DFB-Umbruch ohne Rücksicht: Radikaler Klopp hat sich unangreifbar gemacht

Die ersten zwei Partien unter Jürgen Klopp als neuen Bundestrainer sind gespielt. Über seine deutsche Fußball-Nationalmannschaft gibt es viele Erkenntnisse, nicht alle sind erfreulich.
Besonders in Deutschland ist es bekannt: Das mit den Großprojekten ist eine heikle Sache. Der Bahnhof in Stuttgart ist immer noch nicht fertig, der Flughafen von Berlin und Brandenburg (was haben alle gelacht) kostete mindestens das Dreifache als das ursprünglich Geplante. Es ist häufig so, dass beim Bau dann doch noch irgendetwas auffällt, was den Aufwand steigert. Mal ist es die Brandschutzanlage, mal die Digitalisierung.
So ist das wohl auch bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Die ersten beiden Spiele unter dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp haben schon gezeigt, dass auch dieses Großprojekt mehr Mittel als gedacht verschlingen wird. Anders als Stuttgart 21 oder der BER wird die Nationalelf vielleicht nicht unbedingt mehr Geld brauchen, sondern eine andere Ressource: nämlich die Geduld ihrer DFB-Fans.

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Dass die nach Neuanfängen und Umbrüchen geschundene Fanseele davon nicht so unendlich viel zur Verfügung hat, ist offensichtlich. In Augsburg bekam das dann auch der neue Projektleiter zu spüren. Erstmals seit einem Vierteljahrhundert feierte die Stehplatztribüne bei DFB-Spielen ihre Rückkehr. Ehrlicherweise hat man während des Spiels nicht allzu viel davon gemerkt. Dafür aber davor. Am lautesten wurde sie, als ein Name auf den Stadionleinwänden eingeblendet wurde: Jürgen Klopp.
Der erste Kater
Der neue Bundestrainer ist beliebt bei den Fans, das ist kein Geheimnis. Er war jahrelanger Schattenbundestrainer, er ist für viele die Wunschlösung. Selbst Franz Beckenbauer soll sich das gewünscht haben. Spätestens das 1:1-Remis beim Auftakt gegen die Niederlande hatte so was wie eine leise Aufbruchsstimmung aufkeimen lassen. Die DFB-Elf zeigte sich euphorisiert und voller Einsatzwillen. Die mitgereisten Fans bejubelten Konter, Sprints und vor allem einige Grätschen.
Umso größer ist vielleicht deshalb der Kater, den die fast 30.000 Menschen in der Arena von Augsburg verspürten. Sie sahen kein Klopp-Länderspiel, das war ja nach nur wenigen Trainingseinheiten, dem tiefstehenden Gegner und der wilden Wechselei auch gar nicht möglich. Wie will man Intensität im Verteidigen zeigen, wenn der Gegner kaum angreift? Wie will man den Ballführenden im kloppschen Gegenpressing jagen, wenn die Griechen alle Bälle rausschlagen?
Man fühlte sich eher an zielloses Ballgeschiebe gegen Paraguay erinnert als an das, was noch kommen könnte. Und was sich Klopp vorstellen kann. Logischerweise hielt die Geduld auf den Rängen diesmal deshalb auch nur zwei sieglose Spiele in der Nations League. Bei der 0:1-Niederlage gegen Griechenland gab es dann in der Nachspielzeit die ersten Pfiffe.
In kloppscher Manier wischte der Bundestrainer das auf der anschließenden Pressekonferenz weg. Vielleicht habe da jemand nur laut ausgeatmet oder Asthma gehabt, witzelte Klopp im Keller der WWK Arena über die Pfiffe. Doch selbst er wurde am Ende seines Vortrags noch einmal ernster: Wenn man doch jemanden kritisieren möge, dann doch ihn als Gesamtverantwortlichen. Ihn könne man auspfeifen, nicht die Spieler.
"Man stelle sich vor"
Denn es ist so: Klopp hat erkannt, dass die DFB-Elf für seine Art des Fußballs einen radikalen Umbruch braucht. Er riss praktisch alles ab, was seine Vorgänger seit 2018 versucht hatten aufzubauen. Joachim Löw wurde immer vorgeworfen, er probierte, das spanische Team nachzubilden. Hansi Flick hatte versucht, die Trümmer seines Vorgängers noch zusammenzukleben. Und die Idee von Julian Nagelsmann fiel in Foxborough beim WM-Aus zusammen.
Auf diesen Trümmern soll aber etwas Neues erwachsen, das hatte Klopp versprochen. "Man stelle sich vor, wir hätten die gleiche Mannschaft heute hergebracht", sagte er nach der Niederlage gegen Griechenland in der ARD, "die bei der WM gespielt hätte." Er wisse nicht, "ob das Spiel so viel anders gewesen wäre. Und das wäre eine ganz schlechte Nachricht gewesen", erklärte er weiter. Also lieber ins Risiko gehen.

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Das macht Klopp momentan tatsächlich wenig angreifbar. Sinnbildlich für diesen Neuanfang steht der 44er-Doppelkader, den es im deutschen Fußball so noch nie gegeben hat. Noch weiß niemand, welche Namen davon wieder zurückkehren werden, wenn es im November gegen Serbien und die Niederlande geht. Und dass mit so vielen Debütanten sowieso nicht alles gelingen wird, das wusste auch Klopp vorher. Dennoch sah er es als alternativlos an, wie er es selbst sagte, gleich zwei Kader zu berufen.
Man kann diese Sichtweise und die daraus folgende Entscheidung kritisieren, aber danach? Klar, die Ergebnisse stimmen nicht. Statistisch ist es der schlechteste Start eines Bundestrainers seit langem. Aber geht es darum gerade? Erstmals in seiner Geschichte verliert der DFB gegen Griechenland, der Abstieg in der Nations League droht: Aber juckt das irgendjemanden wirklich? Der letzte Tabellenplatz in der Gruppe würde die EM-Qualifikation unnötig erschweren. Die DFB-Elf landete nicht im ersten Lostopf. Es wäre keine Vollkatastrophe, eher ein holpriger Umweg, den man in Kauf nimmt.
"Wirkung wird kommen"
In diesem Länderspielfenster geht es für Klopp und sein Trainerteam vor allem darum, neue Informationen zu sammeln. Es geht um das Versprechen, dass alles besser wird, so schnell wie es halt irgendwie geht. Wäre das mit einem normalen Kader schneller gegangen? Kurzfristig ziemlich sicher. Aber es gibt ja auch Vorteile. Auf den Pressekonferenzen spricht er jedes Mal erfreut darüber, dass die Liste der tauglichen Talente schon wieder gewachsen sei. Die ersten dieser Spieler auszuprobieren, dafür sind die vier Pflichtspiele, die aus DFB-Sicht momentan nur Testspiele sind, gerade recht.
Was er in diesen Partien bislang mutmaßlich gesehen hat, das ist, dass es im deutschen Fußball zwar Talent gibt. Dass es aber bei weitem nicht an das anderer großer Nationen heranreicht. Diese Erkenntnisse haben auch seine Vorgänger gemacht. Klopp hat gesehen, dass dem DFB-Team bestimmte Spielertypen fehlen, etwa ein schrankartiger, kopfballstarker Mittelstürmer. Oder ein physischer Sechser, der vor der Abwehr abräumen kann.
Es war nie so, dass Klopp den Erfolg über Nacht mitbrachte, wo immer er hinkam. 2008 wagte er als junger Trainer den Sprung zu Borussia Dortmund, seine Debütsaison lieferte nicht unbedingt Aufbruchsstimmung. Der BVB flog früh im DFB-Pokal raus, ähnlich erging es Dortmund auch im UEFA-Cup. Am Ende reichte es nicht für einen Tabellenplatz im internationalen Geschäft. Hoffnungsvoll stimmten vor allem das erste Derby: Der BVB lag gegen Schalke mit 0:3 hinten - und glich auf dramatische Weise noch aus.
Solche Momente verbindet man mit dem Namen Klopp, kein endloses Ballgeschiebe gegen Griechenland, das in einer 0:1-Niederlage endet. Doch darauf kann er keine Rücksicht nehmen. Ob er Sorge hat, ob die Anfangseuphorie schon verflogen sei, wurde er in Augsburg gefragt. "Wenn sie jetzt weg ist, tut mir das sehr leid, aber im Camp hilft uns Euphorie nicht. Die Stimmung war absolut top, wie sie sein soll. Die Wirkung wird natürlich kommen." Irgendwann, nur noch nicht jetzt.
Jetzt geht das Basteln am Großprojekt weiter. Es wird am nächsten Teil des Fundaments gebastelt. Der zweite Block ist schon da, ihn schaut sich Klopp am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF und im ntv.de-Liveticker) gegen Serbien genauer an. Auch das wird mutmaßlich eine zähe Angelegenheit. Aber das kann man Klopp irgendwie (noch) nicht vorwerfen.
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