Türkische Community im Osten: "Besorgtsein bringt nichts"
Der Erfolg der Alternative für Deutschland (AfD), die bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fast jede zweite Stimme holte, hat bundesweit Verunsicherung ausgelöst. Menschen türkischer Herkunft in Deutschland sind besonders besorgt.
Der Ko-Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Gökay Sofuoğlu, berichtet von seinen persönlichen Begegnungen mit Ladenbesitzern in Sachsen-Anhalt. "Einige spielten nach dem Erfolg der AfD mit dem Gedanken, ihre Geschäfte zu schließen, und erst Sachsen-Anhalt, und dann Deutschland zu verlassen", sagt er der DW.
Das seien zunächst emotionale Überlegungen. Denn letztlich falle es Menschen schwer, von heute auf morgen ihre Existenzgrundlage aufzugeben und zu gehen. "Wir hatten inzwischen wieder Gelegenheit, mit einigen von ihnen zu sprechen", erklärt er. "Sie warten ab – also sie warten, bis eine Regierung gebildet wird."
"Ein Problem für ganz Deutschland"
Die Menschen türkischer Herkunft in dem Bundesland betrachteten den Aufstieg der AfD inzwischen "als ein Problem für Deutschland insgesamt". Man müsse die Entwicklung nicht nur aus Sicht der Migranten betrachten, sondern auch mit Blick auf die deutsche Demokratie, so Sofuoğlu. Schließlich stehe die künftige Stabilität Deutschlands auf dem Spiel.
Sofuoğlu zufolge mache die AfD zwar Politik mit dem Thema Migration, ihr eigentliches Ziel sei jedoch die deutsche Verfassung und Demokratie. Viele Türkeistämmige betrachteten die Entwicklung zu sehr aus ihrer eigenen Perspektive, meint er.
"So sehr uns der Aufstieg der AfD auch betreffen wird – es handelt sich generell um eine antidemokratische Entwicklung, gegen die man gemeinsam mit allen demokratischen Kräften vorgehen muss."
Hinzu komme die Angst vor einer weiteren Zunahme rechter Gewalt. "Es gibt die Angst, dass Anschläge wie die des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in den kommenden Tagen zunehmen könnten, und dass die Hintergründe dann nicht aufgeklärt werden", so Sofuoğlu.

"Besorgtsein allein bewirkt nichts"
Die Sorge vor einer weiteren Zunahme rechter Gewalt ist jedoch nur ein Teil der Debatte. Alaz Sümer, Jurist und Migrationsexperte, warnt davor, es bei der bloßen Sorge zu belassen.
"Ich glaube nicht, dass Besorgtsein allein etwas bewirkt. Man muss über die Ursachen nachdenken", sagt er im DW-Gespräch. "Ich finde, dass sich die etablierten Parteien nicht ausreichend mit den Problemen befasst haben, die die AfD derart erstarken ließen."
Sümer kam vor neun Jahren zum Studium nach Deutschland. Heute promoviert er über rechtsradikale Parteien und berät Menschen aus der migrantischen Community bei der Anerkennung im Ausland erworbener Abschlüsse.
Mit Blick auf die vergangenen Jahre fügt er hinzu: "Zu sagen 'Die AfD ist schlecht, die AfD ist gefährlich', ist der einfache Weg. Das wissen wir bereits."
"Erfolg war absehbar"
Auch Irmak Boztürk – ein von uns auf ihren Wunsch hin geänderter Name – lebte viele Jahre in Ostdeutschland. Vor zwölf Jahren kam sie zum Studium nach Leipzig. Den AfD-Sieg hält sie für besorgniserregend, aber nicht für überraschend.
"Dass die Rechtsextremen ein hohes Ergebnis erzielen und als stärkste Partei aus der Wahl hervorgehen würden, war absehbar – aber auch die bürgerferne Politik der Regierung hat diesem Ergebnis den Boden bereitet."
Der Aufstieg der AfD ändere allerdings nichts an den strukturellen Problemen Deutschlands, so Boztürk: "Auch mit einem Regierungswechsel wird sich der Bedarf an Arbeitskräften und jungen Menschen nicht ändern – besonders nicht in einem Bundesland mit einer so alten Bevölkerung wie Sachsen-Anhalt."

"AfD-Verbot würde nach hinten losgehen"
Jurist Sümer mahnt unterdessen zur Vorsicht im Umgang mit der AfD. Die Partei sei rechtsradikal und inzwischen "eine Realität in Deutschland". Ein Parteiverbot würde sie seiner Ansicht nach eher stärken.
Würde die AfD verboten, werde eine neue Partei gegründet, während sich rechtsextreme Kräfte möglicherweise Organisationen im Untergrund anschlössen. Deutschland würde dadurch für Migranten "noch unbewohnbarer", glaubt Sümer.
Stattdessen plädiert er dafür, mit AfD-Wählern ins Gespräch zu kommen und ihre Beweggründe zu verstehen. Das Rassismusproblem in Deutschland sei zudem größer als die AfD selbst. Die Probleme, mit denen Migranten konfrontiert seien, beschränkten sich nicht auf die Partei.

Wie viele Türken leben in Sachsen-Anhalt?
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten 2025 in dem rund zwei Millionen Einwohner zählenden Sachsen-Anhalt etwa 249.000 Menschen mit Migrationshintergrund, darunter 6.120 Menschen türkischer Herkunft. Bundesweit wird die Zahl der Menschen türkischer Herkunft in zahlreichen Quellen auf drei bis vier Millionen geschätzt.
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