Neue Blüte im deutschen Tennis: Alex Zverevs später Sommer

Erst gewinnt er erstmals die US Open, dann führt er das deutsche Davis-Cup-Team ins Final: Alexander Zverev steht auf einem Peak seiner Karriere.
Foto: Christoph Reichwein/dpa
Als selbstständiger Tennisunternehmer reist Alexander Zverev rund zehn Monate kreuz und quer durch die Welt, über Kontinente und Zeitzonen hinweg. Er ist Chef der Firma Zverev, hat ein Team von Servicekräften und Vater Alexander als Coach an Bord, aber er ist dennoch auch ein einsamer Solist. Alles kreist um Zverev, den Star, den French- und US-Open-Champion, dessen DNA „zu 90 Prozent ist, auf mich selbst gestellt zu sein“: „Man ist manchmal schon sehr allein in dieser Welt“, sagt Zverev.
Es wundert nicht, wie wohl sich Zverev im Biotop des Davis-Cups fühlt, in dem für wenige Tage und Wochen ein sonst nicht gekanntes Gemeinschaftsgefühl herrscht, ein vereinter Kampf für ein Ziel. Dem 29-jährigen Hamburger, der am Wochenende im ostwestfälischen Halle Deutschland zu einem umjubelten 3:1-Sieg gegen Kroatien und in die Finalrunde in Bologna Ende November führte, geht es dabei nicht anders als den Altmeistern Boris Becker und Michael Stich Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Die rare Gelegenheit, solidarisch im Team für etwas Größeres als nur den eigenen Erfolg zu streiten, ließ Becker und Stich sogar individuelle Zielmarken vergessen.
„Davis-Cup-Siege waren für mich genau so viel wert wie Grand-Slam-Titel“, sagt Becker, der 1988 und 1989 in überragender Form der wertvolle Punktlieferant bei deutschen Siegen gegen Schweden war. Der aber trotz Superstarstatus keine Sonderrechte und Privilegien beanspruchte, sondern sich wohlfühlte im Vier-Freunde-Team mit Eric Jelen, Carl-Uwe Steeb und Patrik Kühnen. Becker war bei diesen Triumphen genauso auf dem Zenit seines Könnens wie 1993 Stich, der ein Glanzjahr mit Siegen etwa am Hamburger Rothenbaum und bei der ATP-WM noch mit dem Davis-Cup-Erfolg veredelte – in Düsseldorf mit dem 4:1 gegen Australien. An seiner Seite damals: Marc-Kevin Goellner, Bernd Karbacher, Steeb und Kühnen.
33 Jahre später scheint Alexander Zverev auf den Spuren der beiden Granden Becker und Stich unterwegs zu sein. Eine Dekade nach seinen ersten Achtungsmomenten im professionellen Tourbetrieb spielt er nun gereift und abgeklärt das beste Tennis seines Lebens – und könnte als Nummer eins unter Gleichen die schwarz-rot-goldene Auswahl zum vierten Davis-Cup-Coup anführen.
Dies könnte auch dabei helfen, sein beschädigtes Image in Deutschland aufzubessern. Das Verfahren gegen ihn wegen häuslicher Gewalt, die seine Ex-Freundin 2021 anzeigte, wurde gegen eine Zahlung Zverevs (200.000 Euro) 2024 ohne Urteilsspruch eingestellt. Juristisch gilt er damit als unschuldig, seiner Popularität hierzulande kam dies jedoch nicht zugute.
„Das verdammte Ding endlich zu gewinnen“, ist Zverevs erklärtes Ziel. Und es müsste schon viel passieren, um den zweimaligen Grand-Slam-Champion vom Mitwirken bei der Endrunde in Italien (24.–29.11.) abzuhalten, selbst wenn er darauf verweist, „dass ich noch eine Menge Tennis in diesem Herbst vor mir habe“.
Enges Fenster
Zverev weiß genau, dass es für seine noch offenen Tennislebensträume ein eng begrenztes Zeitfenster gibt – sowohl für die Übernahme der Nummer-1-Position in der Weltrangliste wie auch für den Davis-Cup-Sieg. Im Teamwettbewerb ist die Lage klar: Zverev in seiner Schlagkraft im Hier und Jetzt und auch das Weltklasse-Doppel Kevin Krawietz/Tim Pütz sind gegen jeden Gegner für die nötigen Siegpunkte gut. Aber da sich Tim Pütz mit Rücktrittsgedanken trägt, ist das Duo in dieser Saison womöglich letztmals unter deutscher Fahne aktiv.
Zverev sollte mit soliden Auftritten in den nächsten Wochen das Fundament für den Sprung auf den Tennisgipfel legen können. Er ist fit wie nie, die Belastungen der Tour meistert er 2026 souveräner denn je. Er ist ohnehin als Vielspieler bekannt, der lieber auf den Centre Court schreitet, als zu trainieren oder zu pausieren.
Gegen den Willen seines Teams setzte er schon den Start in Halle durch, eine „absolut richtige Entscheidung“, wie Zverev findet: „Ich nehme nach den Tagen mit unserer Truppe noch mal richtig Rückenwind mit, das war großer Spaß.“ Nur zu gerne würde Zverev auch ein echtes Finale spielen, so wie einst seine Vorgänger Becker und Stich, schließlich hält er den neuen Modus des Weltverbandes für „totalen Mist“: „Richtige Heimspielatmosphäre, das war das, was hier in Halle passiert ist.“ Und nicht ein irgendwie gesichtsloses Endturnier in der Fremde.
Kurios genug, dass Zverev zweimal in dieser Saison zu Pflichtterminen in der beschaulichen Provinz von Halle anrückte – immer dann, wenn er vorher einen Grand Slam-Titel eingestrichen hatte. „Das kann vorn mir aus so weitergehen“, sagte Zverev, „vielleicht bringt mir der Sieg jetzt mit dem Team auch Glück für die nächsten Aufgaben.“
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