Deportation von Wolgadeutschen: Das bestrafte Volk

Im Jahr 1941 beschloss Stalin, die Russlanddeutschen nach Sibirien und Kasachstan zu deportieren. Sie galten von einem Tag auf den anderen als Verräter.
Foto: Scherl/picture alliance
A m 30. August 1941 hörte der deutsche Lehrer Dmitrij Bergmann aus einem Wolgadorf die Nachricht, die ihm völlig absurd erschien. Er war Kommunist, der Sowjetmacht treu ergeben und wollte den Gerüchten keinen Glauben schenken. Er schreibt in seinem Tagebuch, das er bis zu seinem Tod im Winter 1942 führte: „August 30. Abends erzählt M., dass alle Deutschen ausgesiedelt würden; ich riet, kein Wort weiter darüber zu verlieren; eine infame Lüge oder eine kolossale Provokation.“
Doch dann überzeugt er sich davon, dass es wahr ist: „August 31. Schrecklich, aber wahr – in der Zeitung mit dem Erlass schwarz auf weiß, unbegreiflich! Aber wie ungerecht die Anschuldigung.“
Der katastrophale Rückzug der Roten Armee nach dem Kriegsbeginn löste in der sowjetischen Führung Panik aus. Dass man auf den deutschen Einmarsch nicht vorbereitet war, war auch eine Folge von Stalins Fehleinschätzung von Hitlers Plänen. Stalin reagierte darauf so, wie er es immer tat: Er schob die Verantwortung für eigenes Versagen anderen zu.
Bild: Hendrik Schmidt/dpa
76, ist Mitgründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial. Seit 2022 lebt sie im Exil in Deutschland. In der taz schreibt sie die Kolumne „Unendliche Geschichte“.
Dazu gehörte auch die Entscheidung zur Deportation der Russlanddeutschen – aus dem Wolgagebiet und dann aus dem europäischen Teil der UdSSR. In dem Erlass vom 28. August 1941, den Bergmann in der Zeitung las, wurden alle Russlanddeutschen völlig grundlos des möglichen Verrats beschuldigt.
„Nach zuverlässigen Angaben befinden sich im Wolgagebiet unter der deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und Spionen, die auf ein aus Deutschland gegebenes Signal hin Explosionen in den von Deutschen bewohnten Gebieten verüben sollen. Folglich verbirgt die deutsche Bevölkerung des Wolgagebiets in ihrer Mitte Feinde des sowjetischen Volkes und der Sowjetmacht.“
Damit begann die Deportation, und die Republik der Wolgadeutschen wurde aufgelöst.
Kälte, Elend und Hunger
Das war nicht die erste Zwangsumsiedlung in der UdSSR. Doch die Aussiedlung der Russlanddeutschen war die erste Deportation von solcher Größenordnung nach dem nationalen Prinzip. 1939 gab es in der UdSSR 1,4 Millionen Deutsche. 950.000 wurden umgesiedelt. Nach drei Jahren begann die Deportation anderer Völker, die der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt wurden – Kalmücken, Tschetschenen, Krimtataren und andere.
Die deportierten Deutschen wurden in weit entfernte Dörfer nach Sibirien und Kasachstan gebracht: Kälte, Elend und Hunger erwarteten sie dort. Aber die Lage wurde noch schlimmer, als 1942 die Mobilisierung in die Arbeitsarmee begann, eine der brutalsten Formen der stalinistischen Mobilisierungspolitik. Die Lage der Mobilisierten war keineswegs besser als die der Gefangenen des Gulags – schwerste Arbeit und hohe Sterblichkeit.
Auch nach dem Ende des Krieges erwartete die Russlanddeutschen die ewige Verbannung in den Sondersiedlungen, die erst nach Stalins Tod 1955 aufgehoben wurde. Von einer Wiederherstellung der Autonomie war dabei keine Rede. Das Trauma des Krieges spielte eine Rolle; bei den nachfolgenden Generationen gingen Sprache, Bräuche und Religion durch die erzwungene Assimilation verloren.
Massenausreise nach Öffnung der Grenzen
Erst infolge des Gesetzes von 1991 „Über die Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen“ stellte sich die Frage nach der Wiederherstellung der Autonomie der Wolgadeutschen. Doch die Bemühungen der Aktivisten blieben erfolglos. Die damaligen russischen Behörden wollten diese Bestrebungen nicht unterstützen.
Mit der Öffnung der Grenzen begann die Massenausreise der Russlanddeutschen nach Deutschland. So kam diese zweihundertjährige Geschichte an ihr Ende.
Russland verlor einen wichtigen Teil seiner multiethnischen Bevölkerung, während man in Deutschland nicht auf sie als „wirkliche“ Deutsche blickte. Ihre tragische Geschichte ist aber heute von großer Bedeutung, weil sie dem Putinschen Geschichtsmythos, der Rehabilitierung Stalins und der Verwandlung des Krieges in eine bloße Geschichte des „Großen Sieges“ widerspricht.
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