Weltraumspiegel: Satelliten sollen nachts die Erde erhellen
Satellitenspiegel im All Sonnenlicht soll Nacht erhellen
Stand: 26.09.2026 • 07:56 Uhr
Ein US-Unternehmen will Tausende Satelliten ins All schicken, um mit Spiegeln die Nachtseite der Erde zu beleuchten. Forschende warnen vor Gefahren für Astronomie, Natur - und den Menschen.
Von Jan Kerckhoff, BR
Es klingt nach Science-Fiction, ist aber ein ernst gemeintes Geschäftsmodell: Noch in diesem Jahr will das US-Unternehmen Reflect Orbital einen besonderen Satelliten ins All schicken. In rund 600 Kilometern Höhe soll dieser einen großen Spiegel entfalten und das Sonnenlicht von der Tag- auf die Nachtseite der Erde umlenken.
Das Ziel ist, eine Fläche von etwa fünf Kilometern Durchmesser mit einer Helligkeit von 0,1 Lux beleuchten zu können - das ist ungefähr so hell wie der Vollmond. Der Satellit soll Licht für Rettungsaktionen im Katastrophenfall bereitstellen, Baustellen beleuchten und Solaranlagen auf der Erde zusätzliches Licht liefern.
Der Raumfahrtexperte Enrico Stoll von der Technischen Universität Berlin ist allerdings skeptisch, ob Solaranlagen dann wesentlich mehr Energie liefern. Die Reflektoren des Satelliten sollen eine Kantenlänge von 18 Meter, die Fläche 324 Quadratmeter betragen. "Wenn man das alles durchrechnet ohne irgendwelche Verluste, kommt man in den Milliwatt-Bereich", sagt Stoll. Hinzu komme die Schwierigkeit, mit dem Licht die anvisierte Fläche zu treffen, denn der Satellit würde mit einer Geschwindigkeit von sieben Kilometern pro Sekunde fliegen.
Ziel: 50.000 Satelliten bis 2035
Der Satellit soll dieses Jahr zunächst nur zu Testzwecken starten. Weitere sind aber geplant. Bis zum Jahr 2035 will Reflect Orbital 50.000 davon im Orbit platzieren. Diese sollen dann rund um die Uhr insgesamt 36.000 Lux bereitstellen. Das entspreche Tageslicht, wie Reflect Orbital auf seiner Internet-Seite schreibt.
Das Problem sei, so Stoll, dass die Satelliten in den sonnensynchronen Orbit geschickt werden sollen. Der sei aber schon jetzt überfüllt, weil dort viele Erdbeobachtungssatelliten kreisen.
Wegen der großen Fläche der Satelliten steige das Risiko von Kollisionen im Orbit und damit von mehr Weltraumschrott. Zudem würde die Restatmosphäre die Satelliten mit ihren großen Reflektorschirmen abbremsen. Dann wäre entweder viel Treibstoff nötig, um deren Bahn stabil zu halten, oder die Weltraumspiegel sinken langsam ab und verglühen in der Atmosphäre, die dadurch verschmutzt würde.
Sorge wegen Lichtverschmutzung
Neben der Gefahr neuen Weltraumschrotts sorgt vor allem die drohende Lichtverschmutzung für Kritik an den Satelliten. Astronomen warnen, das reflektierte Sonnenlicht aus Tausenden Spiegeln würde den Nachthimmel für Beobachtungen zu sehr aufhellen. Präzise Beobachtungen schwacher Sterne und Galaxien wären kaum noch möglich.
Wissenschaftler der Europäischen Südsternwarte in Garching bestätigen Berechnungen der Slowakischen Akademie der Wissenschaften: Danach würde der Lichtschein nur eines Weltraumspiegels selbst aus einer Entfernung von 14 Kilometern die Helligkeit des Vollmondhimmels übersteigen.
Dem stimmt der Laserphysiker Andreas Jechow von der Technischen Hochschule Brandenburg zu, der zu Lichtverschmutzung forscht. Das Licht werde in der ganzen Atmosphäre gestreut und sei weit sichtbar. Das gelte schon bei den 0,1 Lux, die das erste Ziel sind. Damit sei man auf Vollmond-Niveau, später sei es dann tatsächlich taghell.
Jechow warnt, dass die künstliche Aufhellung der Erde bei Nacht eine massive Veränderung der Lebensbedingungen bedeute. Viele Tierarten sind an den Wechsel von Tag und Nacht angepasst. Nachtaktive Arten nutzen die Dunkelheit, um sich vor Fressfeinden zu schützen oder auf Nahrungssuche zu gehen. Auch Pflanzen brauchen Dunkelphasen, etwa für die Blütenbildung. Wird die Nacht großflächig aufgehellt, drohen Störungen in ihren Wachstumszyklen.
Dauerhelligkeit und Schlafstörungen
Nicht nur Tiere und Pflanzen könnten leiden, sondern auch Menschen. Ihr Schlaf-Wach-Rhythmus hängt stark vom Wechsel von Licht und Dunkelheit ab. Wenn der Himmel nachts dauerhaft heller ist - selbst nur 0,1 Lux - kann das den Schlaf beeinträchtigen.
Jechow warnt, dass das Licht nicht einfach lokal begrenzt werden könne. Denn wird ein Feld in einigen Kilometern Entfernung beleuchtet, hellt sich die Atmosphäre insgesamt auf. Bewohner weiter weg würden die Aufhellung dennoch wahrnehmen. Langfristig könnte Dauerhelligkeit Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden haben.
Unternehmen kontert Kritik
Reflect Orbital reagiert bislang zurückhaltend auf die Kritik. Das Unternehmen betont, die meisten Menschen würden das Licht ohnehin nie direkt sehen. Man wolle vor allem Leben retten, etwa bei Katastrophen, und zusätzliches Licht ohne fossile Energie bereitstellen. Gleichzeitig verspricht die Firma, sich um Fragen zu Umwelt und Astronomie zu kümmern.
Konkrete Konzepte, wie Menschen, Natur und Weltraum vor negativen Folgen geschützt werden sollen, bleiben allerdings offen. Zahlreiche Forschende fordern deshalb, das Projekt gründlich zu prüfen, bevor Tausende Weltraumspiegel gestartet werden.
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