Migrationsroute in Osteuropa: Die Namenlosen

Im Fluss Drina zwischen Serbien und Bosnien ertrinken immer wieder Flüchtende. Ein Pathologe und ein Aktivist wollen sie identifizieren.
D er Pathologe kommt zu spät. In der Ecke eines Restaurants in Bijeljina, der östlichsten Großstadt Bosnien-Herzegowinas, bläst Nihad Suljić Zigarettenrauch in die Luft, vor ihm steht ein Kaffee auf einer verklebten Tischdecke. Drei Männer sitzen ihm gegenüber. Sie sind vom bosnischen Fernsehen und wollen eine Dokumentation über Suljić und den Pathologen Vidak Simić drehen. Jetzt müssen sie warten.
Nihad Suljić witzelt herum, wirkt gelöst. Kaum zu glauben, dass es an diesem Tisch gleich um Menschen gehen wird, die im Fluss zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien ertrunken sind.
Vidak Simić schlurft herein, „Dobar dan“, sagt er, Guten Tag. Er reicht seine Hand in die Runde, steckt sich eine Zigarette an, bestellt Schnaps und beginnt über die Drina zu reden – den Grenzfluss. „Sie ist ein wunderschöner Fluss, den ich liebe, aber auch ein schrecklicher“, sagt er. Die Obrigkeiten auf beiden Seiten der Grenze interessierten sich nicht für die Menschen, die auf der Flucht nach Europa in der Drina ertrinken, sagt er. „Nicht der eine Staat, nicht der andere, überhaupt kein Staat.“
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Dann wird Simić konkret. Die letzten beiden, die sie gemeinsam identifizieren konnten, sagt er, seien Ägypter gewesen, koptische Christen, erkennbar an einem tätowierten Kreuz am Hals. „Nihad hat sich um alles gekümmert: um das Grab, den Priester, die Zeremonie.“
Nihad Suljić blickt auf zum Pathologen und sagt: „Gott sei Dank hast du jahrelang die Knochen aufgehoben.“ Einer der Männer vom Fernsehen nickt und erkundigt sich nach einem Boot für den Dreh. Suljić und Simić sollen für die Dokumentation gemeinsam über die Drina fahren. Vidak Simić findet das irgendwie amüsant, sein Kopf fährt in den Nacken, er lacht. Ein Jahr ist das nun her.
Die Drina windet sich über 346 Kilometer durch die tiefgrünen Täler des Dinarischen Gebirges, mal fließt sie langsam wie eine müde Natter, um sich an anderen Stellen wild in die Kurven zu stürzen. Über Jahrhunderte war der Fluss die Lebensader für Musliminnen, Christen und Jüdinnen, die an ihren Ufern Handel trieben, Feste feierten, ihren Alltag teilten.
Doch das türkisfarbene Wasser trennte einst auch Königreiche und markiert heute den längsten Teil der Grenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien. Im Bosnienkrieg wurde die Drina zur stummen Zeugin unermesslicher Grausamkeiten und verschlang die Körper Hunderter ermordeter muslimischer Bosniaken. Manche sagen, in keinem anderen Binnengewässer Europas liegen so viele Leichen wie in der Drina.
Foto: Tom Gath
Heute sind es vor allem Migranten, die auf ihrer Flucht in die Europäische Union im Grenzfluss ihr Leben lassen. Weil die Behörden meist untätig bleiben, beginnt nach jedem Unglück ein zermürbender Kampf um die Identifizierung der Toten. Nihad Suljić, 35 Jahre alt, ein muslimischer Bosniake, hat diesen Kampf zu seiner Mission gemacht. Und zu seinem Beruf.
Er sucht nach Familien, Namen und Gräbern. Unterstützt wird er dabei von Vidak Simić, 68 Jahre alt, einem serbisch-orthodoxen Pathologen, der die Leichen obduziert und Knochen einfriert, aus denen sich Jahre später noch Identitäten rekonstruieren lassen.
Vor drei Jahrzehnten belagerte die Armee aus dem Land des einen die Heimatstadt des anderen. Heute stemmen sie sich gemeinsam gegen das Vergessen und versuchen, den aus der Drina geborgenen Körpern ihre Namen zurückzugeben. Was treibt dieses unwahrscheinliche Duo an, sich jenen Toten zuzuwenden, für die sich kein Staat verantwortlich fühlt?
Grabsteine aufstellen, das darf er jetzt offiziell
In Nihad Suljićs Büro hängt der Fluss der Toten gerahmt an der Wand. Auf dem Foto schimmert die Drina grün. Der Raum riecht nach Farbe, frisch gestrichen, strahlend weiß. Auf einem Banner steht auf Bosnisch „Deluj.ba“ – „Mach was“. So heißt die Hilfsorganisation, die Suljić Anfang 2025 gegründet hat und mit der er nun diese Räume in Tuzla bezogen hat, einer Industriestadt im Norden Bosnien-Herzegowinas. Von hier aus versucht er, die Toten aus dem Fluss zu identifizieren: Menschen, die auf der Flucht Richtung Westeuropa ertrunken sind.
Es ist 21.30 Uhr, draußen flimmern die Straßenlaternen. Aktivist Suljić, weißes Sweatshirt, schwarze Brille, setzt bosnischen Kaffee auf. Er wirkt aufgeregt, springt plötzlich hoch und zieht ein Blatt aus einer Aktenablage. Es ist ein Dokument, ausgestellt auf seinen Namen, gestempelt und unterschrieben von Beamten aus Bosnien-Herzegowina. Er hält es hoch, stolzer Blick, er sagt: „Sechs Monate habe ich dafür gekämpft.“ Es ist die Erlaubnis, Grabsteine für ertrunkene Migranten aufzustellen, fest verankert im Boden, mit eingravierten Namen.
Eines der anderen Fotos an der Wand von Suljićs Büro entstand in der Polizeistation von Zvornik, einer Kleinstadt im Osten Bosniens, die sich an den Lauf der Drina schmiegt. Darauf sind Suljić selbst und elf junge Männer zu sehen, fast noch Kinder, in einem Raum mit Neonlicht und geschlossenen Jalousien. Auf dem Tisch liegen Wasserflaschen und Schokoriegel, die Suljić ihnen gebracht hat. Einige der jungen Migranten lachen in die Kamera, andere heben träge die Hand. Sie wirken müde, gezeichnet von der Nacht, in der sie die Drina querten.
Am 22. August 2024, kurz vor der Morgendämmerung, waren sie auf der serbischen Seite in eines von zwei Schlauchbooten gestiegen. Die Dunkelheit verbarg Wirbel und Felsen. Das erste Boot erreichte das bosnische Ufer, dann griff die Grenzpolizei die Menschen auf. Sie lachen auf dem Foto, weil sie da noch nicht wissen, was mit dem zweiten Boot geschehen ist.
Der Paradiso-Strand liegt 20 Kilometer flussabwärts von dem Ort, an dem die zwei Schlauchboote übersetzen sollten. Hier fließt die Drina zahm und blau glänzend über Geröll. Die Herbstsonne fällt auf leere Picknicktische und verwaiste Verkaufsstände. Ein roter Pick-up knirscht über einen Kiesweg. Der Feuerwehrmann Zlatan Simić steigt aus – ein weiterer Simić in dieser Geschichte. Vom Ufer aus mustert er eine Schotterbank. „Die Drina ist ein schöner Fluss“, sagt er, „aber ich habe hier schon sehr viel Schlimmes gesehen.“
Seit zwanzig Jahren arbeitet Zlatan Simić als Rettungskraft an diesem Fluss. In jeder Badesaison gebe es vereinzelt Einheimische, die ihre Kräfte überschätzen und beim Baden sterben. Seit einigen Jahren aber häufen sich die anderen Fälle: Migranten, die ertrinken.
Foto: Tom Gath
Nachts sei der Wasserstand besonders hoch, sagt Simić, die Drina werde zur Gefahr. Die Migranten würden meist nach Sonnenuntergang aufbrechen, damit die Grenzpolizei sie nicht sieht. Gegen die Kälte tragen die Geflüchteten mehrere Lagen Kleidung. Stoffschichten, die sie im Wasser in die Tiefe ziehen.
An jenem 22. August 2024, morgens um sechs, kam ein Anruf: ein gekentertes Boot, mehrere Vermisste, darunter ein neun Monate altes Baby. Zlatan Simić stieg mit seinem Team in ein Schlauchboot, suchte flussabwärts. Das Wasser stand hoch, sagt er, Nebel kroch über den Fluss. „Wir konnten kaum zwei Meter sehen.“ Gegen Mittag fiel der Pegel, die Sicht wurde klar. Auf einer Schotterbank in der Mitte der Drina, genau zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien, lag die Leiche eines Mannes.
Drei Tage lang suchten serbische und bosnische Einheiten den Fluss ab. Sie fanden zwölf Leichen.
Die Behörden ziehen die Toten zwar aus dem Wasser. Doch nach den Hinterbliebenen in fernen Ländern sucht kaum jemand. Meist werden die ertrunkenen Migranten am Rand der Friedhöfe begraben, weit weg von den einheimischen Toten, unter schlichten Stelen aus Holz. Und oft ohne Namen.
Im Krieg stand der eine aufseiten der Opfer …
Nihad Suljić war ein kleiner Junge, als Jugoslawien zu Beginn der 1990er Jahre auseinanderbrach. Seine Familie, muslimische Bosniaken, lebte in Tuzla, das von serbischen Einheiten belagert wurde. Der Strom fiel aus, das Essen war knapp, Panzer standen vor der Moschee. Nato-Soldaten warfen Schokobonbons auf den Asphalt, erinnert sich Suljić, für Kinder wie ihn.
1995 kamen muslimische Geflüchtete aus Srebrenica nach Tuzla. Suljićs Großmutter kochte für sie, obwohl es für die eigene Familie kaum reichte. Suljić begriff das damals nicht, er war hungrig und das Essen doch so knapp.
Als Teenager stand Suljić mit den Frauen von Srebrenica auf der Straße. Sie hielten Fotos in die Luft, Namen, Jahreszahlen, die Orte des Verschwindens. Sie suchten nach den Knochen ihrer Männer und Söhne. Später arbeitete Suljić in der Personalabteilung einer Supermarktkette. Das war sein erstes Leben, wie er es nennt.
Sein zweites Leben begann an einem Sommertag 2016, an der Busstation von Tuzla. Nihad Suljić wartete auf einen Bus, als er einen Mann sah, barfuß, hungrig. Der Mann sagte, er komme aus Pakistan und wolle nach Sarajevo, in die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas. Suljić kaufte Brot und zeigte ihm die richtige Haltestelle.
In den Tagen darauf stand die nächste Gruppe am Busbahnhof. Und die nächste. Suljić begann, sich einzulesen, im Büro darüber zu reden. Mit Kolleginnen fuhr er nach Dienstschluss zurück zur Busstation, brachte Tüten mit Essen und Kleidung. „Ich dachte damals: Das ist nur für diesen Sommer.“
Foto: Tom Gath
Ab 2015 blickte die Welt auf Südosteuropa. Immer mehr Menschen flohen vor dem Krieg in Syrien, aus Afghanistan, Pakistan, dem Irak. Schnell war von der Balkanroute die Rede. Die Fluchtkorridore variieren je nach Jahreszeit, bilateralen Abkommen der EU, Einsätzen von Frontex, sowie Netzwerken der Schlepper. Serbien und Bosnien-Herzegowina sind auf dieser Route meist nur eine Etappe.
Seit die EU-Länder Ungarn und Kroatien ihre Grenzen zu Serbien massiv aufgerüstet haben, schicken viele Schlepper Geflüchtete über die Drina. Dieser Umweg über Bosnien-Herzegowina ist riskant, aber günstiger – und die Route durch die bosnischen Wälder Richtung Kroatien verspricht mehr Erfolg, trotz brutaler und illegaler Pushbacks der kroatischen Behörden.
Aktuell sei es zwar wieder ruhiger, sagt Nihad Suljić. Die Route habe sich eher nach Montenegro verlagert. Doch er geht davon aus, dass noch immer fast jeden Tag Geflüchtete über die Drina von Serbien nach Bosnien-Herzegowina kommen.
Nach seiner ersten Begegnung 2016 versorgte Suljić die Geflüchteten in Tuzla bald täglich. Sein zweites Leben kostete Zeit, er kündigte seinen Job. Es kostete Geld, er sammelte Spenden.
Vor vier Jahren kam ein Anruf aus Frankreich. Ein junger Afghane vermisste seinen Bruder, verschwunden irgendwo an der Drina. Suljić ging zur Polizei in Zvornik, doch die Beamten wussten von nichts. In Facebook-Gruppen teilte Suljić ein Foto des Vermissten und seine eigene Handynummer. Noch am selben Tag schrieb ihm ein Feuerwehrmann: „Ich glaube, wir haben ihn gefunden.“
Gemeinsam mit einem Cousin des Vermissten fuhr Nihad Suljić nach Bijeljina. Dort wurde der Körper eines jungen Afghanen aufbewahrt. Im Krankenhaus dann traf Suljić den Pathologen Vidak Simić. Der Cousin identifizierte die Leiche. Es war der erste tote Geflüchtete aus der Drina, dem sie einen Namen zurückgeben konnten. Als Suljić die Polizei informierte, sagte ein Beamter: „Du weißt gar nicht, wie viele Gräber ohne Namen es hier in Zvornik gibt.“
Der serbisch-orthodoxe Friedhof von Zvornik zieht sich über einen Hügel, schwarze Grabsteine dicht an dicht wie Pilze im Boden. Als Nihad Suljić ihn zum ersten Mal betrat, entdeckte er verwitterte Holzstelen, überwuchert, zwischen Müll verborgen. 18 Stück, ohne Namen, nur mit den Buchstaben „N. N.“, Nomen nescio – Name unbekannt. Suljić begann, das Gestrüpp zurückzuschneiden und die Tafeln freizulegen. „In diesem Moment habe ich verstanden“, sagt er heute, „wie viele Menschen in der Drina verschwinden.“ Menschen, die zu Lebzeiten kaum Würde erfuhren – und auch nicht im Tod.
Vor vier Jahren, nach der Identifizierung des ertrunkenen Afghanen, rief Suljić den Pathologen Simić an. Er wisse von weiteren Vermissten. In den Internetportalen waren Geflüchtete, die Wegbegleiter suchten, und Familien, die ihre Söhne nicht mehr erreichten, auf Suljić aufmerksam geworden. Sie kontaktieren ihn, bis heute, hoffen, die Vermissten zu finden. Seine Hilfsorganisation Deluj.ba erleichtert seine Arbeit, schafft Zugänge zu Behörden und in Camps der Geflüchteten.
Dort verteilt Suljić Flugblätter, ein QR-Code führt zu einer Website, auf der Angehörige die Daten von Vermissten eintragen können. Es sei wichtig, persönlich in die Camps zu gehen und dort Vertrauen aufzubauen. Viele Geflüchtete meldeten vermisste Begleiter nicht. Aus Angst vor den Behörden. „Ich will den Toten ihre Würde zurückgeben“, sagt Suljić.
Auch nach einer Identifizierung ist die Rückführung der Leichen in die Heimatländer oft zu kompliziert oder zu teuer. Dann sorgt Suljić dafür, dass die Toten wenigstens einen richtigen Grabstein bekommen. Dabei hilft ihm die Wiener Organisation SOS Balkanroute, finanziell und ideell. Petar Rosandić von SOS Balkanroute sagt, gemeinsam mit weiteren Aktivisten hätten sie in Bosnien-Herzegowina 101 Grabsteine aufgestellt und so viele Tote identifiziert wie an keiner anderen EU-Außengrenze.
… und der andere aufseiten der Angreifer
Im Krankenhaus von Bijeljina stoppt der Fahrstuhl im ersten Stockwerk. Neonlicht, grauer Linoleumfußboden, ein Schild: Rauchen verboten. Hinter einer halb geöffneten Tür sitzt Vidak Simić an einem Schreibtisch, ein Aschenbecher neben dem Mikroskop. Er zündet sich eine Zigarette an. Seit 35 Jahren untersucht er Gewebeproben von Patienten, meist habe er keine guten Nachrichten für sie, sagt er. Und er obduziert eben auch Leichen.
Wenn die Polizei einen Toten in der Drina findet, untersucht Vidak Simić den Körper zunächst von außen, protokolliert alles, was er sieht, fotografiert aus allen Winkeln. Anschließend öffnet er den Körper. „Bei Ertrunkenen sind die Lungen wie aufgeblasen, in den Atemwegen ist Sand, im Magen Wasser.“ Die Toten der Drina seien über äußere Merkmale schwer zu identifizieren. „Ohne Knochenprobe ist eine Identifizierung oft unmöglich.“
In einem Nebengebäude liegt der Obduktionssaal, Holzsärge stehen im Flur, die Luft riecht nach Erdbeere – Raumspray gegen den Leichengeruch. In einem Raum ohne Fenster öffnet Simić einen ächzenden, vergilbten Tiefkühlschrank. Er rüttelt an überfrorenen Schubladen, greift einen Umschlag. Zwei Finger verschwinden darin und ziehen ein Knochenstück heraus. Es ist ein Teil von einem Oberschenkelknochen, von einem Migranten, der in der Drina ertrunken ist, sauber beschriftet mit der Jahreszahl 2018. „Laut Vorschrift muss ich sie drei Jahre aufbewahren“, sagt Vidak Simić. „Ich hebe sie aber länger auf, damit die Toten vielleicht in drei, vielleicht in fünf, vielleicht in zehn Jahren identifiziert werden können.“
Im Bosnienkrieg war Vidak Simić an der Front. Als Militärarzt behandelte er Verwundete aufseiten des Angreifers, der Republika Srpska. Er redet ungern über den Krieg, spricht leise, flüstert beinahe, mit jedem Wort löst sich langsam ein weiteres. Vor dem Krieg habe er geglaubt, dass man in Jugoslawien ein Volk sei, dass Religion keine Rolle spielen dürfe. „Wir sind an die Drina gefahren, haben gegrillt, Muslime gemeinsam mit Serben und Kroaten.“
Nach dem Krieg blieb er bei den Toten: als Pathologe, der auch Kriegsopfer aus Massengräbern obduzierte. „Wenn wir nur einen Knochen gefunden haben, waren wir glücklich“, sagt er heute.
Ich sehe meine Arbeit erst als beendet an, wenn die Seele nach Hause findet
Vidak Simić, Pathologe
Seit 2016 habe er dann mehr als 40 ertrunkene Migranten obduziert, die meisten waren junge Männer. Bevor er Suljić getroffen hatte, konnte er keine einzige Person identifizieren. Mit der Hilfe von Suljić sei es ihm bei neun gelungen. „Ich sehe meine Arbeit erst als beendet an, wenn die Seele nach Hause findet.“ Und dafür müsse der Mensch würdig beerdigt werden. Er sei gläubig, orthodoxer Christ. Für jeden Menschen, den er obduziert, zünde er in der Kirche eine Kerze an.
Nihad Suljić, ein muslimischer Bosniake mit selbstgedruckten QR-Codes, und Vidak Simić, ein christlich-orthodoxer Serbe mit einem vergilbten Tiefkühlschrank: Schließlich stehen sie gemeinsam am Ufer der Drina, für die Dokumentation des bosnischen Fernsehens. Ernst blickt Simić auf sein Smartphone und hält es in die Kamera.
Es zeigt ein Video. Männer schlagen ein Grab in den staubtrockenen Boden, irgendwo in Afghanistan. Sie singen ein Klagelied. Es soll die Familie eines der ersten toten Migranten sein, den Simić und Suljić gemeinsam identifiziert und in seine Heimat überführt haben.
„Als Nihad mir das Video geschickt hat, war ich sehr glücklich“, sagt Simić. Warum glücklich, bei solchen Bildern? „Weil meine Arbeit als Mensch, als Arzt und als Gläubiger abgeschlossen war.“ Der Tote, sagt er, habe seine Identität zurückbekommen. Und dann lächelt Simić, während die Drina friedlich hinter ihm vorbeizieht.
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