Wie teuer ist das jährliche Wechsel-Karussell wirklich?

Erste grosse Krankenkasse verrät Blick Zahlen
Wie teuer ist das jährliche Wechsel-Karussell wirklich?
Zum Jahresende wechseln Tausende in der Schweiz ihre Krankenkasse. Das spart Prämien, kostet aber auch Geld. Wie viel, wissen weder der Bund noch die Branche. Neue Zahlen einer grossen Krankenkassen zeigen aber: Es geht in die Millionen.
Publiziert: vor 20 Minuten
- Der Bund kennt die Kosten für Krankenkassenwechsel nicht
- Ein Wechsel kostet laut CSS durchschnittlich 101 Franken
- Schweizweit könnten jährlich 67 Millionen Franken anfallen
Jedes Jahr das gleiche Spiel: Die neuen Krankenkassenprämien kommen, Herr und Frau Schweizer vergleichen die Preise – und suchen sich eine günstigere Kasse. Auch der Bund wirbt mit Spartipps für den Wechsel. möglichst viel sparen. Wer sparen will, muss allerdings die Regeln beachten. Einige Krankenkassen sind dabei besonders streng.
Und: Jeder Wechsel bedeutet Arbeit – und verursacht damit auch Kosten. Die alte Kasse muss die Kündigung bearbeiten, die neue den Versicherten aufnehmen. Dazu kommen Werbung und allenfalls Vermittlungsprovisionen. Das alles kostet Geld. Wie viel genau? Das weiss nicht einmal der Bund.
«Da keine belastbaren Daten zu den Kosten von Versichererwechseln vorliegen, kann das BAG deren Einfluss auf die Prämienhöhe nicht quantifizieren», schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage.
Bundesrat hält frühere Schätzungen für übertrieben
Die Wechselkosten beschäftigen auch die Politik. SP-Ständerat Baptiste Hurni (40) wollte 2024 vom Bundesrat wissen, was ein einzelner Kassenwechsel kostet – und wie hoch die Gesamtrechnung ausfällt. Der Bundesrat musste einräumen: Genaue Zahlen fehlen. Eine frühere Schätzung von 700 bis 1000 Franken pro Wechsel hielt er allerdings für deutlich zu hoch.
Worauf stützt sich diese Einschätzung? Das BAG verweist auf Berechnungen einzelner Versicherer. Bei stark automatisierten Abläufen dauere die Aufnahme eines neuen Kunden nur wenige Minuten und koste wenige Franken. Für Kündigungen gelte Ähnliches. Werbung und Vermittlungsprovisionen kämen hinzu. Auch das Verhältnis zu den gesamten Verwaltungskosten spreche gegen die hohe Schätzung.
Doch was sagen die Krankenkassen selbst? Blick fragte bei den zehn grössten Versicherern nach. Neun nennen keine konkreten Zahlen.
CSS rechnet mit 101 Franken pro Wechsel
Nur die CSS legt die Karten offen. Die anderen Krankenkassen – darunter Helsana, Groupe Mutuel und Visana – verweisen auf die fehlende Datengrundlage. Sie betonen jedoch, dass «der administrative Aufwand branchenweit deutlich reduziert wurde» (Concordia) oder «die Kosten vernachlässigbar» (KPT) seien.
Die Zahlen der zweitgrössten Krankenkasse CSS liefern aber interessante Einblicke: Sie rechnet mit durchschnittlich 81 Franken pro Neuzugang und 20 Franken pro Kündigung. Ein vollständiger Kassenwechsel kostet damit 101 Franken – wenn beide beteiligten Versicherer so teuer arbeiten wie die CSS.
Für die CSS selbst ergibt sich daraus eine Millionenrechnung. Auf Anfang 2026 gewann sie 120'199 Versicherte und verlor 40'915. Multipliziert mit den jeweiligen Durchschnittskosten macht das rund 10,6 Millionen Franken.
Über die drei Wechselperioden von 2024 bis 2026 summieren sich die Kosten laut diesen Ansätzen auf rund 23,8 Millionen Franken. Die CSS relativiert: «Die Auswirkungen der Wechselkosten auf die Prämien sind verschwindend klein.»
Hochgerechnet fast 67 Millionen Franken
Was bedeutet das für die ganze Schweiz? Laut Branchenverband prio.swiss wechselten 2025 rund 663'000 Personen ihre Krankenkasse. Rechnet man für jeden Wechsel mit den 101 Franken der CSS, ergibt das knapp 67 Millionen Franken pro Jahr. Umgerechnet sind das rund 7.40 Franken pro versicherte Person.
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Allerdings ist die Zahl eine Hochrechnung, keine Branchenstatistik. Wie viel die Wechsel tatsächlich kosten, bleibt offen. Denn die Versicherer arbeiten unterschiedlich effizient.
Die KPT etwa beschäftigt keine Mitarbeitenden ausschliesslich für Krankenkassenwechsel. «Mehr als 50 Prozent der Kündigungen werden vollautomatisiert bewältigt, ein zusätzlicher Teil teilautomatisiert», erklärt der Versicherer.
1,7 Milliarden für die Verwaltung
Während die Wechselkosten im Dunkeln bleiben, kennt das BAG die gesamten Verwaltungskosten der Grundversicherung auf den Franken genau: 2025 waren es 1,733 Milliarden Franken. Davon entfielen 74,1 Millionen auf Werbung und rund 32,6 Millionen auf Provisionen.
Warum erfasst der Bund die Kosten der Kassenwechsel nicht gesondert? Das BAG antwortet: «Für eine separate Erfassung der administrativen Kosten von Versichererwechseln fehlt die gesetzliche Grundlage.»
Der Bund kontrolliert deshalb nur die gesamten Verwaltungskosten. Auch der Branchenverband prio.swiss erhebt keine Zahlen zu den Wechselkosten. Er betont allerdings, diese machten nur einen kleinen Teil der gesamten Verwaltungskosten aus.
Fest steht: Wer bis zum 30. November die Krankenkasse wechselt, kann Hunderte Franken sparen. Was das jährliche Wechselkarussell insgesamt kostet, weiss dagegen niemand. Nicht einmal der Bund, der mit seinem eigenen Prämienrechner zum Wechsel ermuntert.
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