Verkaufsshow für Deutschland: Kanzler wirbt um Investoren
Typisch deutsch? Lange Warteschlangen an der Sicherheitskontrolle beim Einlass zum ersten Investitionsgipfel der Bundesregierung in Berlin. Einige Damen in Kostümjacke und Herren mit Krawatte, die sonst Unternehmen im Ausland leiten, wirken ungeduldig.
Zeit ist Geld. Erste Witze werden gerissen, dass die organisierte Langsamkeit viel über Deutschland aussagte. "In China ginge das schneller", meint ein jüngerer Mann im dunkelblauen Anzug lächelnd.
Die Schlange am Eingang wird so lang, dass der Gastgeber, Bundeskanzler Friedrich Merz, warten muss, bis alle 200 eingeladenen internationalen Firmenchefs den Saal erreichen. Drinnen im großen Saal des ehemaligen DDR-Staatsratsgebäudes, das heute eine private Wirtschaftshochschule beherbergt, gibt sich der Gastgeber mit Verspätung alle Mühe, die kleine Panne zu überspielen.

Werben für Optimismus
Der Kanzler spricht von den Klischees über die Deutschen, ihren Fleiß, ihre Pünktlichkeit, ihre Verlässlichkeit, ihre Angewohnheit, mit Handtüchern sehr früh am Morgen Liegen im Urlaubshotel zu reservieren.
"Manche Klischees tendieren dazu, wahr zu sein", sagt Friedrich Merz am Rednerpult und fügt hinzu, diese Eigenschaften würden Deutschland helfen, mit großen Herausforderungen fertig zu werden. Deutschland sei finanziell stabil, wirbt der Kanzler. Schließlich habe das Land als einzige der führenden Industrienationen in der G7 noch ein solides AAA-Rating bei den großen Bewertungsagenturen.
"Deutschland hat eine starke industrielle Basis und ist politisch stabil", wirbt der Kanzler. Das Land sei als Anker in die Europäische Union mit ihrem einzigartigen Binnenmarkt eingebettet.
Es würden 500 Milliarden in die Infrastruktur und jedes Jahr 150 Milliarden in die Rüstung investiert in den kommenden Jahren. Das sei eine enorme Chance für Investoren, lockt Friedrich Merz, der früher selbst den US-Investor Blackrock in Deutschland gemanagt hat. Hindernisse für Investitionen sollten beseitigt, die Verwaltung schneller und digitaler, Energie preiswerter werden.

Der Chef des größten deutschen Bankhauses, das viele Investoren betreut, findet, die Deutschen sollten optimistischer sein. "In Deutschland reden wir oft über Probleme", sagte Christian Sewing, Vorstandvorsitzender der Deutschen Bank.
"Viel seltener reden wir aber über die Möglichkeiten und die vielfältigen Potenziale. Wenn ich mit Investoren in Nordamerika, Asien und im Nahen Osten spreche, fällt mir immer ein großer Unterschied auf. Viele blicken mit mehr Zuversicht auf Deutschland als wir selbst." Ausländische Investoren sähen die Chancen oft besser als die deutschen Unternehmer, meint der Deutsche-Bank-Chef.
Nvidia-Chef sagt enge Kooperation zu
Einer dieser Investoren ist der Chef der weltweit wertvollsten Firma, Jensen Huang, CEO des Chip-Konzerns Nvidia. Er bot dem Kanzler, lässig in Lederjacke gekleidet, beim Plausch am Kamin am Vorabend der Konferenz eine Partnerschaft mit seiner Firma an, die die Hochleistungsprozessoren für die Anwendungen von Künstlicher Intelligenz (KI) herstellt. Alle große Internet- und Datenkonzerne sind auf Nvidia angewiesen. Staaten weltweit buhlen um Investitionen des Konzerns.
Die Bundesregierung hat mit Jensen Huang eine Zusammenarbeit vereinbart, in dessen Rahmen rund 10.000 Super-Chips für KI-Anwendungen für die deutsche Industrie bereitgestellt werden. Diese Anwendungen sollen KI in die Produktion von Maschinen, Fahrzeugen, Robotern integrieren und damit in der realen Welt praktisch nutzbar machen.

Industrielle KI wird ganze Fabriken entwerfen, designen und testen, bevor sie in der wirklichen Welt gebaut werden, schwärmt der CEO des Siemens-Konzerns, Roland Busch, in Berlin: "Industrielle KI ist die Jahrhundertchance für Deutschland, für hochwertige Jobs sowie für neues Wachstum. Deutschland muss und kann das Land sein, in dem neue Technologien entwickelt und skaliert werden. Unser entscheidender Vorteil bei künstlicher Intelligenz sind die Kombination von KI mit deutscher Ingenieurkunst und industriellen Daten."
Speed-Dating mit dem Kabinett
Sechs Ministerinnen und Minister, von Wirtschaft über Wohnungsbau bis Verkehr, hat die Bundesregierung als oberste Wirtschaftswerber bei diesem Gipfeltreffen aufgeboten. Sie halten Seminare ab und treffen sich zu Einzelgesprächen mit Konzernlenkern aus aller Welt. "Im 15 Minuten-Takt, eine Art Investitions-Speeddating", meint ein Mitarbeiter des Bundeswirtschaftsministeriums.
Finanzminister Lars Klingbeil versucht, die Investoren mit einem Scherz in seinen Workshop zu locken. "Ich will ihr Geld, lassen sie uns darüber reden", sagt er mit breitem Grinsen.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche fordert die Zuhörer im Saal zum Mitmachen in einer neuen Ära auf: "KI-Sprachmodelle gibt es genug. Jetzt muss KI in Industrieproduktion umgewandelt werden." Deutschland werde dabei eine führende Rolle spielen, gestützt auf hoch ausgebildete Arbeitnehmer und einen innovativen Mittelstand, versichert Reiche.

Bauministerin Verena Hubertz wirbt für Investitionen in "Betongold", also Immobilien und Wohnungsbau in Deutschland. Mit Blick auf die Pläne einer möglichen neuen linken Landesregierung in Berlin, Wohnungen großer Wohnungsbauunternehmen zu vergesellschaften, sagte Hubertz, die Bundesregierung wolle Investitionen mit einem neuen Bundesgesetz absichern und schützen.
Wenige konkrete Zahlen nach dem Gipfel
Will Marshall, Geschäftsführer des Satellitenherstellers Planet Labs PBC, gefällt dieses erste Gipfeltreffen der ausländischen Investoren mit der Regierungsmannschaft. Er glaubt an den deutschen Standort und produziert bereits in Berlin. Die Deutschen seien zuverlässig und gut ausgebildet. Er produziere hier für den europäischen Markt, um Europa bei Satelliten und Geo-Daten unabhängiger zu machen.

Insgesamt investierten laut Bundesbank ausländische Investoren im vergangenen Jahr 86 Milliarden Euro in Deutschland. Diese Summe hat sich gegenüber 2024 fast verdoppelt. Der Bundeskanzler erwartet bis 2030 weitere direkte Investitionen ausländischer Unternehmen in die deutsche Industrie von rund 800 Milliarden Euro.
Der Wirtschaftsgipfel werde helfen, diese Summen locker zu machen, meint ein Mitarbeiter des Wirtschaftsministeriums. Am Ende des Tages sei aber nicht das Ziel gewesen, eine konkrete Summe von neuen Investitionen zu nennen.
Auf der Berliner Tagung würden keine Verträge geschlossen, sondern investitionsbereite Unternehmen motiviert und überzeugt. Allerdings gab der US-Konzern Amazon am Rande des Gipfels bekannt, dass er im kommenden Jahr Investitionen in Höhe von 16 Milliarden Euro in seine Infrastruktur für Cloud-Computing und KI-Anwendungen in Deutschland plant.
KI-Fabrik steigert Rechenpower in Deutschland um 50 Prozent
Auch die Ankündigung des Nvidia-Chefs, Jensen Huang, war recht konkret. Er will rund eine Milliarde Euro in KI-Datenzentren in Deutschland investieren. Im Gegenzug hat die Bundesregierung Fördergelder in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro für gemeinsame Projekte zugesagt.
Huang ermutigte die deutschen Unternehmen, bei der Einführung der industriellen KI ganz vorne dabei zu sein. Sie sollten die Daten über Produkte und Verfahren, die sie in Jahrzehnten gesammelt hätten, für das Training der KI zu nutzen. Und er ermahnte gleichzeitig: "Ihr bekommt keine weitere Chance, also nutzt diese."
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.