Gestresst beim Friseur: Krasse Leute

Man ist spät dran, dann trödelt auch noch eine auf dem Radweg. Wo nur hin mit dem Lamento, wenn sich noch nicht mal der Friseur dafür interessiert?
Foto: F. Anthea Schaap/imago
S orry, dass ich so schwitze“, sage ich auf meinem Stuhl im Barber-Shop, „aber die Frau hat aus Versehen meine Schlüssel mitgenommen, und da war auch der fürs Fahrrad mit dran, und dann musste ich erst warten, bis sie wieder nach Hause kommt, und ich hab schon überlegt, ob ich die U-Bahn nehme, aber dann hätte ich es erst recht nicht mehr geschafft, zusammen mit Hinlatschen und Umsteigen, und sie wollte ja um halb zwölf zurück sein, das hätte locker gereicht, aber am Ende war es fast schon zehn nach halb, und dann musste ich mich total beeilen …“
„Ja, macht nichts“, sagt der Friseur. Ich habe den Verdacht, dass ihn das alles nicht so richtig interessiert. Das finde ich schade. Immerhin ist das doch das Leben seines Kunden. Ich finde, das sollte ihn interessieren. Weil, wenn dem was zustößt, hat er einen Kunden weniger. Das ist ja auch nicht gut fürs Geschäft.
„Und dann waren da auch noch so krasse Leute unterwegs“, sage ich und zapple unter meinem Frisierumhang bei dem Gedanken, was da für krasse Leute unterwegs waren. Das würde ich ihm eigentlich auch gern noch erzählen. Aber jetzt hat ihn schon das andere nicht interessiert. Vielleicht behalte ich es besser für mich.
Vor mir auf dem Radweg gurkte nämlich diese Tante rum. Das hat mich so gestresst, dass ich davon noch mehr schwitze. Aber auch, weil ich nun obendrein die zusätzliche Verzögerung aufholen musste. Auf einem klapprigen Hollandrad fuhr sie im Zickzack, wo ich es doch so eilig hatte. Dazu trug sie riesige Kopfhörer. Ich hab die ganze Zeit Sturm geklingelt, aber nix: keine Reaktion.
Diese international bekannte Geste
Dann hab ich geschrien: „Scheiße.“ Und noch mal: „Scheiße ist das, verdammt.“ Irgendwann hielt sie sich endlich doch rechts. Beim Überholen zeigte ich mit der rechten Hand erst auf mein Ohr und machte dann vor der Stirn den „Scheibenwischer“. Weil ich auf einmal das Gefühl hatte, dass die nicht von hier war und kein Deutsch sprach. Nur deshalb diese international bekannte Geste. Sie noch so „sorry“, aber das kam dann auch zu spät, da konnte sie mich längst kreuzweise.
Während der Friseur auf meinem Kopf herumschnippelt und dichte graue Büschel wie Schafswolle auf den schwarzen Umhang fallen, lege ich mir in all der Ruhe, die ich in der Situation selbst nicht hatte, zurecht, wie ich ihr ihren Megafail auf Englisch unter die Nase gerieben hätte.
„Are you mad? You take hier part in street traffic, Frolleinchen! Das weißt du aber schon, oder?“ Ein wenig Ageismus muss leider sein; finde ich ja an sich auch nicht so prickelnd, aber dann merkt sie sich das einfach besser. Oder hätte sich das besser gemerkt. Auch dazu ist es jetzt zu spät.
„I know, you don’t care about other people“, denke ich mir aus. Das soll ihr soziales Gewissen beschämen. Was im Grunde ein Witz ist, denn so eine alte Drohne, die im Winter nach Asien fährt, sollte am besten ein für alle Mal komplett die Schnauze halten, und zwar zu jedem nur erdenklichen Gesellschaftsthema.
Wie die im Fernsehen sprechen
Egal, das weiß sie ja nicht, also wiederhole ich im Geiste, „other people, ja, you think of course, haha, I shit on other people, but, you know …“ – random pflege ich hie und da ein „you know“ ein, weil die im Fernsehen auch immer so sprechen – „… it’s also dangerous for you.“
Argumente wie Pfeile. Die würden ihr ja dermaßen zu denken geben. Blöd, dass mir das nicht vorher eingefallen ist. Aber mit Englisch bin ich nun mal nicht so fix.
Inzwischen liegt mein Kopf für die Haarwäsche auf dem Waschbeckenrand wie auf einem Richtblock. Die köpfen, äh, waschen hier auch immer erst nach dem Schneiden. Das ist ein bisschen wie bei mir mit meinen Reaktionen.
Seit 2001 freier Schreibmann für verschiedene Ressorts. Mitglied der Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" und Autor zahlreicher Bücher.
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