UN-Bericht zur Klimakrise: 180-Grad-Wende angestrebt

Am Mittwoch veröffentlichte das UN-Umweltprogramm Unep den neuen Bericht zur Klimakrise. Fazit: Der Punkt zur Umkehr ist erreicht.
Foto: Paul Glaser
Es ist nicht mehr möglich, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das ist das Ergebnis des Klimaberichts des UN-Umweltprogramms Unep. Das ermittelt jedes Jahr die Lücke zwischen den zu erwartenden Emissionen und den Werten, die für eine Erreichung der Klimaziele des Pariser Abkommens notwendig wären. Der diesjährige Klimabericht trägt den dringlichen Titel „The Point of Return“.
Die globale Erderwärmung könnte bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf unter 1,5 Grad gesenkt werden, wenn strenge Klimaschutzmaßnahmen jetzt umgesetzt werden. Dafür müssten internationale Ziele und Maßnahmen beschleunigt werden. Doch selbst im besten Fall wird laut Bericht die Erderwärmung bis Mitte des Jahrhunderts bisherige Schätzungen übertreffen. Im besten Fall wird die Durchschnittstemperatur bis 2050 um 1,7 bis 1,8 Grad gestiegen sein.
Bis zum Ende des Jahrhunderts sprechen die Wissenschaftler*innen von 2,8 Grad Erderwärmung, sollte die gleiche Klimapolitik verfolgt werden wie bisher. Wenn alle Länder ihre nationalen Ziele einhielten, würde die Erwärmung bei 2,6 Grad liegen. Die Treibhausgasemissionen aus dem Jahr 2025 lagen auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr. Die Zahl der nationalen Klimaschutzpläne mit Zielen bis 2035 haben sich seit dem letzten Jahr verdoppelt. Sie bleiben aber unter dem erforderlichen Niveau.
Weniger als die Hälfte der G20-Mitglieder wird bis 2030 umsetzen, was sie sich vorgenommen hatten – auch Deutschland nicht. Nur China, Indien, Indonesien, Russland, Südafrika und die Türkei gehen davon aus, ihre Klimaziele zu erreichen. Die selbstgesteckten Ziele sind aber nicht mit den tatsächlichen Emissionen zu verwechseln. Besonders die USA, Indonesien und China stießen 2025 mehr Emissionen aus als im Vorjahr. Indien, Russland und die EU konnten ihre Emissionen reduzieren.
Windkraft und Solarenergie besser als erwartet
„Wir haben viele Beispiele, die zeigen, dass Klimapolitik erfolgreich sein kann“, sagte Jan Minx, einer der Autoren des Berichts. Er arbeitet am Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK) und lenkt im Bericht den Blick darauf, welche Fortschritte es bereits gibt und wie sie beschleunigt werden können.
Beim Ausbau der erneuerbaren Energien sei global mehr erreicht worden, als das Modell vorausgesagt hatte – vor allem bei Windkraft und Solarenergie. „Gleichzeitig hängen wir mit dem Ausstieg aus den fossilen Energien total hinterher“, sagte Minx. Als eine der wichtigsten Maßnahmen, die es jetzt umzusetzen gilt, nennt er den Ausstieg aus der Kohleindustrie und das Verbrenner-Aus.
Die Erfolge konzentrierten sich jedoch auf bestimmte Sektoren, Länder und Zeiträume. Die größte Herausforderung sei es jetzt, Klimapolitik in die Fläche zu bringen. „Wir dürfen nicht den Fehler machen, zu denken, dass wir uns in den Industrieländern allein mit mehr Investitionen in Klimaanpassung schützen könnten“, sagte Minx. Klimaanpassung sei natürlich trotzdem wichtig. Aber: „Wir wissen, wie interdependent die Welt heutzutage ist“, sagte Minx, der auch für das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) tätig ist. Der globale Klimawandel betreffe uns alle, überall.
Ausstieg aus fossilen Energien notwendig
Auch Fentje Jacobsen, Co-Leiterin Klima und Energie beim WWF Deutschland, sieht den Ausstieg aus den fossilen Energien als notwendig, um den Wohlstand in Deutschland zu erhalten. „Deutschland hat eine historische Verantwortung und als führendes Industrieland einen enormen Hebel, Klimaschutz zu Hause und in der Welt voranzubringen“, sagte Jacobsen. Von der Bundesregierung fordert sie, das Erneuerbaren-Energien-Gesetz und das Netzpaket für den Ausbau sauberer Energien zu nutzen.
Jetzt gilt es, auf der Klimakonferenz im türkischen Antalya die richtigen Weichen zu stellen.
Christian Stöcker ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Er sagt der taz, für das Erreichen der Klimaziele müsse Deutschland zwei Dinge tun: „Konsequent die Infrastruktur ausbauen, die für ein primär erneuerbares Stromsystem und schnelle Elektrifizierung aller Sektoren nötig ist“, sagte Stöcker. Also erneuerbare Energien, Batteriespeicher und Stromnetze ausbauen.
Und: „CO₂ angemessen bepreisen“. Das weiterhin einfachste und effektivste Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise ist es laut Stöcker, die durch CO₂ verursachten Schäden den Verursachern in Rechnung zu stellen. Ein wichtiger Schritt sei eine „Koalition der Willigen, die sich auf einen globalen Mindestpreis für CO₂-Emissionen einigt“, sagte er. Zusammenkommen könnten in solch einer Koalition etwa die EU, China, Australien und Japan.
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