Deutsche Digitalstrategie: Im KI-Wettrennen gibt es eine sinnvolle Abzweigung

Die führenden KI-Nationen kann Deutschland getrost vorbeiziehen lassen. Gezielte Investitionen in wichtigen Bereichen sollte man aber nicht verschlafen.
Foto: Kay Nietfeld/dpa
E in Börsengang der Superlative steht in den kommenden Wochen in den USA an: Das KI-Unternehmen Anthropic plant sein Debüt, erwartet wird eine Bewertung im Billionenbereich. Der überwiegende Teil des US-Wirtschaftswachstums geht Analysen zufolge mittlerweile auf Tech-Investitionen inklusive Rechenzentren zurück. Und Werbung für KI-Produkte als Alltagsbegleiter ist omnipräsent.
Und Deutschland so? Hier fordern Bundeskanzler und Digitalminister beim Digitalgipfel unisono mehr Tempo bei der Entwicklung und Nutzung der Technologie. Gleichzeitig ist nur ein winziger Bruchteil im Haushalt für KI vorgesehen.
Wer sich diese Diskrepanz anschaut, kann leicht zu dem Ergebnis kommen: Deutschland verschläft hier was. Etwas Entscheidendes. Etwas, das Wirtschaftswachstum bringen könnte. Und wenn wir nicht mitmachen beim globalen Wettrennen, wird Deutschland höchstens die Krumen aufsammeln können, die die KI-Nationen USA und China fallen gelassen haben.
Doch diese Sichtweise blendet wesentliche Faktoren aus: Zunächst ist überhaupt nicht ausgemacht, dass das, was KI-Unternehmen in den USA gerade bauen, als Geschäftsmodell taugt. Auch wenn sie mittlerweile etwa Abos für ihre KI-Chatbots verkaufen und Werbung einbinden, und sich mit beidem Geld verdienen lässt, sind die Dimensionen von tragfähigen Geschäftsmodellen noch weit entfernt. Zumal Unternehmenskunden, die die Technologie einsetzen, langsam merken, dass KI sie ganz schön teuer kommen kann. Und anfangen nachzurechnen, ob der Preis die Leistung rechtfertigt. Dazu kommt: Gerade in den USA sind die Proteste gegen Rechenzentren vielerorts stark, weil sie die Energiepreise in die Höhe schießen lassen und der Umwelt schaden.
Das heißt nicht, dass Deutschland und Europa die Technologie ignorieren sollten. Im Gegenteil. Schließlich entstehen neue Abhängigkeiten, wenn Nutzer:innen, Firmen oder Behörden hierzulande KI einsetzen wollen und dafür auf US-Modelle zugreifen müssen. Doch es gibt einen Weg zwischen Überhypen und Ignorieren: gezielte Investitionen.
Bei den Frontier-Modellen, also den leistungsfähigsten KI-Modellen von Unternehmen wie Anthropic und OpenAI, wird Europa nicht mithalten können. Zu wenig Risikokapital, zu wenig Big Tech, denn für das Training dieser großen Sprachmodelle braucht es Unmengen an Daten. Dafür gibt es andere Bereiche, in denen Unternehmen hierzulande punkten könnten: bei industriellen Anwendungen, in der Robotik, bei spezialisierten Modellen für sensible Einsatzzwecke von Gesundheit bis Verwaltung, in denen man vielleicht lieber nicht auf einen US-Anbieter mit all seinen Risiken und Nebenwirkungen setzen will.
Dieser Ansatz strahlt natürlich nicht so schillernd wie die neuesten Topmodelle aus den USA. Dafür sind auch die Abgründe – von Ressourcenverbrauch über Emissionen bis Urheber- und Persönlichkeitsrechtsverletzungen – weniger tief.
Svenja Bergt Redakteurin für Wirtschaft und Umwelt
schreibt über vernetzte Welten, digitale Wirtschaft und lange Wörter (Datenschutz-Grundverordnung, Plattformökonomie, Nutzungsbedingungen). Manchmal und wenn es die Saison zulässt, auch über alte Apfelsorten. Bevor sie zur taz kam, hat sie unter anderem für den MDR als Multimedia-Redakteurin gearbeitet. Autorin der Kolumne Digitalozän.
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