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Thursday, October 29, 2026

Grüne erstaunt wegen Doris Leuthards neusten AKW-Aussagen

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Doris Leuthard räumt ein: «Mit unseren Berechnungen zum Strombedarf ab 2035 sind wir viel zu bescheiden gewesen.»«Weiss der Teufel»/Youtube

Darum gehts

  • Alt-Bundesrätin Doris Leuthard räumt in einem Live-Talk ein, den Strombedarf ab 2035 damals unterschätzt zu haben.
  • Sie hält die Kernenergie bis heute für wichtig und lobt ein kanadisches Pilotprojekt zur Wiederverwertung von Nuklearabfall.
  • Grüne-Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber kritisiert die Aussagen kurz vor der Abstimmung als «sehr unfair».
  • SVP-Nationalrat Christian Imark und FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen fühlen sich bestätigt.

Doris Leuthard gilt als Mutter des Schweizer Atomausstiegs. Nach der Reaktor-Katastrophe in Fukushima 2011 sprachen sich der Bundesrat und sie als Energieministerin für den Atomausstieg aus. Kurz vor der Abstimmung über die Aufhebung des 2017 beschlossenen Neubauverbots spricht sie nun in der ersten Folge des Live-Talk-Formats «Weiss der Teufel» mit SRF-Legende Stephan Klapproth seit Langem wieder über AKW.

Die ehemalige Energieministerin Doris Leuthard sprach sich in einem Live-Talk indirekt gegen das heutige AKW-Verbot aus. (Archivbild)

Die ehemalige Energieministerin Doris Leuthard sprach sich in einem Live-Talk indirekt gegen das heutige AKW-Verbot aus. (Archivbild)Oskar Moyano

«Mit unseren Berechnungen zum Strombedarf ab 2035 sind wir viel zu bescheiden gewesen», räumt sie ein. Der Bedarf heute sei viel grösser, als damals berechnet worden sei. «Es ist eine andere Ausgangslage», so die Aargauerin und fügt an: «Ich finde die Kernenergie bis heute eine wichtige Energie.» Deshalb habe die Schweiz 2017 die Atomenergie im Gegensatz zu Deutschland auch nicht abgestellt, sondern bloss Neubauten verboten.

Leuthard gibt Rösti Tipps für neue AKW-Technologie

«Im Moment sehe ich keine technische Entwicklung, die weniger kostet und weniger Risiken beinhaltet», so die 63-Jährige. Deshalb würden auch die heutigen AKW-Betreiber kein neues bauen wollen. Sie habe aber mit Energieminister Albert Rösti gesprochen und ihn auf ein Pilotprojekt in Kanada hingewiesen.

Dort werde der Nuklearabfall aufbereitet und wiederverwendet, so die Alt-Bundesrätin. Das sei «genial», wenn das in Zukunft funktionieren würde. Damit spricht sich Leuthard indirekt gegen das Technologieverbot aus, das aktuell in der Schweiz gilt.

Grüne: «Sich so kurz vor der Abstimmung einzumischen, finde ich sehr unfair»

Bei den Grünen sorgt das für rote Köpfe. «Ich bin enttäuscht», sagt Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber, die bereits 2011 im Rat sass, als das Unglück in Fukushima geschah. «Die Ausgangslage hat sich nicht verändert. Doris Leuthard streut der Bevölkerung Sand in die Augen», so die Zürcherin.

Die Argumentation, dass es AKW brauche, um kurzfristig Stromengpässe zu decken, sei absurd und die Technologie habe sich insofern nicht verändert, als weiterhin grosse Gefahr drohe. «Wir müssen auf alternative Energiequellen setzen, um in geopolitisch schwierigen Zeiten unabhängiger vom Ausland zu werden und die Klimakrise in den Griff zu bekommen», findet Prelicz-Huber.

«Dass Frau Leuthard nun gekippt scheint, weil ihre Partei gekippt ist, ist sehr enttäuschend. Sich so kurz vor der Abstimmung einzumischen, finde ich sehr unfair – schliesslich hat sie massgeblich zum nach wie vor richtigen Neubauverbot beigetragen», ärgert sich die grüne Politikerin.

Atomausstieg war laut FDPler eine «kopflose Überreaktion»

In den Reihen der AKW-Befürworter fühlt man sich in der damals geäusserten Kritik am Atomausstieg bestätigt. SVP-Nationalrat Christian Imark betont, er sage seit vielen Jahren, dass die grundlegenden Annahmen und Prognosen der Energiestrategie viel zu tief angesetzt waren. Sie hätten das reale Wachstum der Bevölkerung unterschätzt und zu viel Vertrauen auf Importe gelegt.

Das habe «die Energieunabhängigkeit unseres Landes gefährdet», so der SVPler, der seit 2015 im Nationalrat sitzt. Und fügt an: «Fairerweise muss man betonen, dass die einschneidenden Dekarbonisierungsziele, die den Bedarf an stromfressenden Wärmepumpen und Elektroautos massiv erhöhten, erst später hinzukamen.» Er bleibe aber der Meinung: Ohne neue Kernkraftwerke liesse sich das Netto-Null-Ziel nicht realisieren.

Wie beurteilst du Doris Leuthards neue Aussagen zur Atomkraft?

«Die Energiestrategie war eine kopflose Überreaktion», sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Der Ausstieg aus der Kernenergie sei «ein Ausstieg ins Nichts» gewesen. Alt-Bundesrätin Leuthard solle keine Tipps verteilen, sondern ihren Fehler endlich eingestehen, so Wasserfallen, der seit bald 20 Jahren in der Grossen Kammer sitzt.

Aira Flückiger (fla) arbeitet seit 2026 für 20 Minuten. Sie ist Praktikantin im Ressort Politik.

Christof Vuille

Christof Vuille (vuc) leitet seit 2023 das Ressort Politik und ist Mitglied der Redaktionsleitung. Er berichtet für 20 Minuten nah am Puls der Bundespolitik.

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