Krieg im Sudan – Jedes Telefonat mit einem Verwandten könnte das letzte sein

Wenn Mohannad Abou Shoak mit seinen Angehörigen im Sudan telefoniert, bleibt die Frage: Wird er sie jemals wiedersehen? In seiner Heimat herrscht seit dreieinhalb Jahren Krieg.
«Es fühlt sich schon sehr ohnmächtig an», sagt Mohanned Abou Shoak. Er floh vor 34 Jahren mit seiner Familie aus dem Sudan. Sein Vater war ein progressiv denkender Journalist, weshalb es für die Familie nach dem Putsch 1989 zu gefährlich wurde.
Zu seinen Verwandten im Sudan hält er weiterhin Kontakt. Ein Onkel floh nach Ägypten, kehrte aber wieder zurück, weil er keine Arbeit fand und die Kinder nicht zur Schule konnten.
Wer kämpft gegen wen? Auf der einen Seite steht Armeechef Abdel Fattah al-Burhan, auf der anderen Seite Milizenchef Mohamed Hamdan Daglo (genannt «Hemeti»). Aber der Konflikt ist weit komplizierter: «Wir reden von bis zu 160 verschiedenen Milizen, die teilweise ständig die Seiten wechseln», sagt Sudan-Experte Roman Deckert. In diesen Milizen kämpfen auch viele ausländische Söldner mit – teilweise sogar solche aus Kolumbien.
Worum geht es? «Es geht um den Zugang zu Macht und Ressourcen», so Deckert. Für die regionalen und globalen Mächte geht es um den geostrategischen Zugang zum Roten Meer. Das Gold ist ein Haupttreibstoff. Es ist primär für die Warlords – also die Klasse der Kriegsherren – ein grosses Business. Für viele junge Männer ist es zudem die einzige Möglichkeit, einen Job zu finden: Wenn sie sich als Krieger verkaufen und ihrer Familie dadurch etwas Auskommen verschaffen.
Welche anderen Länder sind noch involviert? Der Armeechef Burhan wird von Saudi-Arabien, Ägypten, der Türkei und Katar unterstützt. Die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützen die RSF-Milizen, auch wenn sie das immer abstreiten.
Zurück im Sudan heisst für den Onkel aber auch: zurück im Kriegsgebiet. «Sie mussten sich verstecken, weil es heftige Drohnenangriffe über Khartum gab», sagt Abou Shoak. «Mein Onkel will den Sudan aber trotzdem nicht verlassen, weil die Situation ausserhalb des Landes auch nicht viel einfacher ist.»
Die Flucht bringt nur bedingt Sicherheit
Was Abou Shoaks Angehörige erleben, betrifft Millionen Menschen. Über elf Millionen Menschen sind wegen des Kriegs in stabilere Regionen des Sudans oder in Nachbarstaaten wie Tschad und Südsudan geflohen.
Doch auch dort finden sie oft keine dauerhafte Sicherheit, erklärt Livia Leykauf von der Caritas Schweiz: «Sobald sich die Kampflinie verschiebt, müssen sie wieder fliehen. Sie sind weiter und weiter auf der Flucht, haben kein stabiles Zuhause, kein Bett und kein Dach über dem Kopf.»
Viele Menschen seien tagelang ohne Nahrung und sauberes Wasser unterwegs. Frauen erleben sexuelle Übergriffe, Kinder Gewalt und Traumatisierungen.
In den Camps finden Geflüchtete zwar Schutz vor Angriffen und Zugang zu einfacher medizinischer Grundversorgung und Schulen. Doch auch dort ist der Alltag schwierig: Frauen stehen stundenlang an, um sauberes Wasser zu holen.
Fehlende Infrastruktur und teure Lebensmittel
Auch Abou Shoaks Angehörige ausserhalb des Kriegsgebiets spüren die Folgen des Kriegs. Eine seiner Tanten lebt im Nordsudan: «Sie haben fast keinen Strom mehr, die ganze Infrastruktur ist zusammengebrochen und die Lebensmittel sind extrem teuer.»
Durch die Inflation steigen die Preise laufend. Ob die Menschen zu Essen kommen, hängt auch von der Sicherheitslage ab. «Ab 18 Uhr können sie nicht mehr nach draussen, weil dann die Banden unterwegs sind und es gefährlich wird», so Abou Shoak.
An den kleinen Alltagsschimmern im Alltag versuche ich mich festzuhalten.
Seine Angehörigen hoffen, nicht krank zu werden. Vor Kurzem erkrankte der Cousin seiner Mutter an Malaria – und starb, weil es keine Transportmöglichkeiten gab und er nicht ins Spital konnte.
Gelder gestrichen
Für Abou Shoak ist deshalb klar, wie wichtig finanzielle Unterstützung aus dem Ausland ist. «Es kann niemand allein überleben vor Ort.»
Am nationalen Solidaritätstag am 29. Oktober sammeln die Glückskette und die SRG Spenden für die lebenswichtige Hilfe im Sudan, im Tschad und im Südsudan. Dabei sind 1'502'515 Franken zusammengekommen (Stand 16:46 Uhr).
Ein Ende des Leids ist nicht in Sicht. Gleichzeitig hätten die UN ihre humanitäre Hilfe für den Sudan gekürzt, sagt Leykauf. Bis vor einem guten Jahr gab es monatliche Lebensmittelpakete, jetzt nur noch einen kleinen Geldbetrag. «Die Leute müssen schauen, dass sie damit über die Runden kommen.»
Der gebürtige Sudanese versucht dennoch, die Hoffnung nicht zu verlieren. Wenn er höre, dass die Kinder beispielsweise wieder in die Schule können, schöpfe er Hoffnung. «An diesen kleinen Alltagsschimmern im Alltag versuche ich mich festzuhalten.»
Radio SRF 1, 29.10.2026, 9:20 Uhr, «Glückskette Sammeltag Sudan»
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