The Jerusalem PostSuspect arrested in fatal shooting of 30-year-old man in Jaffa as police probe motive of incidentESPN DeportesBoston Celtics: resumen de temporada baja y previa 2026-27וואלהצה"ל: חוסל ראש חולייה מארגון הטרור גא"פ שפשט לכיסופים ב-7 באוקטוברRTP DesportoBenfica aponta ao tricampeonato de futsalInquirerDy thanks Marcos for directing VAT removal on system loss chargeDaily MaverickCULTURAL PHENOMENON: Star Trek at 60 and the optimistic future it still dares us to imagineESPNDay: Ohio State 'to make some hard decisions' after Texas collapseDeadlineAmazon Prime Video Debuts $30-A-Month Bundle With AMC+, BritBox, MGM+, PBS Masterpiece & StarzABC NewsMeasles-related deaths in Pennsylvania rise to 4, health officials sayVarietyQuentin Tarantino to Publish ‘Cliff Booth’ Novel Before Brad Pitt and David Fincher’s Movie Streams on NetflixCBS Sports2026 Week 2 NFL odds, start times, betting lines, spreads: Get Week 2 NFL picks, predictions for every gameXatakaVivió hasta los 103 años, actuó en más de 90 películas y fue nominado a tres Óscar. Hoy su hijo es toda una leyenda de Hollywood
The Daily Newsstand · Free, Always
Tuesday, September 15, 2026

Stadtrundgang mit Straßenschäden: Welche Schicht ist der Schaden?

Translate

In Kreuzberg erkundet die „Road Damage City Tour“ konfligierende Trottoir-Systeme und Teer-Glitches. Geleitet wird sie von Tourguide Peter Behrbohm.

Steffen Greiner

Aber ist das jetzt Kunst oder was?“, fragt die Frau aus dem Café in Kreuzkölln, vor dem gerade eine kleine Gruppe angehalten hat, angeführt von einem Typen mit rot-weißem Overall und asphaltgrauer Flagge. Das passiert ja nicht zum ersten Mal, sagt sie, und jetzt wolle sie doch einmal wissen: Was genau gibt es denn hier zu sehen?

Das zumindest ist leicht zu beantworten: ein zusammenhangloses Muster im Gehsteigpflaster. Vor ein paar Wochen, ehe im Reuterkiez überall die Straße aufgerissen wurde, um Glasfaserkabel zu verlegen, war hier eine Markierung in Gelb und Grün, nun haben die Pflastersteine, neu verlegt, jeden Sinnzusammenhang verloren, aber eine neue ästhetische Qualität gewonnen.

Bei der Frage, ob das Kunst ist, wird der Mann im Overall hingegen etwas zögerlicher: „Es ist etwas, was so interessant ist, dass es Kunst inspirieren könnte“, sagt Peter Behrbohm, Berliner Künstler und Architekt, der seit Mai regelmäßig als personifizierte „Gesellschaft zur Förderung vorbildlicher Straßenschäden“ (GzFvS) rund um den Kotti Lücken, Risse und feine Improvisationen in Pflasterstein, Teer und Beton zeigt.

Bei Behrbohms „Road Damage City Touren“ rückt als Inspiration ins Zentrum, was ansonsten Ärgernis ist. Gerade vor der Wahl. Ein fiktives Spiel „Die Pollerzone“ plakatiert Die Partei, die CDU warnt vor „Pollerisierung“ – Politik in Berlin ist lange schon Straßenpolitik. Wer wie wo schnell oder langsam lang fahren darf oder ausgeschlossen wird, ist nicht nur Verteilungskampf, sondern scheint im Wahlkampf tief in der Identität der Menschen zu rumoren. Zumindest was die Straßenschäden angeht, die wiederum alle immer beseitigen wollen, weiß der Experte aber schon zum Auftakt um die Vergeblichkeit.

Straße ohne Schaden, das geht gar nicht, sagt Behrbohm unter der Hochbahn gleich am Treffpunkt am Kottbusser Tor, ein Straßennetz, das sei beständige Arbeit, nie ist sie fertig, nie ist alles heile. Eine Aussage, die man sonst vor allem über gotische Kathedralen zu hören bekommt. Nebenan schwärmt eine Ortsgruppe der Grünen mit Müllsäcken aus, die Straße zu reinigen.

Unförmige schwarze Teerspuren im glatten Beton

Wobei: Was ein Schaden ist, ist ja ohnehin eine Frage der Definitionsmacht. Wenn zum Beispiel eine Katze, wie man es straßenschadenarchäologisch in der Reichenberger Straße entdecken kann, durch den feuchten Beton läuft, und dann aber ein Mensch mit Teer nachrückt, um den Glitch zu beheben, dabei wiederum unförmige schwarze Teerspuren im glatten Beton hinterlässt – welche Schicht ist dann eigentlich der Schaden?

So ist es oft, geht man mit dem Blick zum Boden durch den Kiez: Reparaturnähte, Ausbesserungen, die mit anderen Straßensteinen gelegt sind, Teerflächen, die die Reihenfolge lesbar machen, in der die Gehwegplatten zerbrachen. Unter dem Pflaster liegt vielleicht der Strand, aber über dem Pflaster der Asphalt, und auch Spuren von Fliegerbomben finden sich noch in mancher Granitplatte, Stolpersteine vor den Türen sowieso.

Eine der Inspirationen für die Touren liegt für Behrbohm in der Tektologie des russischen Revolutionärs und Universalgelehrten Alexander Alexandrowitsch Bogdanow, Mitgründer der Bolschewiki und einer der Hauptkontrahenten Lenins. Seine Theorie versucht, die Dynamiken der Organisation zu verstehen.

„Sie sucht in allen Strukturen Organisationsprinzipien – in kosmischen oder biologischen Strukturen, in Kristallgittern, wo immer Elemente miteinander in Verhältnis treten. Daraus versucht er, auf die Strukturierung der Gesellschaft nach der Revolution zu schließen“, erklärt der Künstler. Und verortet es gleich auf der Straße, wo Trottoir-Systeme konfligierend aneinanderliegen, kleine Pflastersteine in die groben Muster größerer Betonplatten eintreten. Was kann man daraus lernen für konfliktreiche Positionen im Sozialen?

Zwischen Kunst, Ironie und Forschungsarbeit

Meint der das ernst oder ist das einfach eine weitere Ebene Kreuzbergs als Labor künstlerischen Verhandelns im und vom öffentlichen Raum? Immer wieder streift die Tour Stadtgeschichte, von den linken Kämpfen um den Erhalt der Grünanlage entlang des alten Luisenstädtischen Kanals zu den administrativ verlegten Findlingen, die das Parken unter der Hochbahn unmöglich machen. Immer wieder sichtbar werden die Beiträge von Gebäudedienstleister*innen, die ihre eigenen Lösungen in der Interaktion der Häuser mit dem öffentlichen Raum finden – „Hausmeisterkunst“ nennt Behrbohm das. Immer wieder verwischt bei der Führung, was ironisch, was performativ-künstlerisch und was tatsächlich so etwas wie Forschungsarbeit ist.

Kreuzberg als Ort kollektiven Kunstschaffens, das passt zur Arbeit von Peter Behrbohm. Bisweilen arbeitet er allein mit fiktiven, aber performativ im Raum verorteten Behörden und Institutionen wie jener GzFvS. Aber er ist auch Teil von Kollektiven wie PARA und Sonder, dessen Arbeit „Jagd auf die große Bärin“, zwei Cowboy-Reiterstandbilder, lange am Alexanderplatz zu sehen war. Den öffentlichen Raum in seiner Gemachtheit zu entlarven und utopische Potenziale in seinen Rissen suchen, ist dabei immer wieder zentral in seiner Herangehensweise.

Die Straße mit ihren ewigen Wehwehchen und Reparaturen, die sich wie künstlerische Interventionen anfühlen, ist da natürlich dankbares Material – Schäden kommen und gehen, jede Tour ist daher auch für den Guide anders. Noch ist allerdings kein Folgetermin zu dieser Tour Mitte September angekündigt – geht doch, wie Behrbohm sagt, während er ein gelbes Blatt mit dem Fuß von einer Fehlstelle im Asphalt fegt, mit dem Laub auch der Blick auf den Boden verloren. Mit Wahlkampf und Sommer geht auch die Straßenschadenbeobachtungssaison langsam zu Ende.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

View the original on taz

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.