Frankfurter Buchmesse: Ist der erste KI-Bestseller schon längst gedruckt?
Es ist das Aufregerthema der Frankfurter Buchmesse: Wie stark wird Künstliche Intelligenz die Buchbranche verändern und wo lässt sich dieser Wandel überhaupt noch regulieren? Angesichts von Warnungen vor den langfristigen Risiken der Technologie für die Menschheit überhaupt mögen solche Debatten kleinteilig wirken. Tatsächlich aber geht es um sehr konkrete Fragen: den Schutz von Urheberrechten, die Macht großer Tech-Konzerne und die Zukunft kreativer Arbeit. Einig sind sich viele Beteiligte, dass die bisherigen politischen Maßnahmen nicht ausreichen.
In diesem Jahr kommt noch ein weiterer Aspekt in die Debatte, akuter als in den Jahren zuvor: Erkennen wir überhaupt noch, wenn ein Text mit Hilfe Künstlicher Intelligenz geschrieben wurde? Lässt sich das überhaupt beweisen? Wie brisant das Thema ist, zeigt der aktuelle Literaturskandal um den haitianisch-kanadischen Autor Thélyson Orélien. Sein Debütroman "C'était ça ou mourir" erschien bereits im Frühjahr in Kanada, im Spätsommer dann in Frankreich. Eine Migrationsgeschichte, die ausnahmslos gefeiert wurde, die Rechte in mehr als 20 Sprachen verkauft, das Buch auf der Longlist des renommierten Prix Goncourt.
Doch dann taucht plötzlich der Vorwurf auf, das Buch sei fast vollständig mit KI verfasst. Der Literaturstar Orélien gilt plötzlich als Betrüger, obwohl er alle Vorwürfe bestreitet. Die Nominierung für den Prix Goncourt – zurückgezogen. Wem glauben wir nun: dem Autor oder der KI, die die KI identifiziert haben will?

Wenn die Herkunft von Texten ungewiss wird
"Wir werden mit dem Zweifel leben müssen", sagt Hannes Bajohr, Germanistikprofessor an der University of California in Berkeley. Er beschäftigt sich seit Jahren damit, wie KI das Schreiben und auch das Lesen verändert. Seine Prognose: wenn die Herkunft von Texten nicht mehr zuverlässig feststellbar ist, dann werden wir Texte anders bewerten müssen. Was zählt, ist allein seine Qualität und nicht mehr die Frage, ob beim Schreiben KI benutzt wurde.
Damit will sich Nina George, Bestseller-Autorin und Ehrenpräsidentin des European Writers Council, nicht zufriedengeben. Sie ist auf der Frankfurter Buchmesse für ihre Engagement unter anderem zum Thema KI und Urheberrecht mit dem Friedrich-Perthes-Preis ausgezeichnet worden. George ist vor dem Europäischen Parlament aufgetreten, auch vor dem Bundestag, und spricht und schreibt unermüdlich über die Gefahren von KI-Modellen. Es sei doch pervers, sagt sie, dass ein Autor plötzlich beweisen soll, dass sein Schreiben menschlich ist. Für sie liegt der Fokus ihres Engagements weiter auf der Selbstbedienungsmentalität der großen Konzerne und dem Schutz des Urheberrechts.

Kann jeder mit KI Autor oder Autorin werden?
Was aber, wenn der Autor die KI nicht als Feind, sondern als Tool sieht, das ihm das Schreiben erleichtert? Der US-amerikanische Autor und Künstler Luke Stoffel, hat in seinem Memoir "How To Win One Million Dollars and Shit Glitter" ganz bewusst KI eingesetzt und das auch offen bekannt. "Ich bin Legastheniker", sagt er im Video-Interview, "ich habe immer geschrieben und mir Geschichten ausgedacht, aber mich nie getraut, mehr daraus zu machen." Erst die KI habe ihm die Erfüllung seines Traums ermöglicht, ihn auf Schwächen in seinem Text aufmerksam gemacht und ihm ein Marketingkonzept vorgeschlagen, das dann tatsächlich funktionierte. Die Belohnung: Im Mai 2026 erhielt er für das Buch einen Preis der Unabhängigen Verleger (IBPA).

Für die Südafrikanerin Coral Hart ist KI sogar die Grundlage ihres Geschäftsmodells. Unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht sie jedes Jahr über 200 verschiedene Romane: Romance, Thriller und Mystery, alle im Selbstverlag. Dabei sieht sie sich als Ideengeberin ebenso wie als Lektorin und Verlegerin. Auch wenn noch kein Bestseller darunter war, lohnt sich das Geschäft. Insgesamt erreiche sie, so die Autorin, mit jedem ihrer Bücher mehr als 5000 Menschen.
Viele Verlage arbeiten längst mit Künstlicher Intelligenz
Der New Yorker Autor Luke Stoffel findet die ganze Debatte verlogen. Viele Verlage arbeiteten längst mit KI-Tools. Und er ist sicher: "Gerade im Moment wird ein Millionen-Bestseller gedruckt, der mit Hilfe von KI entstanden ist. Der Autor wird's nicht zugeben, und dann gibt's einen Skandal." Gut möglich, dass der Skandal um Thélyson Orélien diese Geschichte ist. Aber wissen tun wir das womöglich nie.
Und so geht es zunächst einmal weiter mit dem Kampf gegen die Tech-Konzerne, die ja mittlerweile selbst die Sorge umtreibt, die Kontrolle zu verlieren. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat gleich zum Auftakt der Messe einen Appell an die Politik in Berlin und in Brüssel gerichtet, Künstliche Intelligenz stärker zu regulieren, eindringlicher als je zuvor. 140 Verlage haben den bereits unterschrieben. Aber es bleibt eben nur ein Appell. Und was den Autoren selbst im Umgang mit KI erlaubt ist, darüber wird sicher auch in Zukunft noch weiter gestritten werden.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.