30 Jahre „Baphomets Fluch“: Clowns und Helden
Mit seinen Erstlingswerken „Lure of the Temptress“ (1992) und „Beneath a Steel Sky“ (1994) lieferte das britische Entwicklungsstudio Revolution Software zwar vielleicht keine Point-&-Click-Jahrhundertwerke, aber mindestens Achtungserfolge ab, die keine Angst davor hatten, es mit den ganz Großen der Branche, LucasArts und Sierra On-Line, aufzunehmen. Spätestens ab 1996 konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass diese Spiele keine Glückstreffer waren. Denn das war das Jahr, in dem das erste Spiel der „Baphomets Fluch“-Reihe erschien und die kleine Firma rund um Charles Cecil auf einen Schlag unsterblich machte.
Paris im Herbst …
Abhängig davon, wo man in den Genuss des Spiels kam, hat es sich unter verschiedenen Namen ins Gedächtnis gebrannt: Bei uns hieß es „Baphomets Fluch“, in den blutrünstigen USA „Circle of Blood“ – und der englische Originaltitel war schlicht „Broken Sword: The Shadow of the Templars“. All diese Namen ergeben innerhalb der Handlung des Spiels schon ihren Sinn, aber es ist natürlich trotzdem irritierend, das gleiche Spiel unter drei verschiedenen Namen (und in zwei sehr unterschiedlichen Verpackungen) zu finden.
Held aller Versionen ist der blonde amerikanische Tourist George Stobbart, der in einem Pariser Café sitzt, mit der Bedienung schäkert und ganz allgemein das Leben genießt. Jedenfalls so lange, bis ein Clown vorbeigehastet kommt, einen Koffer stiehlt und das Café in die Luft jagt. George kommt gerade noch so mit dem Leben davon, und seine Neugier ist geweckt: „Wer hat die Bombe gelegt?“ „Welche Rolle spielt der mysteriöse Clown?“ und „Was verbirgt sich hinter dem mysteriösen Orden der Templer?“ sind die drei Fragen, die nicht nur übergroß auf der Rückseite der deutschen Verpackung prangen, sondern auch im Mittelpunkt eines Abenteuers stehen, das George von Paris über Spanien und Syrien bis mitten ins tiefste Schottland führt. Denn was als einigermaßen normal wirkender Kriminalfall seinen Anfang nimmt, wird sehr schnell zu einer wilden Verschwörung voller jahrhundertealter Manuskripte, mysteriöser Artefakte und düsterer Geheimorganisationen.
Duo mit zwei Fäusten
Obwohl die Thematik das ganze Spiel über ernst bleibt, gilt das für das Abenteuer an sich nicht. George trifft schnell auf die Reporterin Nicole Collard, genannt Nico (in der deutschen Fassung exzellent vertont von Gillian-Anderson-Synchronsprecherin Franziska Pigulla), mit der er sich immer wieder zum Teil wunderbar schlagfertige Wortgefechte liefert. Die deutsche Fassung ist sehr kompetent übersetzt, aber natürlich geht ihr der zum Teil saharasandtrockene britische Humor der Originalfassung ab.
„Baphomets Fluch“ wird 30 (14 Bilder)

heise medien
)In jedem Fall ist George alles andere als ein typischer Adventure-Held – er ist ein Tourist. Zwar kein Tourist mit Fotoapparat und Flip-Flops wie Duane Henderson, auf den man in Syrien trifft. Aber dennoch in erster Linie ein Tourist, der einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Und offensichtlich einen ausgeprägten Hang besitzt, sich in Dinge einzumischen, die ihn eigentlich nichts angehen. Denn statt nach der Explosion einfach den nächstbesten Flug raus aus Frankreich zu buchen, ist seine Neugier geweckt.
Diese wird durch Nico immer weiter beflügelt, auch wenn die gute Dame mit dem eigenwilligen Haarschnitt eigentlich gar nicht so viel macht: Bis kurz vor Ende des Spiels sitzt sie nur in ihrer Wohnung herum, schreibt irgendwas, gibt George ein paar nützliche Hinweise, wenn er mal wieder vorbeischaut, und schickt ihn dann zum nächsten Ziel, wo er dann wieder all die Arbeit machen und ständig sein Leben riskieren muss. Erst im 2009 veröffentlichten „Director’s Cut“ von „Baphomets Fluch“ kam ihr eine wesentlich bedeutendere Rolle zu. Und natürlich wurde sie in den nachfolgenden Spielen der Serie (von denen es bislang fünf Hauptteile gibt und ein sechster gerade in Arbeit ist) schnell vom Sidekick zur Protagonistin auf Augenhöhe mit George befördert.
Animationsfilm zum Mitspielen
Als Point-&-Click-Adventure aus der Ära, als das Genre durch den mehr und mehr Fahrt aufnehmenden 3D-Zug spürbar an Bedeutung verlor, macht „Baphomets Fluch“ seine Arbeit ganz wunderbar: Die Bedienung über den kontextsensitiven Mauszeiger ist kinderleicht, Gespräche werden über grafisch zum Teil sehr putzige Themen-Icons geführt, es gibt keine in den frühen 90ern noch so typische Verbenleiste oder Dialogzeilen. Und genau wie bei „Beneath a Steel Sky“ erscheint das Inventar auf magische Weise erst, wenn man den Mauszeiger in Richtung des oberen Bildschirmrands zieht.
Nichts soll dem optischen Genuss im Weg stehen. Und das ist auch gut so, denn die hinreißende Grafik ist fraglos der Star des Spiels. Während zur gleichen Zeit viele Entwicklungsstudios dem 3D-Rendergrafiktrend hinterherliefen, setzte Revolution Software konsequent auf handgezeichnete 2D-Grafik in SVGA. Die Hintergründe wurden aufwendig gezeichnet und anschließend digital koloriert. Jedes noch so kleine Szenario ist mit beeindruckend hoher Handwerkskunst und sehr viel Liebe zum Detail inszeniert.
Durch diese Kulissen bewegen sich die Figuren nahtlos wie in einem Zeichentrickfilm. Allein George ist extrem aufwendig inszeniert, verfügt über tausende Animationsphasen, die nur selten recycelt werden. Ganz im Gegenteil, selbst Standardaktionen wie das Nehmen von Gegenständen oder das Benutzen von Objekten werden je nach Umgebung anders dargestellt.
Gelegentlich haben es die Animatoren sogar ein bisschen übertrieben, etwa wenn George gefühlt minutenlang einen Brunnen hinabklettert und sich unten dann auch noch den Staub von seiner Jacke klopft, bevor es endlich weitergehen darf. Aber das ist immer ein Fest für die Augen, sogar heute noch. Okay, die seltenen vorgerenderten Objekte (wie die wehenden Flaggen am Hotel Ubu oder der Bus in Irland) wirken mittlerweile ein bisschen wie Fremdkörper. Und die niedrige Auflösung der Story-Videos war auf damaligen CRTs kein Problem, während die Kompressionsartefakte auf modernen Monitoren deutlich ins Auge springen. Aber das sind wirklich Kleinigkeiten auf der sonst blitzsauberen Weste eines Spiels, das vor genau 30 Jahren schlicht meisterhaft aussah und das noch bis heute tut.
Der Beginn einer großen Reise
Wenn „Baphomets Fluch“ einen Stolperstein hat, dann ist es, wie auch schon bei „Beneath a Steel Sky“, das Puzzle-Design. Im Großen und Ganzen kommt man mit logischem Denken schon gut durch das Spiel, aber hin und wieder muss man einfach raten bzw. ausprobieren. Manche Gespräche müssen scheinbar willkürlich mehrmals geführt werden, damit bestimmte Hotspots freigeschaltet werden, manche Puzzles erfordern sehr solides Timing. Die Begegnung mit dem Ziegenbock in Irland findet sich aus gutem Grund auf Listen mit den nervendsten Adventure-Puzzles aller Zeiten regelmäßig in den Top 10 wieder. Und es gibt (anders als bei der LucasArts-Konkurrenz) leider sehr viele Möglichkeiten, spontan zu sterben. Gut, dass man den Spielstand jederzeit speichern darf, was man auch unbedingt (und in mehreren Savegames) tun sollte!
All das wurde mit dem „Director's Cut“ (der zuerst für Wii und Nintendo DS erschien, bevor er auch auf dem PC landete) aus der Welt geschafft oder zumindest entschärft. Außerdem kamen neue Puzzles und frische Handlungselemente hinzu. Und wer das Originalspiel in seiner bestmöglichen Form erleben möchte, der greift einfach zum 2024 auf PC und aktuellen Konsolen veröffentlichten Remaster mit dem Untertitel „Reforged“, über das „Baphomets Fluch“ ganz offiziell im 4K-Zeitalter angekommen ist.
Aber an sich braucht es das gar nicht. Denn selbst das 30 Jahre alte Original ist nach wie vor eines der besten Point-&-Click-Abenteuer aller Zeiten. Natürlich ist nicht alles daran gut gealtert. Aber alles in allem ist das immer noch ein wunderbar entschleunigtes Abenteuer mit hinreißender Präsentation, einfacher Bedienung, einer fesselnden Handlung und liebenswerten Figuren. Der Beginn von etwas ganz Großem.
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