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Sunday, October 11, 2026

Warum steigen Krebserkrankungen bei Menschen unter 50?

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Die Zahlen sind erschreckend. Bei einigen Krebsarten hat sich die Zahl der Erkrankungen in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Wobei allerdings nicht ganz klar ist, ob es tatsächlich zweimal mehr Erkrankungen gibt oder ob mehr Fälle im Frühstadium erkannt werden, weil sich das Bewusstsein, die Diagnose- und die Behandlungsmöglichkeiten in den Krankenhäusern verbessert haben.

Nehmen wir zum Beispiel Darmkrebs: In England wurde diese Krebsart 2001 bei einem von 26.000 Menschen unter 50 Jahren diagnostiziert. 2023 war es bei einem von 12.000 Menschen, also doppelt so viel wie um die Jahrtausendwende. Diese Zahlenstammen vom World Cancer Research Fund (WCRF), einem internationalen Netzwerk gemeinnütziger Organisationen, das Krebsregisterdaten aus England, den Vereinigten Staaten und den Niederlanden analysiert. 

Die Zahlen haben sich zwar verdoppelt, meint Amy Berrington de Gonzalez, Professorin für klinische Epidemiologie am Institute of Cancer Research in London, insgesamt seien sie aber noch immer niedrig. "Bei jungen Menschen tritt Krebs weiterhin selten auf", sagt sie zur DW. "Dreimal eine kleine Zahl ist noch immer eine kleine Zahl." Dennoch will sie - wie auch andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen - wissen, warum die Zahlen steigen. Schließlich handelt es sich um eine weltweite Entwicklung. Ein typisches Beispiel ist Lateinamerika.

In Lateinamerika steigen Krebserkrankungen bei jungen Menschen

Für eine Studie aus dem Jahr 2025wurden die Registerdaten aus 50 Ländern und Gebieten bis zum Jahr 2017 analysiert. In 27 dieser Regionen war die Zahl der Darmkrebserkrankungen bei jungen Menschen gestiegen. In Lateinamerika war dies in Chile, Argentinien, Ecuador, Costa Rica und Puerto Rico der Fall. Der Anstieg in Chile gehörte mit fast vier Prozent jährlich zu den höchsten.

Marc Gunter ist Professor für Krebsepidemiologie am Imperial College London. Er geht davon aus, dass Lateinamerika in seiner Entwicklung den reicheren Ländern folgen werde, mit Ernährungsgewohnheiten, die sich zunehmend am westlichen Lebensstil orientieren und einem bewegungsärmeren Alltag. "Ich glaube, das passiert bereits", sagt er.

"Wir benötigen bessere Registrierungssysteme für Krebs", betont seine Kollegin Berrington de Gonzalez. "Insbesondere in Ländern wie Brasilien und Mexiko, wo auch die Adipositasraten gestiegen sind."

Junge Menschen von sechs Krebsarten besonders betroffen

In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2025, für die Daten aus 42 Ländern berücksichtigt wurden, verglich Berrington de Gonzalez Daten aus den Jahren 2003 bis 2017 von zwei Altersgruppen, 20- bis 49-Jährigen und Menschen über 50. In den meisten Ländern waren die Zahlen bei sechs Krebsarten (Schilddrüsen-, Brust-, Darm-, Nieren-, Gebärmutter- und Blutkrebs) unter jüngeren Menschen angestiegen. Bis auf Darmkrebs waren sie auch in der Gruppe über 50 gestiegen.

In der Tat waren die Zahlen für Darmkrebs außergewöhnlich. In etwa einem Drittel der Länder stiegen die Erkrankungen unter jüngeren Menschen stärker als unter älteren. "Es scheint die eine Krebsart zu sein, die bei jüngeren Menschen steigt, während sie bei älteren Menschen fällt", hebt Berrington de Gonzalez hervor.

Das hat Folgen für die Forschung. Steigt die Zahl von Krebserkrankungen in allen Altersgruppen, sind die Ursachen dafür vermutlich weit verbreitet. Würden für Studien nur junge Menschen herangezogen, sei das Risiko groß, dass komplizierten Erklärungen hinterhergejagt werde, ohne dies mit ausreichenden Daten überprüfen zu können, so Berrington de Gonzalez.

Mehr Bewusstsein, bessere Früherkennung

Eine Studie aus den USA zu Bauchspeicheldrüsenkrebs bei Erwachsenen im Alter von 15 bis 39 stellte fest, dass der Anstieg fast vollständig auf Tumoren im Frühstadium zurückzuführen war. Die Sterberate blieb unverändert. Die Autoren folgern daraus, dass nicht die Zahl der Krebserkrankungen nach oben geht, sondern dass sich die Früherkennung verbessert hat. Das ließe sich erklären durch das gewachsene Bewusstsein in der Bevölkerung und die größere Bereitschaft, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen.

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Bei Darmkrebs zeichnen die Daten jedoch ein anderes Bild: Einige Studien aus den USA zeigen, dass auch die Zahlen bei fortgeschrittenen Stadien nach oben gehen. Dies lässt vermuten, dass die Zahl der Erkrankungen und nicht nur die Zahl der Diagnosen steigt.

Gibt es eine Verbindung zwischen Fettleibigkeit und Krebs?

Laut der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation gilt Adipositas oder Fettleibigkeit als erwiesene Ursache für mindestens 13 Krebsarten.

Eine 2021 durchgeführte Auswertung bestehender Studien zeigte, dass sich die Wahrscheinlichkeit für junge übergewichtige Menschen verdoppelt, vor dem 50. Lebensjahr an Darmkrebs zu erkranken. Gerade unter jungen Menschen hat sich Adipositas am schnellsten ausgebreitet. Seit den 1990ern leiden zweimal so viele Erwachsene unter Adipositas, bei jungen Erwachsenen sind es nach WHO-Angaben viermal so viele,.

Dabei hat die Ernährung einen großen Einfluss:

  • Verarbeitete Fleischwaren gelten als krebserregend
  • Alkohol gilt ebenfalls als Risikofaktor
  • Ballaststoffe (Gemüse, Vollkorn und Hülsenfrüchte) senken das Krebsrisiko

Auch hochverarbeitete Lebensmittel und Mikroplastik soll einigen Experten zufolge Krebs verursachen, doch die Beweislage sei nicht eindeutig, sagt Professor Gunter. "Es gibt viel Hype", warnt er und betont, dass weitere Forschung nötig sei. Berrington de Gonzalez stimmt ihm zu: "Die Ernährungsgewohnheiten haben sich geändert, aber wir wissen noch nicht, welche Rolle sie möglicherweise spielen."

Krebsrisiko senken

Man sollte den Menschen nicht zum Vorwurf machen, dass sie in Gesellschaften leben, die auf Fertiggerichte und Bürojobs ausgerichtet sind, meint Gunter. Für eine nachhaltige Veränderung sei eine andere Gesundheitspolitik notwendig. Er betont jedoch auch, dass junge Menschen das Risiko, an Krebs zu erkranken, verringern könnten, indem sie auf ein gesundes Gewicht achten, sich mehr bewegen, mehr Ballaststoffe zu sich nehmen und weniger verarbeitete Fleischwaren essen.

"Einen Spaziergang machen, körperlich aktiver sein, mehr Obst und Gemüse essen, all diese Dinge mögen gerade nicht angesagt sein, aber sie sind wirklich wichtig", sagt er. Für alle 30-Jährigen, die dies lesen, hat Berrington de Gonzalez eine beruhigende Botschaft: Krebserkrankungen bei jungen Menschen sind noch immer relativ selten.

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