Weitere Stufe des PFAS-Verbots in Kraft getreten
Chemikalien in Kosmetika Weitere Stufe des PFAS-Verbots in Kraft getreten
Stand: 12.10.2026 • 13:05 Uhr
Sie stecken in Bekleidung, Cremes oder Fast-Food-Kartons: PFAS. Doch die "Ewigkeitschemikalien" stehen im Verdacht, den Körper zu schädigen. Weitere PFAS-Produkte sind nun in der EU verboten.
Nach dem beherzten Biss in den Hamburger mit der Serviette den Mund abgewischt und mit Zahnseide die Überbleibsel des Rinderhacks aus der Zahnlücke beseitigt: Was unappetitlich klingt, beschreibt noch unangenehmer mehrere Gelegenheiten für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS, mit dem Körper eins zu werden.
Der Burger brutzelte zuvor in einer mit PFAS-beschichteten Pfanne, landete dann in einem Karton, der mit PFAS imprägniert war, damit ihn Fett und Öl nicht aufweichen. Ähnlich beschaffen ist die Papierserviette. Und auch die Zahnseide wird dank PFAS besonders gleitfähig und reißfest.
Thorsten Reemtsma vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforscht, wie sich Chemikalien sowohl in der Umwelt als auch im menschlichen Stoffwechsel abbauen oder umwandeln: "PFAS sind aufgrund ihrer Stoffeigenschaften für verschiedenste Anwendungen sehr attraktive Stoffe. Dies hat dazu geführt, dass sie oft auch dort eingesetzt werden, wo andere Stoffe auch ausreichten, weil es so einfach ist."
Nur bestimmte Stoffgruppe verboten
Was in Herstellung und Verwendung Komfort birgt, hat einen Preis: Studien zufolge schädigen bestimmte PFAS die Leber, das Hormon- und Immunsystem und stören den Fettstoffwechsel oder die Wirkung von Impfungen. Darüber hinaus sollen sie die Fruchtbarkeit verringern oder Krebs erzeugen können. Bei zwei Drittel der jungen Bevölkerung Deutschlands sind mindestens drei PFAS gleichzeitig im Blut nachweisbar.
Deshalb laufen auf EU-Ebene mehrere Initiativen gegen PFAS. Seit zwei Monaten sind bestimmte PFAS in Lebensmittelverpackungen oberhalb bestimmter Grenzwerte nicht mehr zulässig. Seit dem 10. Oktober sind weitere in Kleidung und Kosmetik dran: Textilien, Leder, Schuhe, Pelze und Häute in Kleidung, aber auch in kosmetischen Waren wie Gesichtscremes sollen von Verbrauchern ferngehalten werden, sofern sie bestimmte PFAS-Grenzwerte überschreiten.
Das jetzige Verbot betreffe aber nur eine kleine Gruppe der Tausenden Chemikalien aus der PFAS-Familie. "Nämlich die Perfluorhexansäure, PFHxA, ihre Salze und mit ihr verwandte Stoffe", erklärt Kerstin Effers, Diplom-Chemikerin und Referentin für Umwelt und Gesundheitsschutz bei der Verbraucherzentrale NRW. "Diese C6-Stoffgruppe wurde häufig als Ersatz für die C8-PFAS verwendet, ist aber nicht weniger schädlich. Viele andere PFAS dürfen also weiterhin verwendet werden."
Wundermittel der Industrie
Mehrere Länder hatten bereits eigene Beschränkungen eingeführt, Dänemark hatte PFAS in Lebensmittelverpackungen aus Papier und Pappe bereits vor sechs Jahren verboten. Amerikanische Gerichte haben regelmäßig PFAS-Sammelklagen auf dem Tisch, weil sie Wasser verschmutzten oder Verbraucher ihre Erkrankungen darin begründet sehen.
Die Wirtschaftsrechtsberatung EY Law zieht Parallelen zu Asbest: "Was über Jahrzehnte als unbedenklich galt, könnte sich zu einem ernst zu nehmenden rechtlichen und wirtschaftlichen Risiko entwickeln." Die Reaktion der Industrie: Sie weicht auf eine andere Verbindung aus, sobald eine PFAS-Verbindung verboten wird oder in gesundheitlichen Misskredit fällt.
Denn PFAS galten jahrzehntelang als Wundermittel für die Industrie: Wasser, Schmutz, Öl, hohe Temperaturen und aggressive Chemikalien können ihnen allesamt nichts anhaben. Deshalb kommen sie in der Metallverarbeitung, der Halbleiter- und Elektronikfertigung, bei Spezialpapieren sowie in der Dichtungstechnik und bei Schmierstoffen zum Einsatz.
Industrie gegen Verbote
Die Industrie kritisiert daher Verbote: "Viele Industrieprodukte wie zum Beispiel Pumpen, die hoch aggressive oder hochsensible Medien wie reines Wasser fördern, benötigen zwingend PFAS, wenn es keine Leckage oder Verunreinigungen geben soll", erklärt Sarah Brückner, beim Maschinenbauverband VDMA zuständig für Fragen zu Umwelt und Nachhaltigkeit. Die PFAS-Regulierung gehe an der Realität vorbei und gefährde den Mittelstand.
Chemiker Reemtsma ruft dazu nach mehr Innovation. "Und in bestimmten Fällen wird es auch noch dauern, bis Alternativen am Markt sind." Darum habe jede Regelung Übergangszeiten. "Jede Produktionsumstellung, jede Änderung in Rezepturen und die Entwicklung PFAS-freier Produkte kostet die Unternehmen Geld." Es brauche deshalb klare, langfristige Vorgaben für die Industrie, was die EU in Bezug auf PFAS tun werde. "Jammern und das Springen von einer PFAS-Verbindung zur nächsten ist allenfalls eine kurzfristige Lösung."
Auch der Verband der Textilindustrie sieht Nachteile gegenüber dem Weltmarkt: "Kommt es zu einem weitgehenden Verbot des Fluorcarbons PFHxA in der europäischen Chemikaliengesetzgebung, stehen in der EU viele Technische Textilien zum Schutz des Menschen, der Umwelt, der Ressourcen und des Klimas sowie viele EU-Textilhersteller vor dem Aus", heißt es in einer Mitteilung.
Wettbewerb oder Verbraucherschutz?
Verbraucherschützerin Effers hält dem entgegen: "Wer jetzt von Wettbewerbsnachteilen spricht, hatte lange genug Zeit, sich auf das Gesetz einzustellen." Wie Effers vermutet, ersetzten viele Hersteller lieber die einen Schadstoffe durch andere, statt durch umweltfreundlichere Alternativen. Jene zur Imprägnierung seien bereits entwickelt und verfügbar. Dennoch sagt Effers: "Richtig ist, dass wir bei globalem Handel eine weltweite Beschränkung der PFAS benötigen."
Tatsächlich sind Technische Textilien wie persönliche Schutzausrüstung von Feuerwehrleuten vorerst vom neuen Verbot ausgenommen. Hier fehlt es dem Gesetzgeber an Alternativen - in der EU.
Es gibt bereits Alternativen
Mehrere US-Staaten hingegen haben PFAS in Kleidung von Feuerwehrleuten bereits verboten - auf Druck des amerikanischen Feuerwehrverbands. Er argumentiert: Krebs sei die berufsbedingte Todesursache Nummer eins bei Feuerwehrleuten, und PFAS könnten maßgeblich dazu beitragen. Eine Studie des amerikanischen National Institute of Standards and Technology (NIST) zeigte, dass die in der Einsatzkleidung verwendeten Textilien PFAS freisetzten. Es existierten bereits PFAS-freie Alternativen, die Feuerwehr von San Francisco mustert alle PFAS-Schutzanzüge aus.
Aber auch im Löschschaum finden sich PFAS-Chemikalien. "Gerade die Feuerlösch-Anwendungen haben zu Tausenden Fällen sehr hoher PFAS-Kontamination in Europa geführt, mit sehr hohen Belastungen nicht nur der Umwelt, sondern auch der Anwohner", schildert Reemtsma, was auch Menschen unterhalb des Flughafens Hahn im Hunsrück lernen mussten.
Vor Jahren hatten die Behörden PFAS hier in kleinen Bächen nachgewiesen. In einem Übungsbecken des Flughafens hatte die Feuerwehr Löschschaum versprüht. Dessen PFAS sickerten in die Erde. Regen spülte sie über die Jahre in die umliegenden Bäche. Die Folge: Im Wasser des Brühlbachs wurden Konzentrationen gemessen, die 3.500-mal höher waren als die EU-Umweltqualitätsnorm. Eine Altlast aus der Zeit als US-Militärflughafen. Doch auch aus anderen Gründen in vielen anderen Regionen zeigten Wasser- und Bodenproben eine PFAS-Belastung.
Was Verbraucher tun können
Damit Risiken von Gesundheits- und Umweltschäden verringert werden, rät Verbraucherschützerin Effers, beim Einkaufen genau hinzuschauen: "Erstens auf 'frei von PFAS' achten. Nicht zu verwechseln mit 'PFOS-frei'. Das schließt nur eine PFAS-Verbindung, nämlich Perfluoroctansulfonsäure, aus." Auf den Internetseiten von Outdoor-Markenherstellern könne nachgelesen werden, ob die Unternehmen den PFAS-Ausstieg bereits vollzogen haben, und ein Blick auf Textilsiegel lohne sich. Und schließlich rät Effers: "Nicht bei Händlern mit Sitz außerhalb der EU kaufen."
Und Chemiker Reemtsma sieht die Politik auf einem guten Weg: "Das von fünf Staaten, unter ihnen Deutschland, auf EU-Ebene angestoßene sogenannte 'Restriktionsverfahren von PFAS' will alle PFAS-Verbindungen vom Markt drängen, außer für essenzielle, unverzichtbare Anwendungen. Das wäre ein sehr großer Schritt."
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