Lebensmittelpreise: Droht die nächste Inflationswelle?
Agrarrohstoffe im Höhenflug Neue Preiswelle bei Lebensmitteln voraus?
Stand: 28.09.2026 • 06:00 Uhr
An den Rohstoffbörsen steigen die Preise für Weizen, Mais und Zucker kräftig - im deutschen Supermarkt ist davon bislang kaum etwas angekommen. Doch Experten warnen: Das ist nur eine Frage der Zeit.
Erst wird das Tanken teurer - und jetzt droht auch bei Lebensmitteln die nächste Preiswelle. An den Rohstoffbörsen sind die Preise wichtiger Agrargüter zuletzt deutlich gestiegen. Weizen ist so teuer wie seit drei Jahren nicht mehr - seit Jahresbeginn liegt der Preis rund 40 Prozent im Plus. Auch Mais, Zucker und Reis haben kräftig zugelegt.
Agrarrohstoffe nach Hitzesommer deutlich teurer
Die Preisrally bei Agrarrohstoffen beschleunigte sich zuletzt spürbar: Vor allem im August ging es kräftig nach oben. Zucker legte laut der Finanzdatenbank LSEG im vergangenen Monat um knapp 31 Prozent zu, Weizen um 20 Prozent. Zum Vergleich: Der US-Technologieindex Nasdaq 100 schaffte es nur auf ein Plus von 4,1 Prozent, der DAX gewann 3,7 Prozent.
Ein Grund für die steigenden Preise bei Agrargütern sind zunehmende Wetterextreme: "Gerade in diesem Sommer war die Hitzetrockenheit in vielen wichtigen Anbaugebieten schon sehr signifikant - in Europa, aber auch in den USA", sagt Carsten Fritsch, Rohstoffexperte der Commerzbank, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Eskalation im Schwarzen Meer drückt Weizenexporte
Hinzu kommt die jüngste Eskalation im Schwarzen Meer: Nach Angriffen auf Häfen und Schiffe ist dieser zentrale Exportweg für Russland und die Ukraine stark beeinträchtigt. Dabei spielt das Schwarze Meer für den globalen Weizenhandel Experten zufolge eine ähnliche Schlüsselrolle wie die Straße von Hormus für den Ölhandel.
"Russland und die Ukraine stellen zusammen mehr als ein Viertel der weltweiten Weizenexporte. Das ist schon ein recht großer Batzen, der dann fehlt", betont Fritsch.
Mais: größtes Defizit seit mehr als 30 Jahren
Auch am Maismarkt ist die Lage deutlich angespannt: Nach den jüngsten Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums USDA dürfte der weltweite Maisverbrauch 2026/27 die Produktion um fast 30 Millionen Tonnen übersteigen - es wäre das größte Defizit seit mehr als drei Jahrzehnten.
Ein wichtiger Grund sind Wetterextreme - davon betroffen sind auch Europas zentrale Maisanbaugebiete in Ungarn und Rumänien. Dort haben Hitze und Dürre in diesem Sommer die Maisernte stark geschädigt. Die EU-Kommission rechnet für 2026 nur mit rund 50,1 Millionen Tonnen Mais - nahezu ein 20-Jahres-Tief.
Brasiliens Ethanol-Nachfrage treibt Mais und Zucker
Hinzu kommt ein weiterer Preistreiber: Brasilien dürfte laut Schätzungen der heimischen Agrarmarktbehörde Conab künftig mehr Mais im eigenen Land verbrauchen - vor allem wegen der steigenden Nachfrage nach Ethanol als Biokraftstoff. Damit steht ein geringerer Teil der großen brasilianischen Ernte für Ausfuhren zur Verfügung. Für den Weltmarkt ist das relevant, gehört Brasilien doch neben den USA zu den größten Maisexporteuren weltweit.
Traditionell produziert Brasilien Ethanol vor allem aus Zuckerrohr. Aufgrund der hohen Benzin- und Dieselpreise lohne sich das zurzeit besonders, unterstreicht Marktexperte Robert Rethfeld von Wellenreiter-Invest im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
Dadurch steht weniger Zuckerrohr für die Zuckerproduktion zur Verfügung - und damit potenziell auch weniger Zucker für den Weltmarkt. Das wiegt schwer, denn Brasilien ist der weltweit größte Zuckerproduzent und mit Abstand wichtigste Zuckerexporteur.
Hohe Energiepreise verteuern Lebensmittelproduktion
Doch die gestiegenen Energiepreise wirken sich nicht nur indirekt auf die Mais- und Zuckerexporte Brasiliens aus - sie erhöhen zugleich die Kosten entlang der gesamten Lebensmittelkette: Hohe Erdgaspreise verteuern die Herstellung von Stickstoffdünger, während der rekordhohe Dieselpreis bei Landmaschinen, Transport und Logistik durchschlägt.
Die hohen Energiekosten dürften allerdings nicht sofort bei den Lebensmittelpreisen ankommen - sondern erst nach und nach. "Wir haben häufiger so einen Rhythmus, dass erst der Ölpreis ein Hoch ausbildet und dann fällt, während die Nahrungsmittelpreise noch weiter steigen - häufig einige Wochen bis Monate", sagt Wellenreiter-Experte Rethfeld.
Rohstoffpreise wirken verzögert auf Inflation
Wie sehr das die Verbraucherpreise insgesamt nach oben ziehen wird, hängt auch vom Gewicht der Nahrungsmittel im Warenkorb zur Inflationsmessung ab. Im deutschen Verbraucherpreisindex haben Nahrungsmittel ein Gewicht von gerade einmal gut zehn Prozent. Selbst wenn die Lebensmittelpreise deutlich steigen, schlägt das daher nicht eins zu eins auf die Gesamtinflation durch.
Die EZB verweist darauf, dass höhere Rohstoffpreise häufig erst mit Verzögerung bei den Verbraucherpreisen ankommen. Bei Kaffee und Kakao wurden frühere Preissprünge erst nach und nach im Handel sichtbar.
Experte erwartet spürbaren Preisschub im Supermarkt
Bei den Verbrauchern ist von diesem zusätzlichen Kostendruck bislang tatsächlich kaum etwas angekommen. Im August lagen die Nahrungsmittelpreise in Deutschland nur 0,1 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Marktexperte Rethfeld rechnet allerdings damit, dass sich das schon bald ändern wird: "Es wird dann wahrscheinlich eine gefühlte Inflationsspitze geben. In den Supermärkten wird es jetzt von Monat zu Monat teurer werden. Bei den Lebensmitteln fängt das gerade erst an."
El Niño könnte Weizen, Mais, Kakao und Zucker verteuern
Das liegt auch an El Niño: Das Wetterphänomen kann je nach Region Dürren oder ungewöhnlich starke Regenfälle auslösen - und ist in diesem Jahr besonders stark. Fachleute sprechen bereits von einem Super-El-Niño.
Nach Einschätzung Rethfelds reagieren vor allem Weizen, Mais, Kakao und Zucker besonders empfindlich auf El-Niño-Ereignisse. Das könnte die Notierungen an den Rohstoffbörsen weiter nach oben treiben - und mit Verzögerung auch die Lebensmittelpreise im Supermarkt.
Entspannung erst im Frühjahr?
Der Preisanstieg dürfte dabei nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt erfolgen, so Rethfeld. "Für die Verbraucher wäre das besonders nervig, weil für sie zunächst kein Ende des Anstiegs in Sicht sein wird."
El Niño dürfte erst im Winter seinen Höhepunkt erreichen und dann allmählich nachlassen. Damit könnte sich der Preisdruck ab dem Frühjahr wieder etwas entspannen. Bis dahin aber könnten höhere Lebensmittelpreise den Wocheneinkauf für Verbraucher spürbar verteuern.
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