Eine Milliarde Euro Finanzbetrug - Droht Manchester City der Zwangsabstieg?
"Wenn sich all das bestätigt und die Berufung scheitert, kann Manchester City nicht in der Premier League bleiben." Ausgerechnet David Bernstein, langjähriger Fan und ehemaliger Vorsitzender des Klubs, fand nach dem Schuldspruch der Premier League ungewöhnlich drastische Worte für seinen Herzensverein.
Der 83-Jährige fordert einen Zwangsabstieg und argumentiert, nicht weniger als die Glaubwürdigkeit des englischen Fußballs stehe auf dem Spiel.
Hintergrund ist eines der größten und komplexesten Finanzverfahren der Fußballgeschichte. Eine unabhängige Kommission hat Manchester City für schuldig befunden, zwischen den Spielzeiten 2009/10 und 2017/18 in großem Umfang gegen die Finanzregeln der Premier League verstoßen zu haben. Nach Auffassung der Liga verschleierte der Klub den tatsächlichen Umfang seiner Finanzierung durch die Eigentümer aus Abu Dhabi.

Dem Urteil zufolge wurden Sponsoring- und andere Geschäftsvereinbarungen so konstruiert, dass Einnahmen künstlich erhöht und Kosten niedriger ausgewiesen wurden. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass auf diese Weise mehr als 900 Millionen Pfund (ca. eine Milliarde Euro) in den Bilanzen anders dargestellt wurden, als es den tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnissen entsprach. Zudem wurde der Verein in mehreren Punkten wegen mangelnder Kooperation bei den Ermittlungen schuldig gesprochen.
City-Geschäftsführer Soriano: "Verschwörungstheorie"
Der Klub weist die Vorwürfe weiterhin entschieden zurück. Ferran Soriano, Geschäftsführer von Manchester City, sprach von einer "Verschwörungstheorie der Premier League" und beharrt darauf, dass der Verein über Beweise verfüge, die seine Unschuld belegen würden. Manchester City will daher alle verfügbaren Rechtsmittel ausschöpfen und gegen die Entscheidung vorgehen.
Der Schuldspruch löste auch außerhalb des Klubs Bestürzung aus. Der frühere Kapitän des Stadtrivalen Manchester United, Roy Keane, sprach von "Betrug" und erklärte, er würde gewonnene Medaillen unter solchen Umständen "in die Tonne werfen". Die britische Kultur- und Sportministerin Lisa Nandy bezeichnete den Fall als "äußerst ernst" und sprach von einem in seiner Deutlichkeit erschütternden Bericht.

Welche Konsequenzen Manchester City drohen, ist offen. Über das Strafmaß muss noch entschieden werden, zudem dürfte ein Berufungsverfahren folgen. Möglich sind hohe Geldstrafen und Punktabzüge.
Viele Beobachter halten aber auch deutlich härtere Sanktionen für denkbar, beispielweise einen Zwangsabstieg und den Ausschluss aus der Premier League. Genau das fordert auch David Bernstein. Aus seiner Sicht wäre eine Geldstrafe nicht ausreichend, weil sie die milliardenschweren Eigentümer kaum treffen würde.
Offenlegung der Affäre durch deutsches Magazin
Die Affäre wurde 2018 durch einen Bericht des deutschen Magazins "Der Spiegel" erstmals öffentlich gemacht. Der europäische Fußballverband UEFA und Premier League nahmen daraufhin Ermittlungen auf.
Zwar hob der Internationale Sportgerichtshof CAS 2020 eine von der UEFA verhängte zweijährige Europapokalsperre wieder auf, viele Vorwürfe konnten damals aber nicht abschließend bewertet werden.

Nach einer vierjährigen Untersuchung erhob die Premier League 2023 mehr als 100 Anklagepunkte gegen den Verein, darunter die Angabe falscher Finanzinformationen und mangelnde Kooperation mit Ermittlern. Trotz der laufenden Verfahren feierte City weitere sportliche Erfolge, darunter das Triple 2023 und vier Meistertitel in Serie.
Arbeiterverein mit vielen deutschen Spielern
Bevor die milliardenschwere Übernahme durch Investoren aus Abu Dhabi im Jahr 2008 Manchester City zu einer globalen Fußballmacht machte, war der Klub vor allem ein traditionsreicher Arbeiterverein.
Zwar gehörten zwei englische Meisterschaften, mehrere Pokalsiege und der Europapokal der Pokalsieger von 1970 zur Vereinsgeschichte, doch über Jahrzehnte stand City im Schatten des erfolgreichen Stadtrivalen Manchester United. In den 1990er-Jahren stürzte der Klub zeitweise sogar bis in die dritte Liga ab.
Vor dem Einstieg von Scheich Mansour hatte Manchester City in seiner damals mehr als 120-jährigen Geschichte lediglich neun große Titel gewonnen. Danach kamen unter anderem acht Meisterschaften, vier FA-Cup-Siege und als Krönung 2023 der Sieg in der Champions League hinzu.

Auch deutsche Spieler haben die Vereinsgeschichte mitgeprägt. Zur größten Legende zählt bis heute Torhüter Bert Trautmann, der nach dem Zweiten Weltkrieg für City spielte und 1956 das FA-Cup-Finale trotz eines später diagnostizierten Genickbruchs beendete.
In den 1990er-Jahren wurde der frühere DDR-Nationalspieler Uwe Rösler zum Publikumsliebling. Mit 64 Toren in vier Jahren verkörperte er eine der letzten Identifikationsfiguren des "alten" Manchester City vor der Investorenära. Damals standen unter anderem auch Torhüter Eike Immel, sowie Michael Frontzeck und Maurizio Gaudino für City auf dem Platz. Später waren die ehemaligen Bayern-Profis Dietmar Hamann und Michael Tarnat für die Skyblues aktiv.
Und auch nach der Übernahme des Klubs durch den Scheich liefen deutsche Profis im hellblauen Trikot auf. Unter anderem handelt es sich dabei um Jerome Boateng, Leroy Sané und Ilkay Gündogan, der zeitweise sogar Mannschaftskapitän war und der erfolgreichste deutsche City-Spieler ist.
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