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Saturday, September 19, 2026

Manuela Schwesig: "Frau gegen Blau"

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Es ist spätsommerlich warm in Mecklenburg-Vorpommern. Auf der großzügigen Terrasse von Schloss Hasenwinkel, einem alten Gutshaus in ländlicher Gegend, werden Lavendel-Cocktails und Zwiebelkuchen gereicht. Der größte Unternehmerverband des nordostdeutschen Bundeslandes hat Mitglieder und Gäste aus der Politik zu einem geselligen Austausch eingeladen. Auch die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ist gekommen. 

Es könnte ein entspannter Abend werden, wäre da nicht die Aussicht auf die Landtagswahl am 20. September. "Wir leben in politisch bewegten Zeiten", sagt Verbandspräsident Lars Schwarz zur Begrüßung. Der Abend solle auch dazu dienen, "Kraft zu tanken". Zu diesem Zeitpunkt sind es noch zehn Tage bis zur Wahl und die extrem rechte Alternative für Deutschland (AfD) liegt in Umfragen mit 37 bis 38 Prozent in Führung. Die SPD folgt mit 33 Prozent auf Platz zwei. 

Deutschland Schwerin 2026 | Manuela Schwesig und Lars Schwarz beim Wirtschaftstreffen auf Schloss Hasenwinkel. Schwesig steht an einem Rednerpult und spricht. Schwarz steht neben ihr und blickt sie an. Die beiden stehen draußen, im Hintergrund ist der Ausgang aus dem Haus auf die Terrasse zu sehen.
Besorgter Blick in die Zukunft: Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und Lars Schwarz, Präsident des UnternehmerverbandesBild: DW

Wirtschaft braucht Zuwanderung, AfD lehnt sie ab

Im Regierungsprogramm der AfD spielt "Remigration" eine große Rolle. Für die Wirtschaft sind das schlechte Aussichten. Mecklenburg-Vorpommern ist deutlich älter, dünner besiedelt und stärker vom demografischen Wandel betroffen als die meisten anderen Bundesländer. "Internationale Fach- und Arbeitskräfte sind längst ein wichtiger Teil unserer wirtschaftlichen Zukunft", sagt Schwarz. "Weltoffenheit ist keine abstrakte politische Formel, sondern die konkrete Voraussetzung dafür, dass Betriebe in unserem Land auch morgen noch produzieren, Dienstleistungen anbieten, ausbilden und wachsen können."

Schwesig erzählt in einer kurzen Ansprache von Begegnungen im Wahlkampf. Vom Gespräch mit einer Bäckerin, die sich nicht nur über die hohen Energiepreise Gedanken macht, sondern auch um ihre Mitarbeiter. "Sie hat gesagt, Frau Schwesig, hier arbeiten Mitarbeiter mit Migrationshintergrund und ich mache mir große Sorgen, dass ich sie verliere, weil ich sie schätze, weil sie mir auch als Menschen nicht egal sind."

Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern 2026 | Wahlkampf SPD in Schwerin | Schwesig am Marienplatz im Gespräch mit einem Bürger, der eine rote Tasche über die Schulter gehängt hat, auf der: Schwesig, Mein Herz und meine Stimme, steht.
Zuhören und Fragen beantworten: Manuela Schwesig im WahlkampfBild: Philip Dulian/dpa/picture alliance

Der Chef eines Planungsbüros habe sie angesprochen und erzählt, dass sein marokkanischer Mitarbeiter das Land verlassen wolle. "Weil er, wenn er ins Café auf dem Markt in Stralsund geht und noch auf seine deutschen Freunde wartet, entweder Leute neben sich sitzen hat, die Sprüche machen oder die sich woanders hinsetzen." Wer, fragt Schwesig, wolle in so einem Klima leben?

Sorge vor gesellschaftlicher Spaltung

Den Sieg der AfD verhindern, das ist das erklärte Ziel der 52-Jährigen. Im Endspurt des Wahlkampfs hat ihre Partei sie als "Die Frau gegen Blau" plakatiert. Blau, das ist die Parteifarbe der AfD. "Die Lage ist ernst", sagt Schwesig im Gespräch mit der DW. "Die AfD würde unserer Wirtschaft schaden, sie würde unserem sozialen Zusammenhalt schaden. Mit ihrer rohen Art zu reden, mit Hass und Hetze, wird die Gesellschaft auseinandergetrieben, gibt es wieder mehr Gewaltbereitschaft und das wird vor allem auch uns Frauen treffen."

Wer das alles nicht wolle, müsse sie unterstützen. "Dafür muss man zur Wahl gehen und SPD wählen und daher bin ich die Frau gegen Blau." Die SPD wird auf den meisten Wahlplakaten allerdings nicht erwähnt. Da ist nur Manuela Schwesig zu sehen, ganz in Rot. Die Parteifarbe der SPD muss als Hinweis reichen. Schwesig ist das Zugpferd, sie steht für das politische Comeback der letzten zwölf Monate. Im September 2025 stand die SPD in Mecklenburg-Vorpommern noch bei nur 19 Prozent, die AfD bei 38 Prozent. 

Erfolgsrezept: nah am Bürger und Abstand zu Berlin

Die Aufholjagd gelang Manuela Schwesig auf der einen Seite durch viel Bürgernähe. Auch im Wahlkampf sucht sie so oft wie möglich das direkte Gespräch mit den Menschen. Freundlich und zugewandt, aber auch bestimmt. Schwesig hört zu, beantwortet faktensicher Fragen, stellt sich Diskussionen, bei denen sie zeigt, dass sie über alles im Land gut informiert ist. 

Gepunktet hat sie vor allem aber auch mit maximaler Distanz zur Bundesregierung und damit auch zu ihrer eigenen Partei. Die SPD regiert in Berlin als Juniorpartner in einer Koalition mit den konservativen Parteien CDU/CSU. Die Regierung ist so unbeliebt wie keine vor ihr. Die SPD ist im Bund auf zwölf Prozent abgesackt.

Deutschland Berlin 2026 | Pressekonferenz im Garten des Kanzleramts. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Bundesministerin für Arbeit und Soziales Bärbel Bas (SPD), Bundesminister der Finanzen Lars Klingbeil (SPD) stehen nebeneinander an Rednerpulten. Im Hintergrund hängen die deutsche und die EU-Flagge je zweimal an Ständern.
In der SPD wird kritisiert, die Parteichefs Lars Klingbeil (re.) und Bärbel Bas würden in der Koalition mit dem CDU-Vorsitzenden und Kanzler Friedrich Merz (2.v.li.) und CSU-Chef Markus Söder zu viele Kompromisse eingehenBild: dts Nachrichtenagentur GmbH/dts-Agentur/picture alliance

Deutliche Kritik an Friedrich Merz

Schwesig findet vieles von dem, was in Berlin entschieden wird, nicht richtig - und das sagt sie auch. "Ich erwarte, dass der Bundeskanzler und die gesamte Bundesregierung einen neuen Kurs in der Politik einschlagen", forderte sie nach dem Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt Anfang September. 

Die von Union und SPD geplante Reform der Sozialsysteme geht für sie schon lange in die falsche Richtung. "Ich erwarte, dass bei den Reformen darauf geachtet wird, dass diejenigen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und eingezahlt haben, dass die nicht diejenigen sind, die die größten Lasten tragen", sagt sie zu den Plänen, den Renteneintritt mit 63 Jahren von Menschen abzuschaffen, die besonders lange in die Rentenkasse eingezahlt haben. "Und ich bin froh, dass meine Kritik mittlerweile viel Unterstützung bekommt."

Wird Manuela Schwesig SPD-Vorsitzende?

Unterstützung auch in der eigenen Partei. In der Bundes-SPD wächst der Unmut über die beiden Vorsitzenden Lars Klingbeil und Bärbel Bas. Offen wird darüber spekuliert, ob Manuela Schwesig die beiden nicht an der Parteispitze ablösen sollte. In der Krise der SPD spricht einiges dafür, eine der letzten beim Wähler beliebten Sozialdemokratinnen zur Chefin zu machen. 

Deutschland Berlin 2025 | SPD-Parteitag vor der Bundestagswahl. Manuela Schwesig hält einen rot-weißen Schal in die Höhe und lacht. Im Hintergrund ist die Übertragung ihres Auftritts auf einem großen Bildschirm zu sehen.
In der SPD ist sie sehr beliebt: Manuela Schwesig im Januar 2025 auf dem Parteitag in BerlinBild: JOHN MACDOUGALL/AFP

Eine Frau, die erst spät zur Politik kam. Die gebürtige Brandenburgerin war schon beinahe 30 Jahre alt, als sie 2003 in die SPD eintrat. Zuvor hatte sie Finanzverwaltung studiert und als Steuerbeamtin gearbeitet. 

Von ihren Gegnern wurde Schwesig immer wieder unterschätzt

Ihr politischer Aufstieg verlief schnell: Kommunalpolitik in der Landeshauptstadt Schwerin, Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern, schließlich seit 2013 Bundesfamilienministerin unter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Spätestens da wurde sie auch bundesweit bekannt.

Ihre Gegner unterschätzten sie oft, allen voran Männer. "Küsten-Barbie" nannte sie ein CDU-Politiker einst abwertend. "Jung, blond, ostdeutsch" wurde getitelt, als sie Bundesministerin wurde. Vielleicht auch, weil Schwesig nie wie eine klassische Machtpolitikerin auftrat. Die Stärken der zierlichen Frau liegen in ruhiger Beharrlichkeit, Kampfgeist und Pragmatismus.

Starke Verbindungen zu Russland

Diese Beharrlichkeit wäre ihr im Streit um die Gas-Pipeline Nord Stream 2 beinahe zum Verhängnis geworden. 2017 wechselte Schwesig zurück nach Mecklenburg-Vorpommern, um dort die Nachfolge des schwer erkrankten Ministerpräsidenten Erwin Sellering anzutreten. Der pflegte damals ein sehr gutes Verhältnis zu Russland, Schwesig setzte seine Politik fort. 

Deutschland Sellering und Schwesig sitzen nebeneinander und unterhalten sich.
2017 wurde Manuela Schwesig Nachfolgering des damaligen Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin SelleringBild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/B. Wüstneck

Dazu gehörte auch, den Bau der Ostsee-Pipeline, die noch mehr russisches Gas nach Deutschland transportieren sollte, vehement gegen Kritik aus Osteuropa, den USA und aus Teilen Deutschlands zu verteidigen. Als die USA 2021 mit Sanktionen drohten, versuchte Schwesig sogar, die Fertigstellung von Nord Stream 2 über die Gründung einer "Klima-Stiftung" zu sichern, für die das Geld aus Moskau kam.

Ministerpräsidentin mit 60 Prozent Zustimmung

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 wurde ihre Haltung zur politischen Hypothek. Schwesig vollführte eine politische Kehrtwende und räumte Fehler ein. Bis heute aber verteidigt sie die Logik ihrer damaligen Entscheidungen. 

Ukraine | Treffen Manuela Schwesig mit Wolodymyr Selenskyj in Kiew
2024 reiste Manuela Schwesig in die Ukraine und traf dort den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr SelenskyjBild: Volodymyr Sherbak/Staatskanzlei MV/dpa/picture alliance

Nachhaltig geschadet hat ihr das nicht. Aktuell würden bei einer Direktwahl 60 Prozent der Wahlberechtigten in Mecklenburg-Vorpommern für Schwesig als Regierungschefin stimmen. Auch die aktuelle Landesregierung von SPD und Linken schneidet in Umfragen gut ab. Ob es für eine Fortsetzung reichen wird, wird sich am Wahlabend zeigen. In letzten Umfragen (17.9.) lag die SPD bei 37 Prozent, die AfD bei 36. 

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