet im Bett und googelt“.
Hype um die Menopause
Hat sich denn tatsächlich nichts geändert? „Dieser Druck auf Frauen, der ist unheimlich alt, deshalb sitzt der auch so bombenfest“, behauptet Abelein. Und so geht es viel um Scham, trotz des neuerlichen Hypes um die Menopause nicht nur auf Social Media. Immerhin auf den Bühnen scheint dieser jedoch abgebaut. Am TD ist es in diesem Herbst nicht die einzige Produktion, die sich dessen angenommen hat.
Wenige Wochen zuvor erst hatte sich auf derselben Bühne das Schauspielerinnenkollektiv Storytelling Engines Miranda Julys Erfolgsroman „Auf allen vieren“ gewidmet. Nicht als Theaterstück, sondern als kurzweilige szenische Lesung brachten Isabella Bartdorff, Tjadke Biallowons und Lucy Wirth jene eine Frau, die sich mit Mitte 40 aus ihrem Leben schleicht und über allerlei Irrungen und Wirrungen und Fallstricke hinweg neu findet und erfindet, dem steilen Abfall der Hormonkurven zum Trotz.
Julys Protagonistin lässt sich am Ende auf die Unwägbarkeiten des Lebens ein, befreit sich, auch in sexueller Hinsicht. Auch „Wind of Change“ endet versöhnlich. Das nämlich ist der Plotttwist, den Abelein in den ersten Minuten angekündigt hat: „Das Gehirn vernetzt sich neu und nach dem Brainfog kommt die große Klarheit“. Wenn das keine guten Aussichten sind.
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