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Tuesday, August 18, 2026

Marokkos Jugend sieht zu Hause keine Perspektive

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Eine Gruppe Migranten am Grenzübergang Bab Sebta in der Nähe von Fnideq in Marokko.

Wunsch nach Auswanderung Marokkos Jugend sieht zu Hause keine Perspektive

Stand: 18.08.2026 • 19:13 Uhr

Marokko erlebt einen Wirtschaftsboom, aber der kommt bei vielen nicht an. Vor allem junge Menschen wollen auswandern - was der Andrang auf Ceuta beispielhaft gezeigt hat. Für den Frust gibt es nicht nur wirtschaftliche Gründe.

Stefan Ehlert

Der 25-jährige Hamza steht am Strand von Fnideq. Die zerrissene Kleidung ist noch feucht vom Versuch, in die Nachbarstadt Ceuta hinüberzuschwimmen.

Der Versuch scheiterte, aber er will erneut versuchen, in die europäische Exklave Ceuta zu gelangen: "Es ist der Traum meiner Mutter, den ich leben will: nach Europa gehen, dort arbeiten und dem Elend hier entkommen. Dann komme ich zurück und helfe meiner Mutter."

Dabei hat der junge Mann Arbeit - in einer Textilfabrik in Tanger, sagt er. Aber der Lohn reiche nicht, schon gar nicht, um eine Familie zu gründen. Umfragen zufolge hegt mehr als die Hälfte der jungen Marokkanerinnen und Marokkaner den Wunsch auszuwandern.

Das über Social Media verbreitete Gerücht, Spanien habe in Ceuta seine Grenze geöffnet, fiel dann Ende Juli auf fruchtbaren Boden - etwa bei der 29-jährigen Nadia. Ihr gelang der Grenzübertritt.

Spanien - "ein Land, das den Menschen hilft"

Der Nachrichtenagentur AFP schilderte sie ihre Erwartungen: "Wir sind hier, weil wir wissen, dass Spanien jungen Menschen eine Chance bietet. Wir hoffen, unseren Status legalisieren zu können. Das ist ein Land, das den Menschen hilft. Dort können wir uns eine Zukunft vorstellen."

Mustapha dagegen hat die Hoffnung aufgegeben. Dabei hat er sogar Verwandte in Ceuta, bei denen nun seine 16-jährige Tochter Oumaima lebt, die ebenfalls hinüberschwamm.

Doch der Vater ist angesichts des Massenandrangs nach nur einer Nacht aus Ceuta zurückgekehrt, zurück zum Dienst in einem Café in Fnideq, wo er umgerechnet rund 350 Euro im Monat verdiene:

Mein Einkommen hier reicht nicht zum Leben. Was kann ich schon mit 3.000 oder 3.500 Dirham anfangen? Wer eine Familie hat, dem reicht das nicht. Man ist gezwungen, darüber nachzudenken, wie man es zumindest dorthin schafft.

Mustapha

Bei Fnideq, unweit der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta: Viele junge Menschen sehen in Marokko keine Perspektive mehr.

Frust trotz Boom

Niedrige Löhne, Korruption, mangelnde Gesundheitsversorgung, keine Aussicht auf bessere Lebensumstände, politische Verfolgung: Es werden viele Gründe genannt, warum Menschen aus Marokko zumindest zeitweilig auswandern wollen - und das, obwohl das Königreich seit einiger Zeit einen echten Wirtschaftsaufschwung erlebt mit guten Wachstumsraten, einer Tendenz zur Industrialisierung und Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur.

Der Aufschwung kommt aber nicht bei jedem an. Die Soziologin Soumaya Naamane Guessous glaubt allerdings nicht, dass allein wirtschaftliche Beweggründe für den Drang zur Migration verantwortlich sind:

Die jungen Menschen heutzutage wollen die Welt durchstreifen. Man beschränkt sich heute nicht mehr auf sein Land, seine Stadt und sein Viertel. Wir sind hier mit einer Mentalität konfrontiert, die wir nicht infrage stellen können.

Soumaya Naamane Guessous, Soziologin

Neben klassischen Gründen für die Migration gebe es einen weit verbreiteten Drang, so zu leben und zu reisen wie andere Menschen auf der Erde auch.

Wachsende Kluft zwischen Staat und junger Generation

Zudem wachse die Kluft zwischen Staat und junger Generation, glaubt die Influencerin Soumaya Fikri aus Casablanca.

Sie hat 150.000 Follower, und nach ihrer Meinung will längst nicht jeder, der unzufrieden ist, gleich auswandern. Aber sie persönlich rechne damit, dass viele der jungen Menschen in Marokko den bevorstehenden Parlamentswahlen im September fernbleiben werden:

Ich glaube, wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir nicht mehr daran glauben, dass auch nur eine der politischen Parteien ehrlich ist. Wir glauben nicht, dass auch nur eine der Parteien irgendwelche Veränderungen anstößt. Also weigern wir uns, mitzumachen.

Influencerin Soumaya Fikri

Hunderte Aktivisten der GenZ-Proteste weiter in Haft

Wenn aber zu viele Menschen den Wahlen fernbleiben, droht Marokkos stark gesteuerter Demokratie eine Glaubwürdigkeitskrise. Gründe dafür? Zum Beispiel willkürlich erscheinende Verhaftungen wie zuletzt die des kritischen Rappers Mehdi Black Wind - so etwas verunsichert vor allem die jungen Menschen.

Noch immer sitzen Hunderte Aktive der GenZ-Proteste des vergangenen Jahres in Haft. Die Meinungs- und Pressefreiheit sind eingeschränkt. Stattdessen wachse das Misstrauen gegenüber offiziellen Verlautbarungen, sagt die Influencerin Soumaya Fikri.

Es sei kein Wunder, dass Ende Juli so viele Menschen auf das Märchen von den offenen Grenzen in Ceuta hereingefallen seien - die Leute glaubten nur noch dem, was in der eigenen Blase die Runde mache: "Wenn du etwas anklickst, füttert dich der Algorithmus mit immer denselben Nachrichten und eröffnet dir keine neue Perspektive."

In Ceuta hatte die Fehlinformation tödliche Folgen. Mehr als 80 Menschen kamen bei dem Versuch ums Leben, die angeblich offene Grenze zur spanischen Exklave zu überwinden. Die meisten von ihnen ertranken.

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