Schiefer als der in Pisa - der Turm von Michalovice
Burgruine in Tschechien Schiefer als der in Pisa - der Turm von Michalovice
Stand: 29.08.2026 • 14:09 Uhr
Der Schiefe Turm von Pisa ist nicht der schiefste Glockenturm der Welt. Der Wehrturm der Burgruine von Michalovice nahe Prag ist noch stärker geneigt. Die Gemeinde überlegt, ob es ihr einen Guinness-Rekord-Eintrag wert ist.
Milan Pruner hat dieses Mal nur seine Wasserwaage dabei. Aber auch ohne professionelle Messgeräte ist deutlich zu sehen: Er ist sehr schief, der Wehrturm der Burgruine von Michalovice, rund eine Autostunde nordöstlich von Prag. "Die jüngste geodätische Vermessung hat ergeben: Der Turm neigt sich um mehr als 7 Grad", berichtet der Chef der Städtischen Kulturgesellschaft von Mladá Boleslav.
Ganz genau sind es 7,315 Grad, präzisiert Pruner. Das sei noch schiefer als bei einer ersten Expertenmessung vor einigen Monaten. Zum Vergleich: Der Schiefe Turm von Pisa kommt nur auf knapp 4 Grad. Und auch der aktuelle Rekordhalter im Guinness-Buch steht mit rund 5,5 Grad gerader. Offiziell anerkannt ist der tschechische Rekord aber noch nicht.
Eintrag kostet 41.000 Euro
"Das ist nämlich sehr teuer. Vielleicht lassen wir die Ruine Michalovice nur ins tschechische Buch der Rekorde eintragen", so Pruner. Die Aufnahme als Guinness World Record würde eine Million Kronen kosten, umgerechnet rund 41.000 Euro, rechnet Stadtrat Robin Povsik vor.
Ob sich dieses Investment lohnt, soll nun eine Kosten-Nutzen-Analyse herausfinden. "Mladá Boleslav ist eine Industriestadt, kein Tourismus-Ziel. Wir verfügen nicht über die nötige Infrastruktur für Besucher. Und wir müssten uns ein völlig neues Programm ausdenken, um für Touristen attraktiver zu werden."
Investitionen notwendig
Das Publikums-Highlight in der tschechischen Autostadt ist mit Abstand das Škoda-Museum, das von 250.000 Besuchern pro Jahr besichtigt wird. An andere Orte in der Stadt oder gar zum Burggelände im Vorort Michalovice zieht es bisher nur einige Tausend Touristen. Auch rund um die Ruine müsste investiert werden. Die stehe aber trotz ihrer Schräglage sicher, heißt es. Die neue Rekord-Messung hat jedenfalls schon inländische Touristen angelockt.
"Mich hat die Mechanik des Schadens interessiert. Denn so schief und kaputt der Turm dasteht, passt das nicht zur Legende, dass Schatzsucher darunter gegraben haben und der Turm dadurch abgerutscht ist. Am wahrscheinlichsten ist die Schadensmechanik auf eine Explosion zurückzuführen", sagt ein Mann.
Das sehen Regionalhistoriker inzwischen genauso. Mitte des 18. Jahrhunderts ließ Kaiser Ferdinand III. ungenutzte Burgen sprengen - wohl auch die verfallene Mittelalter-Ruine Michalovice. Jetzt könnte die romantische Anlage auf einem Felsen über der Iser Weltruhm erlangen.
Eine junge Frau aus Mlada Boleslav ist stolz auf ihren schiefen Turm. Sie hat extra ihre Freundin aus Italien eingeladen. Gerade waren beide zusammen in Pisa. Das Rückspiel gewinnt Tschechien, muss auch die Italienerin eingestehen: "Dieser Turm ist wirklich schiefer. Ich bin ein bisschen traurig, weil ich dachte, der schiefste Turm der Welt sei der in Pisa. Aber das ist schon in Ordnung."
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