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Monday, September 28, 2026

Karlsruhe: Das Gericht, das die Gesellschaft zusammenhält?

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Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundestagspräsidentin - sie alle trifft man normalerweise in Berlin. Heute Vormittag aber sind sie, und viele andere Spitzenpolitiker, nicht in der Bundeshauptstadt, sondern in Karlsruhe. Zu Gast beim Festakt zum 75-jährigen Bestehen des Bundesverfassungsgerichts.

Dass man im Badischen auch räumlich von der Berliner Politik getrennt ist - es mag ein Grund dafür sein, dass die Deutschen ihrem Verfassungsgericht seit jeher mehr Vertrauen entgegenbringen als den anderen Verfassungsorganen. Karlsruhe steht für Unabhängigkeit, Objektivität und den alleinigen Maßstab des Grundgesetzes.

Doch auch das Bundesverfassungsgericht kämpft inzwischen mit sinkenden Vertrauenswerten in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Geburtstag in turbulenten Zeiten.

Welche Aufgaben hat das Gericht?

Das Bundesverfassungsgericht wird auch als "Hüter der Verfassung" bezeichnet. In dieser Rolle wacht es über die Einhaltung des Grundgesetzes. Karlsruhe ist damit auch die zentrale Anlaufstelle, um die Verfassung mit Leben zu füllen.

Denn jeder Bürger kann, wenn er sich in seinen Grundrechten verletzt sieht, mit einer Verfassungsbeschwerde nach Karlsruhe ziehen. Große gesellschaftliche Fragen, in jüngerer Vergangenheit etwa zur Sterbehilfe, zu den Rechten leiblicher Väter und zum Klimaschutz, wurden so entschieden - zugunsten der klagenden Bürger.

Die Karlsruher Richter entscheiden darüber, ob bei der Verabschiedung des Heizungsgesetzes im Jahr 2023 den Bundestagsabgeordneten zu wenig Beratungszeit im Gesetzgebungsverfahren gegeben wurde.

23.07.2026 | 2:15 min

Zugleich ist das Gericht eine wichtige Kontrollinstanz für die Politik. In dieser Funktion kann es unter anderem Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit prüfen und für nichtig erklären, wenn sie gegen das Grundgesetz verstoßen. So geschehen zum Beispiel 2023, als Karlsruhe das Nachtragshaushaltsgesetz der Ampel kippte, weil es gegen die Schuldenbremse verstieß.

Außerdem entscheidet das Gericht bei Streitigkeiten zwischen den Staatsorganen, etwa zwischen Bundestag und Bundesregierung oder auch zwischen einer einzelnen Fraktion und der Bundestagsmehrheit - ein Beispiel dafür: die Klagen der AfD-Fraktion, die sich diskriminiert sah, weil ihre Kandidaten für das Amt der Bundestagsvizepräsidenten und für Ausschussvorsitze im Bundestag nicht gewählt wurden.

Im Streit um einen größeren Sitzungssaal ist die AfD vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert. Die AfD hatte als zweitgrößte Fraktion Anspruch auf den Fraktionssaal der SPD erhoben.

05.02.2026 | 0:35 min

Inwiefern ist Karlsruhe politisch?

Im Ausgangspunkt gilt: Das Bundesverfassungsgericht ist nur dem Grundgesetz verpflichtet. Von politischen Zwängen, wie sie zum Beispiel in einer Koalition herrschen, ist es befreit. Gleichzeitig ist es schon allein dadurch ein politischer Akteur, dass es über (hoch-)politische Fragen juristisch entscheidet. Der an der Schuldenbremse gescheiterte Haushalt der Ampel etwa trug auch zu ihrem politischen Ende bei.

Dennoch wird das Verfassungsgericht noch immer als Instanz wahrgenommen, die außerhalb des politischen Ringens steht. Die Richterinnen und Richter achten vor allem darauf, dass die fundamentalen Regeln des politischen und gesellschaftlichen Lebens, auf die sich alle verständigt haben, eingehalten werden. Deren Gestaltung überlassen sie aber grundsätzlich den Parlamenten und Regierungen.

Dass Karlsruhe sich indes nicht von der Politik entkoppeln kann, zeigte zuletzt die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin. Nach einer heftigen medialen Kampagne gab es vor allem in der Union zu viel Ablehnung - Brosius-Gersdorf zog ihre Kandidatur schließlich zurück, weil die erforderliche Zweidrittelmehrheit im Bundestag unerreichbar war.

Nach Bedrohungen und Beleidigungen zog Frauke Brosius-Gersdorf letztes Jahr ihre Kandidatur für das Bundesverfassungsgericht zurück. Was geschah, beschreibt Sie in ihrem Buch "Wahl und Wahrheit".

01.09.2026 | 8:25 min

In der Vergangenheit lief die Richterwahl in der Regel geräuschlos ab: Union und SPD konnten je drei der acht Richter eines Senats vorschlagen, Grüne und FDP jeweils einen. Doch dieses informelle Verfahren dürfte insbesondere mit Blick auf die erstarkte AfD künftig kaum mehr zu halten sein.

Was denken die Deutschen über das Gericht?

Traditionell genießt das Bundesverfassungsgericht hohes Vertrauen in Deutschland - deutlich mehr als andere Institutionen wie Bundestag, Bundesregierung oder der Bundespräsident. Letzteres bestätigt auch eine aktuelle Befragung des ZDF-Politbarometers. Danach gefragt, welchem der deutschen Verfassungsorgane Bürgerinnen und Bürger das größte Vertrauen entgegenbringen, landet das Bundesverfassungsgericht mit 56 Prozent weit vorne auf Platz 1.

Ein Balken-Diagram stellt das Vertrauen der Deutschen in verschiedene Verfassungsorgane dar.
Quelle: ZDF

Im Vergleich zum Jahr 2011 - damals zum 60-jährigen Bestehen des Bundesverfassungsgerichts - hat sich der Wert hier sogar noch zugunsten des Gerichts verschoben, während etwa die Werte von Bundestag und Bundesregierung gesunken sind.

Ein Balken-Diagram stellt das Vertrauen der Deutschen in verschiedene Verfassungsorgane dar. (Stand: September 2011)
Quelle: ZDF

Der Staatsrechtler Alexander Thiele bewertet die Befunde ambivalent:

Man kann sagen, das ist eben unsere Liebe zum Rechtsstaat. Man kann es aber auch kritisch sehen als Ausdruck von Misstrauen gegenüber der Politik, die das Gericht ja kontrolliert.

Prof. Alexander Thiele, Staatsrechtler Business and Law School Berlin

Seiner Meinung nach, so Thiele, müsse man "insgesamt wieder stärker lernen, dass Politik geprägt ist von Kompromissen und manchmal ambivalenten Entscheidungen."

Als Herrschaftsform ist die Demokratie Bestandteil der Verfassung. "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus", heißt es in Artikel 20 des Grundgesetzes. Unter dem Stichwort Demokratie wird in der öffentlichen Debatte aber häufig noch mehr verstanden: auch Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Grundrechte.
Das Bundesverfassungsgericht spielt eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, Verletzungen dieser Verfassungsgüter festzustellen und zu ahnden – etwa wenn Bürgerinnen und Bürger wegen Grundrechtsverletzungen klagen oder die Opposition auf ihre Mitwirkungsrechte im Parlament pocht.

Allerdings ist das Gericht kein Verfassungsschutz. Es überwacht keine Aktivitäten staatlicher Stellen oder von politischen Parteien und greift von sich aus ein. Sondern die Richterinnen und Richter werden nur tätig, wenn das Gericht angerufen wird.

Das gilt auch für das schärfste Schwert der so genannten wehrhaften Demokratie, das Parteienverbot. Beantragt werden kann es vom Bundestag, der Bundesregierung oder dem Bundesrat. Die Entscheidung darüber, ob eine Partei verfassungsfeindlich ist, liegt dann in Karlsruhe. Die aktuelle Diskussion um ein Parteiverbotsverfahren gegen die vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextremistisch eingestufte AfD ist daher zunächst in erster Linie eine politische. (Quelle ZDF)

Schaut man sich die Vertrauenswerte des Bundesverfassungsgerichts nicht nur im Vergleich mit anderen Institutionen, sondern isoliert an, wird allerdings deutlich: Auch das Bundesverfassungsgericht ist vor einem Vertrauensverlust nicht gefeit. In einer Befragung des Allensbach-Instituts für die FAZ gaben 2021 noch 81 Prozent an, sehr viel oder ziemlich viel Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht zu haben. 2025 waren es nur noch 63 Prozent.

In einem Punkt scheinen sich die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland nach der aktuellen Politbarometer-Befragung zum Gericht nahezu einig zu sein: 93 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass das Bundesverfassungsgericht wichtig oder sehr wichtig für unsere Demokratie ist.

Samuel Kirsch und Daniel Heymann sind Redakteure in der ZDF-Redaktion Recht und Justiz

Über dieses Thema berichtete das heute journal update am 27.09.2026 um 21:45 Uhr.

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