Drängt Moskau Schüler wegen Fachkräftemangel in den Arbeitsmarkt?
Stand: 14.09.2026 • 17:06 Uhr
Immer mehr Schülern in Russland wird die Aufnahme in die Oberstufe verweigert. Stattdessen sollen sie offenbar möglichst früh auf dem Arbeitsmarkt landen - denn dort fehlen die Fachkräfte. Liegt das auch am Krieg gegen die Ukraine?
Der Unmut vieler Eltern in Russland wächst. In sozialen Netzwerken häuften sich diesen Sommer Berichte, wonach Schülerinnen und Schüler trotz guter Leistungen nicht in die 10. Klasse aufgenommen werden. Damit wird ihnen häufig der direkte Weg zum Hochschulstudium versperrt.
So beklagte sich im Juli eine Mutter aus Ischewsk in der Teilrepublik Udmurtien über die Entscheidung der Schule, ihren Sohn nicht in die Oberstufe aufzunehmen: "Wir hatten schon ab der 1. Klasse geplant, dass unser Sohn in die 10. und 11. Klasse gehen wird. Mein Sohn hat auf dem Zeugnis kein einziges 'Unbefriedigend', sondern nur 'Befriedigend', 'Gut' und 'Sehr gut'."
Doch jetzt sei die Aufnahme in die 10. Klasse abgelehnt worden, "und zwar mit Verweis darauf, dass es ihm angeblich schwerfalle, dort zurechtzukommen", so die Mutter.
Massiver Fachkräftemangel
Solche Fälle sind keineswegs die Ausnahme. Vielmehr scheint damit das Ziel verfolgt zu werden, Schülerinnen und Schüler möglichst früh dem Arbeitsmarkt zuzuführen.
Allein in Moskau stieg der Anteil der Neuntklässler, die direkt in eine Berufsausbildung wechseln, innerhalb eines Jahres von 25 auf 40 Prozent. Russland leidet unter einem massiven Fachkräftemangel.
Der Bildungsforscher Wladimir Rimski formulierte das im Radiosender Kommersant FM ganz offen: "Es liegt im Interesse unseres Staates und seiner Wirtschaft, das Auswahlverfahren für die 10. Klasse wieder einzuführen. Wir müssen uns eingestehen: Es ist nicht von Vorteil für das Land, zu viele Spezialisten mit Hochschulbildung zu haben."
Zehntausende Verluste pro Monat
Dass der Mangel an Arbeitskräften auch mit dem Krieg gegen die Ukraine zusammenhängen könnte, wird in Russland selten thematisiert.
Schätzungen gehen davon aus, dass rund 600.000 bis 700.000 russische Soldaten für den Krieg eingesetzt sind. Dazu kommen die hohen Verluste - allein im Juli sowie im August waren es nach Angaben des Thinktanks Institute for the Study of War jeweils mehr als 40.000 Soldaten, mit Verweis auf Daten des ukrainischen Generalstabs.
Stattdessen verweisen staatliche Medien auf den Bedarf an technisch ausgebildeten Fachkräften, auch beim Militär, wie zum Beispiel in einer Reportage des Senders Pervyj Kanal: "In der Zone der Militäroperation gibt es einen besonders hohen Bedarf an Drohnenführern sowie an Personal, das die Technik einsatzbereit macht."
Konfliktparteien als Quelle
Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.
Putin reagiert ungehalten
Als Präsident Wladimir Putin beim Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok Anfang September auf Beschwerden über die Nichtzulassung zur Oberstufe angesprochen wurde, reagierte er zunächst ungehalten.
"Ich verstehe immer noch nicht, wovon Sie sprechen. Beschweren sich die Leute über die Schulen in Moskau? Davon habe ich noch nie gehört." Später ergänzte er: "Man versucht, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Wirtschaft das bekommt, was sie am dringendsten braucht: hochqualifizierte Fachkräfte und hochqualifizierte Arbeiter."
Laut der offiziellen Personalprognose der russischen Regierung entfallen rund 70 Prozent des künftigen Arbeitskräftebedarfs auf Arbeiter und Fachkräfte.
Immer mehr Eltern ziehen vor Gericht
Dabei ist die Rechtslage eigentlich eindeutig. Schulen dürfen zwar für spezialisierte Klassen Auswahlverfahren durchführen. Ein genereller Ausschluss vom Besuch der 10. Klasse ist jedoch nicht vorgesehen.
Darauf verweist auch Bildungsexperte Boris Iljuchin: "Wenn eine Ingenieursklasse eingerichtet wird, in der Physik und Mathematik die Schwerpunkte sind, müssen diese Fächer beherrscht und die Prüfungen entsprechend bestanden werden."
Immer mehr Eltern ziehen deshalb vor Gericht. Das Bildungsministerium betonte zuletzt, dass jeder Schüler nach Abschluss der 9. Klasse Zugang zur weiterführenden Schulbildung haben müsse.
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