Wohnpolitik nur ein Streitpunkt: Berliner Linke holt historischen Sieg - und steht doch vor schwierigen Wochen

Wohnpolitik nur ein StreitpunktBerliner Linke holt historischen Sieg - und steht doch vor schwierigen Wochen
20.09.2026, 20:46 Uhr

Linke-Spitzenkandidatin Eralp spricht von einem Regierungsauftrag der Berliner an ihre Partei. Tatsächlich liegt die Linke klar vor der CDU, ein progressives Dreierbündnis mit Grünen und SPD ist möglich. Doch es gibt mehrere Themen, die dabei zum Stolperstein werden könnten.
Mit deutlichem Vorsprung hat die Linke die Abgeordnetenhauswahl in Berlin gewonnen. Laut Hochrechnungen von ARD und ZDF am Wahlabend kam die Partei auf Werte über 25 Prozent und lag damit deutlich vor der CDU, die mit rund 20 Prozent auf Platz zwei landete. Ob die Linke damit ins Rote Rathaus ziehen kann und mit Elif Eralp die erste Linken-Politikerin das Amt der Regierenden Bürgermeisterin übernimmt, ist angesichts einiger Streitthemen zwischen den potenziellen Koalitionären allerdings noch nicht ausgemacht.
In den Umfragen lieferten sich Linke und CDU noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen - am Wahlabend war das Ergebnis allerdings mehr als eindeutig. Eralp verschrieb sich im Wahlkampf vor allem dem Thema Mieten und Bezahlbarkeit und erreichte damit offenbar mehr Wähler als CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers. Er sollte nach dem Rückzug des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner als Spitzenkandidat dafür sorgen, dass das Rote Rathaus in den Händen der Christdemokraten bleibt und fuhr eine "Weiter-So-Kampagne". Dies zündete offenbar nicht wie erhofft, hinzu kam vermutlich das schlechte Image der Bundes-CDU.
Die SPD mit Spitzenkandidat Steffen Krach fuhr mit rund zwölf Prozent ihr historisch schwächstes Ergebnis in Berlin ein, obwohl die Partei in der Hauptstadt auf eine lange Regierungstradition zurückblicken kann. Krach nannte dies am Wahlabend eine "Zäsur". Die Grünen landeten bei etwa 15 Prozent und damit ebenfalls unter den Werten der vergangenen Wahlen.
Die AfD konnte sich in der Hauptstadt im Vergleich zu 2023 deutlich steigern und kam auf rund 14 bis 15 Prozent. Das BSW, das erstmals bei einer Abgeordnetenhauswahl antrat, kam laut Hochrechnungen auf fünf Prozent und könnte es damit knapp in das Landesparlament schaffen, während die FDP klar an der Fünfprozenthürde scheiterte.
Denkbare Koalitionen
Wie erwartet reicht es nicht für eine Zweierkoalition, nötig ist also eine Dreierbündnis. Rechnerisch und politisch denkbar wären Koalitionen aus Linkspartei, Grünen und SPD und je nach endgültigem Ergebnis knapp auch aus CDU, Grünen und SPD - wobei Rot-Grün-Rot in jedem Fall eine deutlich komfortablere Mehrheit hätte.
Stand 20.15 Uhr war ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD rechnerisch nicht möglich. Nach ARD-Zahlen von 19.57 Uhr hätten die drei Parteien zusammen 79 von 159 Sitzen im Abgeordnetenhaus. Die ZDF-Hochrechnung von 20.14 Uhr sieht sie bei 65 von 130 Sitzen.
Eralp formulierte am Wahlabend klar ihren Regierungsanspruch: "Die Berlinerinnen und Berliner haben mir, haben uns, den klaren Auftrag fürs Rote Rathaus gegeben", sagte sie in der ARD. Evers hingegen räumte ein, dass es aus Sicht seiner Partei nach "nicht ganz einfachen Verhältnissen" aussehe. Er warb in der ARD dennoch dafür, auszuloten, welche rechnerischen Optionen es gebe und ob sich daraus dann "ein solches Bündnis der Stabilität" schmieden lasse.
Eine Zusammenarbeit der mit der AfD hatten alle Parteien schon vor der Wahl ausgeschlossen. Auch das BSW dürfte bei der Koalitionsfindung keine Rolle spielen.
Vergesellschaftung und Antisemitismus
Insbesondere zwischen Linkspartei und SPD gibt es mindestens zwei konfliktbeladene Themen. Das ist einerseits die Enteignung großer Wohnungsbauunternehmen, welche die Linken ebenso wie die Grünen gemäß einem Volksentscheid durchsetzen wollen, was von der SPD aber abgelehnt wird.
Linken-Spitzenkandidatin Eralp will bei möglichen Koalitionsverhandlungen auf der Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne beharren. "Wenn die Linke regiert, wird vergesellschaftet. Das habe ich so gesagt und dabei bleibe ich auch", sagte Eralp in der ARD. "Das Votum der Berlinerinnen und Berliner gilt auch für mein Programm und meine Person, insofern bestehe ich darauf, dass wir vergesellschaften - neben den vielen anderen Dingen, die wir auch tun müssen, um die Mietenkrise in unserer Stadt endlich anzugehen."
Linken-Politiker Gregor Gysi plädierte jedoch für ein weiteres Referendum. "Ich glaube, dass das ein Volksentscheid entscheiden wird", sagte Gysi in der ARD. Der frühere Volksentscheid, bei dem die Mehrheit der Berliner für eine Vergesellschaftung gestimmt habe, habe nur empfehlenden Charakter gehabt. Gäbe es bei einem weiteren Referendum erneut eine Mehrheit, wäre dies per Gesetz umzusetzen. "Lassen wir das doch die Berlinerinnen und Berliner entscheiden", sagt Gysi, der Abgeordneter und Alterspräsident des Bundestags ist.
Der 78-Jährige appelliert an seine Partei, als Wahlsiegerin eine neue Rolle anzunehmen. "Wenn du die stärkste Kraft in einer Stadt bist, darfst du nicht nur die Interessen deiner Wählerinnen und Wähler vertreten - du hast plötzlich eine Verantwortung für die gesamte Stadt."
Zentralrat der Juden äußert Besorgnis
Weiterer Knackpunkt ist das Thema Antisemitismus beziehungsweise der Umgang der Linken damit. Während Eralp zwar immer wieder betonte, jüdisches Leben in Berlin unterstützen und fördern zu wollen, gibt es immer umstrittene Äußerungen etwa aus dem Neuköllner Bezirksverband, die auch bei den potenziellen Koalitionspartnern Grüne und SPD für heftige Kritik sorgten.
Auf einer Wahlkampfbühne der Linken war zum "Tod" der israelischen Armee und zur Intifada aufgerufen worden. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sprach deswegen von einem "beunruhigenden" Wahlergebnis in Berlin. Er forderte SPD und Grüne auf, eine Regierungsbeteiligung der Linken im Berliner Rathaus nicht zu ermöglichen.
Mit Intifada (arabisch für Aufstand) ist der teils bewaffnete Widerstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung gemeint. Während der zweiten Intifada gab es vermehrt palästinensische Anschläge in Israel. Aufrufe wie "Globalize the Intifada" werden aber auch als Forderung nach Angriffen auf jüdische Menschen außerhalb Israels verstanden.
Der Grünen-Co-Parteichef Felix Banaszak stellte am Wahlabend eine Bedingung für eine Beteiligung seiner Partei an einer Koalition unter Führung der Linken: "Es braucht ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus, ansonsten wird es mit uns nicht funktionieren." Der Grünen-Landesverband in Berlin sprach sich zuletzt immer wieder klar für ein Bündnis mit den Linken aus. Allerdings schloss Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf auch eine Koalition mit der CDU nie aus - ebenso wenig wie SPD-Kandidat Krach.
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