US-Jazztrompeter Rob Mazurek im Porträt: Galaktische Liebeswellen in wilden Farben hören

Synästhesie, Ekstase und Lebensglück: Der US-Trompeter Rob Mazurek gastiert mit Drummer Chad Taylor als Chicago Underground Duo beim Jazzfest Berlin
Ein Schriftzeichen kann auf unterschiedliche Weise geschrieben und gedeutet werden. Als Glyphe, wie uralte ägyptische Hieroglyphen in den Grabkammern der Pyramiden – oder als Idee hinter dem Zeichen, als erweiterte komplexe Vorstellung: als „Hyperglyph“. So heißt das aktuelle Album von Chicago Underground Duo, einem Projekt des US-Trompeters Rob Mazurek mit dem Schlagzeuger und Mbira-Spieler Chad Taylor, das 2025 beim US-Label International Anthem veröffentlicht wurde.
Als wären sie eine vielköpfige Band, kreieren die beiden Künstler scheinbar von leichter Hand eine Soundcollage aus freien Rhythmen, modularen Synthesizersounds, Feldaufnahmen und Elektronik, zu der Mazurek eine spezielle Dreiventil-Piccolotrompete spielt. Taylor baut darüber eine Architektur aus Puls und Stille – einen Klangkosmos, der jahrhundertealte Ahnentradition mit afrofuturistischer Zeitumkehr und Jazzraffinesse verbindet.
Aus einem Hotelzimmer in Kroatien schaltet sich Rob Mazurek mit dunkler Sonnenbrille zum Zoom-Interview. Es ist früher Vormittag und die Nacht davor war lang. Gerade ist er mit dem Chicago Underground Duo auf Tournee durch Europa. Es ist eine Formation, die er bereits in den 1990ern mit Taylor gründete, zu der aber auch immer mal wieder weitere Künstler_innen als Gäste stoßen.
Chicago Underground Duo
Chicago Underground Duo live, Konzert am 31.Oktober 2026 im Haus der Berliner Festspiele im Rahmen des Jazzfest Berlin
Chad Taylor war damals bereits im Umfeld des Chicagoer Zirkels der AACM aktiv – der „Association of the Advancement of Creative Musicians“. Einer freien Gewerkschaft Schwarzer Künstler_innen, die im Zuge der US-Bürgerrechtsbewegung ab Mitte der 1960er abseits der Jazznormen eigene Musik- und Lebensphilosophien entwickelt hatte und für die Mitglieder juristischen, ökonomischen und sozialen Beratung leistet.
Meditation und Achtsamkeit
In den Ideen von AACM wurden Überlegungen von zeitgenössischen Komponisten wie Edgar Varese mit freier Improvisation, rhythmisch versetzten Schichtungen und polyphoner Abstraktion, Meditation und Achtsamkeit verbunden. Zu den bevorzugten Aufführungsorten der AACM gehörte in Chicago auch der Club „Velvet Lounge“ des AACM-Mitbegründers Fred Anderson. Dort steht Chad Taylor bereits als 15-Jähriger regelmäßig auf der Bühne und dort trifft der Schlagzeuger auch Mazurek erstmals bei einem Konzert.
Der Albumtitel „Hyperglyph“ bedeute, „Klänge zu entschlüsseln und sie in etwas zu kanalisieren, das Licht wirft und hoffentlich in eine utopischere Zukunft führt“, erklärt Mazurek.
Der Künstler, geboren 1965 in Jersey City, wächst in Chicago auf und studiert an der Bloom-School of Jazz. Früh beeinflusst wird er von der Hardbop-Ästhetik eines Lee Morgan und dem Ton eines Freddie Hubbard. Als Folge der intensiven Beschäftigung mit Kompositionstechniken von Morton Feldman und Iannis Xenakis, mit Werken des Trompeters Wadada Leo Smith und des New Yorker Trompeters Bill Dixon, gründet Mazurek 1997 mit Taylor das Chicago Underground Duo.
Schon bald hat er Größeres im Sinn: 2005 formiert Mazurek das Exploding Star Orchestra, in dem bis zu 17 Musiker_innen aus der Chicagoer Postrock- und Jazzszene mitwirken, darunter auch Mitglieder der AACM, auch die Trompeterin Jamie Branch ist mit von der Partie. Von zentraler Bedeutung für Mazurek ist ein Konzert des Pianisten und Bandleaders Sun Ra und dessen Verbindung von Farben, Formen, frei gespielten, überblasenen Instrumenten und traditionellen Jazzelementen.
Jazzfest Berlin
Am Donnerstag, den 29.10. 2026 beginnt das Jazzfest Berlin und läuft bis zum 1. 11. 2026. Der Jazz soll diesmal auch jenseits des Festivalzentrums am Haus der Berliner Festspiele auch an andere Viertel und Orte getragen werden. So gibt es „Kiezkonzerte“ an acht Orten und „Jazz-Stadtführungen“.
Neben prominenten US-Stimmen wie Anthony Braxton, wird dem Nachwuchs eine Bühne gegeben, etwa der jungen Gitarristin Wendy Eisenberg. Einzelne Gigs finden in kleineren Clubs wie A-Trane und Quasimodo statt. Im Rahmen des Jazzfests läuft zudem ein Filmprogramm.
Weitere Informationen: https://www.berlinerfestspiele.de/jazzfest-berlin/programm/2026/kalender
Zitteraale im Amazonas
Wichtig ist auch ein Gemälde von Mark Rothko, das am Art Institute of Chicago ausgestellt ist. Dort schult Mazurek seine eigene synästhetische Wahrnehmung, Farben als Klänge zu hören und Klänge als Farben zu sehen. Seinen Horizont erweitert hat auch ein längerer Aufenthalt in Manaus, im brasilianischen Amazonas-Gebiet, wo seine Frau Britt, eine Biologin, Zitteraale erforscht hat.
Wasser, Wellen, Bewegung. Zu sehen in frühen eigenen Gemälden Mazureks, die Cover für das Chicagoer Underground Duo zieren, etwa für das Album „Synesthesia“. In einer Auftragskomposition des Berliner Jazzfests kam Mazurek erstmals 2018 auch mit Musiker_innen aus der Berliner Improvisationsszene auf die Bühne.
Beim aktuellen Album „Hyperglyph“ hat Mazurek eine dreiteilige „Egyptian Suite“ als Hommage an seinen Freund und Mentor, den Trompeter Bill Dixon komponiert. Die Musik sei eine „Architektur der Zeit“, erklärt Mazurek: „Wir arbeiten dafür mit einem abstrahierenden Ansatz: Es geht darum, ein Gefühl davon zu vermitteln, wie Klänge zusammenwirken.“
Sich selbst bezeichnet Mazurek als „Abstraktivisten“. Es ist eine Verbindung von Bill Dixons Idee der Abstraktion und deren aktivistischer Fortführung. Rob Mazurek sagt über seinen Mentor: „Bill Dixon dachte dabei sowohl in Klängen als auch in visuellen Formen. Was wäre, wenn dieser Ansatz – das Vordringen zum Kern, zum eigentlichen Wesen einer Sache – in eine bewusste Haltung übergeht? Diese Frage führte mich dazu, intensiver über den schöpferischen Prozess nachzudenken, aber auch über Lebenskonzepte wie Gemeinschaft, Liebe und Glück.“
Seit einigen Jahren lebt Mazurek mit seiner Frau im Künstlerort Marfa in Texas, wo er in einem Atelier großformatige Bilder malt. Er erforsche damit, die visuellen Implikationen von Liebe, Licht, Resonanz und Schönheit. Als „Projektionsinstrument für den Austausch galaktischer, ekstatischer Liebeswellen“. Auch mit dem Chicago Underground Duo kreiert Mazurek einzigartige, resonanzfähige Ideen.
Neues Album vom Chicago Underground Trio Dieser Jazz ist offen für alles
Seit dreißig Jahren spielen Chad Taylor und Rob Mazurek skizzenhaften Jazz. Für ihr Album „Hyperglyph“ kommen viele Gäste der Szene aus Chicago dazu.
Von Benjamin Moldenhauer
US-Jazz-Trompeter Wadada Leo Smith Eine Rastarepublik der Improvisation
Dritter im Bunde der zweiten Freejazzgeneration: Beim Festival „MaerzMusik“ in Berlin kommen Werke des US-Trompeters Wadada Leo Smith zur Aufführung.
Von Diedrich Diederichsen
Neues Album „Lightning Dreamers“ Sound der Zitteraale
Jazztrompeter Rob Mazurek und das Exploding Star Orchestra haben ein neues Album. Es muss ein Leben geben, das sich anfühlt, wie diese Musik klingt.
Von Benjamin Moldenhauer
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