Huthi-Offensive setzt auch Ägypten unter Druck
Alle Schiffe dürften passieren - zumindest vorerst. So erklärte es ein Sprecher der jemenitischen Huthi-Miliz. Die Schifffahrt im Roten Meer sei sicher - mit einer Ausnahme: Schiffe saudischer Herkunft dürften die Meerenge nicht passieren, so der Sprecher. Gleichzeitig hat die vom Iran unterstützte Miliz durch militärische Kämpfe ihre Positionen am südlichen Zugang zum Meer ausgebaut. Sie kontrollieren nundie Insel Perim (Mayun) in der Meerenge sowie weitere Inseln und Abschnitte der jemenitischen Küste.
Damit wächst vor allem der Druck auf den erklärten Huthi-Gegner Saudi-Arabien - aber auch auf Ägypten. Denn jede ernsthafte Störung des Schiffsverkehrs im Roten Meer trifft den Suezkanal - und damit eine wichtige Devisenquelle des Landes am Nil.
Noch allerdings ist der Verkehr nicht eingebrochen, sogar das Gegenteil scheint zunächst der Fall: Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge passierten am vergangenen Samstag 24 und am Sonntag 27 Frachtschiffe die Meerenge Bab al-Mandab, etwa so viele wie sonst im Zehn-Tage-Schnitt. Die Huthi wollen damit offenbar signalisieren, dass sie den Verkehr nicht grundsätzlich stoppen wollen.
Allerdings ist der Schiffsverkehr nach Angaben des Datenanbieters Kpler insgesamt rückläufig: Am Donnerstag passierten noch 37 Schiffe die Meerenge, am Montag waren es 21. Mitte Juli hatte der Tagesdurchschnitt noch bei knapp 47 Durchfahrten gelegen.
Wie wird es weitergehen? "Die Huthi könnten die Verbindung zwischen Asien und Europa tatsächlich unterbrechen oder zumindest erheblich stören", sagt der Nahost-Wissenschaftler Stephan Roll von der in Berlin ansässigen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) im Gespräch mit der DW. "Man muss deshalb zunächst abwarten, wie groß die tatsächliche Störung für den Suezkanal sein wird." Eine vollständige Kontrolle des Bab al-Mandab bedeutet dabei nicht automatisch eine Kontrolle des Suezkanals. Sie gibt den Huthi aber die Möglichkeit, die wichtige Zufahrt zum Roten Meer zu bedrohen und damit den Verkehr indirekt zu behindern.

Für Ägypten kommt die neue Eskalation zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Angriffe der Huthi hatten den Suezkanal bereits seit Ende 2023 wirtschaftlich schwer getroffen. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF)gingen die Einnahmen 2024 um rund sechs Milliarden Dollar (5.2 Milliarden Euro) zurück. Vor der Krise nahm Ägypten mit dem Kanal jährlich rund neun bis zehn Milliarden Dollar (8,67 Milliarden Euro) ein.
Prekäre Situation
In letzter Zeit hatte sich die Lage allerdings etwas gebessert. "Die Situation ist im Vergleich zu 2023 sicherlich problematisch, im Vergleich zur Lage vor ein, zwei oder drei Monaten aber nicht unbedingt eindeutig negativ", sagt Roll. Wegen der gestiegenen Ölpreise und der dadurch teureren Umfahrung Afrikas hatten Reedereien zuletzt wieder erwogen, auf der Route zwischen Asien und Europa stärker durch das Rote Meer zu fahren. Die neue Huthi-Offensive könnte diese Pläne nun bremsen.
Hinzu kommt ein zweiter kritischer Faktor: Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline in die Stadt Yanbu ist nach den jüngsten Angriffen weiterhin außer Betrieb. Über die Leitung wurden zuletzt rund vier bis fünf Millionen Barrel Öl pro Tag transportiert. Reuters zufolge könnten dadurch bis zu vier Millionen Barrel täglich gefährdet sein - etwa vier Prozent des weltweiten Angebots. Auch Ägypten muss befürchten, dass das Öl an dieser Stelle vorerst versiegt.

Dabei hatte sich die finanzielle Lage des Suezkanals zuletzt verbessert. Im Haushaltsjahr 2025/26 stiegen die Einnahmen nach Angaben der Suezkanalbehörde um 23 Prozent auf 4,67 Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro). Auch die Zahl der Schiffspassagen und die transportierte Ladungsmenge nahm zu. Das war, trotz Iran-Krieg und Huthi-Konflikt, immerhin eine Teil-Erholung. Eine erneute längere Unterbrechung könnte sie schnell wieder zunichtemachen.
Eine Analyse des in Katar residierenden Think Tanks 'Middle East Council for Global Affairs' warnt deshalb vor einem Szenario, in dem sowohl der Persische Golf als auch das Rote Meer unsicher werden. Ähnlich sieht es der in Seoul ansässige Think Tank 'East Asia Institute', der von einem "doppelten Nadelöhr" spricht: Beide Seewege seien keine unabhängigen Alternativen, weil Öl- und Warenströme an mehreren Punkten auf sichere Verbindungen angewiesen seien. Für Ägypten würde eine solche Entwicklung den wirtschaftlichen Druck weiter erhöhen.

"Gute Miene zum bösen Spiel"
Was kann Kairo tun? Machtpolitisch vermutlich eher wenig - zumal die Huthi bisher ägyptische Interessen eher indirekt verletzt haben. "Die militärischen Möglichkeiten Ägyptens sind sehr eingeschränkt", sagt Steffen Krüger, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Kairo, gegenüber der DW. Die Erfahrungen der ägyptischen Intervention im Jemen in den 1960er-Jahren wirkten bis heute nach. Das Land sei daher eher um Zurückhaltung bemüht. "Zwar gehört Ägypten formal weiter der von Saudi-Arabien geführten Koalition gegen die Huthi an. Die ägyptische Beteiligung ist aber weitgehend symbolischer Natur."
In Kairo dürfte man zudem registriert haben, dass auch Länder wie die USA und Saudi-Arabien bisher kaum größere militärische Erfolge gegen die Huthi erzielen konnten. "Die Ägypter haben schlicht keine wirkliche Alternative", sagt Roll. Wahrscheinlich sei deshalb, dass Kairo zunächst auf Diplomatie setze. "Man muss im Grunde versuchen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und mit den Huthi entsprechende Arrangements zu treffen."
Erste Sondierungen
Tatsächlich scheint es erste vorsichtige Sondierungen zu geben. Einem Bericht des katarisch finanzierten Onlionemediums 'The New Arab' zufolge boten die Huthi Ägypten am 14. September über die International Chamber of Shipping (ICS) Gespräche über die Sicherheit der Schifffahrt an. Kairo soll den direkten Kontakt allerdings zunächst abgelehnt haben.
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Am Dienstag reiste Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman nach Kairo, dessen Land wirtschaftlich ungleich stärker und militärisch unmittelbar von Huthi-Attacken betroffen ist. Für Ägypten dürfte dabei nicht zuletzt die Frage eine Rolle spielen, wie sich die Sicherheitslage im Roten Meer und die Folgen für Energieversorgung, Handel und Suezkanal entwickeln.
"Die Ägypter dürften zunächst abwarten", sagt Roll. Tatsächlich vollzieht Kairo einen schwierigen Balanceakt: Ägypten ist eng mit Saudi-Arabien verbunden, würde aber unter weiterer Eskalation wirtschaftlich zu leiden haben. Entscheidend dürfte daher sein, ob die Huthi den Schiffsverkehr tatsächlich einschränken, möglicherweise auch über Schiffe mit saudischem Hintergrund hinaus - oder ihre verbesserte militärische Stellung am Bab al-Mandab eher als Drohmittel dient.
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