Gasversorgung im Winter: Reiche ordnet nun doch höhere Gasvorräte an

Wirtschaftsministerin Reiche vollzieht eine Kehrtwende und ordnet den Einkauf von Gas für den Winter an. Sie hätte früher handeln müssen, sagt die Opposition.
Foto: Kay Nietfeld/dpa
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat das bundeseigene Energieunternehmen Sefe angewiesen, die Gasvorräte aufzustocken. Bis zum 15. Dezember soll Sefe 8 Terawattstunden Gas beschaffen. Das Unternehmen entscheide selbst, wann und in welchen Teilmengen das Gas gekauft werde, sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums am Mittwoch. Damit sollen Marktverzerrungen vermieden werden.
Die Ministerin vollzieht damit eine Kehrtwende zu ihrer bisherigen Politik, dem Markt die Sicherung der Gasvorräte für den Winter zu überlassen. Die Anweisung an Sefe sei „in Absprache“ mit Bundeskanzler Friedrich Merz erfolgt, sagte die Sprecherin. Sefe gehörte früher als Gazprom Germania dem russischen Staatskonzern Gazprom. Das Unternehmen wurde im Zuge der Gaskrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine von Deutschland verstaatlicht und in Securing Energy for Europe (Sefe) umbenannt. Reiche war bereits Mitte im September wegen der Gaslage im Gespräch mit dem Unternehmen, hatte aber keine Anweisung erteilt.
Der Hintergrund: Die in den deutschen Gasspeichern vorhandenen Lagerbestände sind unmittelbar vor Beginn der Heizsaison auf einem extrem niedrigen Niveau. Die Speicher sind derzeit zu knapp 58 Prozent gefüllt, das entspricht rund 143 Terawattstunden.
Der niedrige Füllstand hat sich seit Monaten abgezeichnet. Der Gasmarkt hat sich nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine geändert. Hinzu kommt die Verknappung von Energie durch den Irankrieg. Anders als früher sind die Gaspreise im Sommer nicht gesunken. Für Händler:innen hat es sich deshalb nicht gelohnt, Lagerbestände aufzubauen. Im vergangenen Jahr war die Lage ähnlich gewesen. Deshalb waren im Winter 2025/26 die Gasspeicher ebenfalls nicht gut gefüllt. Wäre der Winter von Anfang an sehr kalt gewesen, wäre es wahrscheinlich eng geworden.
Industrie hat wenig Vorräte
Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hat zu der aktuellen Lage auch beigetragen, dass industrielle Gasverbrauchende ihren erwarteten Winterbedarf nicht vollständig über Terminprodukte abgesichert, sondern auf zusätzliche Beschaffung am Spotmarkt gesetzt haben. Am Spotmarkt wird kurzfristig gehandelt. „Das ist Teil der unternehmerischen Risikosteuerung“, sagte BDEW-Chefin Kerstin Andreae. Damit setzten sich Unternehmen dem Risiko hoher Preise und knapper Mengen aus. Das sei eine bewusste unternehmerische Entscheidung. „Diese Mengen sind nicht in den Speichern enthalten, denn sie wurden nicht im Voraus beschafft – im Gegensatz zu den Mengen, die zur Absicherung der Haushalte notwendig sind“, erklärte sie.
Die Wirtschaftsministerin sah bislang trotz der geringen Vorräte keinen Handlungsbedarf. Immer wieder wiederholte sie, dass der Markt die Sache regeln würde. Einen Pressetermin, bei dem Reiche sich zu der jetzt erfolgten Kehrtwende am Mittwoch äußern wollte, sagte das Ministerium kurzfristig ab.
Grüne fordern Unabhängigkeit von Gas
Der grüne Bundestagsabgeordnete und frühere Wirtschaftsstaatssekretär Michael Kellner hält es zwar für richtig, dass Reiche das bundeseigene Unternehmen Sefe Gas beschaffen lässt. „Aber die Ministerin handelt zu spät“, sagte Kellner, der seit langem vor einem Gasengpass im Winter warnt. Die Folge: Die Preise steigen höher, als es der Fall gewesen wäre, wenn Reiche nicht so lange abgewartet hätte.
Kellner mahnt eine klare Aufforderung der Ministerin zum Gassparen an. Ein sinkender Verbrauch wäre nicht nur gut fürs Klima, sondern hätte auch preissenkende Effekte. Vor allem müsse Reiche für eine langfristige Lösung sorgen, damit nicht jährlich aufs Neue Ungewissheit über die Gasvorräte aufkomme, sagt Kellner. Dazu gehörten nicht nur ausreichende Lagerbestände. „Wir müssen systematisch unabhängiger von Gas werden“, fordert er. „Aber die Ministerin führt uns tiefer in die Abhängigkeit.“ Kritiker:innen werfen Reiche vor, den Ausbau der erneuerbaren Energien erheblich dämpfen und den Ausbau von Gaskraftwerken forcieren zu wollen.
Auch die Linkspartei ist der Auffassung, dass Reiche zu spät dran ist. Die Ministerin habe „endlich eingesehen, dass angesichts der Verwerfungen auf den internationalen Gasmärkten blindes Vertrauen in Lehrbuchweisheiten über ‚den Markt‘ nicht ausreicht, um die Energiesicherheit der Bevölkerung und der Industrie zu gewährleisten“, so Jörg Cezanne, der energiepolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag. „Gut, dass die von der Bundesregierung bereits geplante Reprivatisierung von Sefe noch nicht vollzogen wurde.“
Er fordert, dass der Reprivatisierungsprozess abgebrochen wird. „Bezahlbare Energiepreise sind Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge“, betonte Cezanne. „Hier darf es keine privaten Renditen auf Kosten der Allgemeinheit geben.“
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