The Daily Newsstand · Free, Always
Thursday, October 8, 2026

Mehr Alte, weniger Arbeitskräfte: Wie der demografische Wandel Deutschlands Städte und Regionen zu Gewinnern und Verlierern macht und woran das liegt

Translate

Wächst die Bevölkerung oder schrumpft sie? Nicht nur für Politiker ist die Antwort auf diese Frage von großem Interesse. Denn wo die Einwohnerzahl steigt, müssen Wohnungen, Schulen und Verkehr mitwachsen. Wo sie hingegen zurückgeht, müssen Infrastruktur und Daseinsvorsorge mit weniger Menschen funktionieren. 

Das klingt simpler, als es ist. Nur ein Beispiel von vielen: Rohrleitungen für Frisch- und Abwasser sind für bestimmte Durchflussmengen ausgelegt. Wenn deutlich weniger Wasser durch die Rohre fließt, bleibt Wasser länger in den Leitungen stehen. Darunter leidet die Wasserqualität, Keime können sich leichter vermehren, Leitungen müssen häufiger gespült werden. Ein Rückbau ist teuer.

Studie: Mehr Alte und weniger Menschen, die arbeiten

Insgesamt dürfte die Bevölkerung in Deutschland bis 2045 auf rund 81,8 Millionen Menschen abnehmen. Das wären 1,7 Millionen Menschen weniger als Ende 2025. Das hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in Zusammenarbeit mit der Wüstenrot-Stiftung in einer neuen Studie errechnet. Die gemeinnützige Wüstenrot Stiftung wurde 1990 von der Bausparkasse Wüstenrot gegründet. Sie fördert Forschung zu Wohnen, Stadtentwicklung und gesellschaftlichem Wandel.

Der Rückgang der Bevölkerung allein ist aber nicht das Problem. Folgenreicher ist, dass es immer mehr Rentner und weniger Erwerbstätige geben wird. Deren Zahl dürfte bis 2045 bundesweit um 4,7 Prozent schrumpfen. 

"Die Babyboomer gehen in Rente, deutlich kleinere Jahrgänge rücken nach, die Geburtenzahlen sinken und die Zuwanderung gleicht den wachsenden Sterbeüberschuss nicht aus", sagte Instituts-Präsidentin Catherina Hinz bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Babyboomer, so nennt man die in den 1960er Jahren Geborenen. In jedem Jahrgang gab es damals eine Million Geburten und mehr. Danach brach die Geburtenrate drastisch ein, sie halbierte sich praktisch. 

Die Wirtschaft zählt

Deutschland schrumpft also, aber - so der Befund - nicht überall gleich. Die Bundesrepublik ist föderal aufgebaut. Es gibt den Bund, die Bundesländer und die Kommunen. Die unterste Ebene ist in insgesamt 400 Landkreise und Städte aufgeteilt. Auf sie blickt die Studie mit einem Bewertungssystem, das 26 Indikatoren enthält. Darunter Demografie, Wirtschaft, Bildung und soziale Bedingungen. 

Das Ergebnis überrascht. "Vertraute Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd und Stadt und Land erzählen nur einen Teil der Geschichte", analysierte Hinz. Noch viel mehr als heute wird in Zukunft ausschlaggebend sein, wie wirtschaftlich attraktiv und dadurch auch finanziell gut aufgestellt eine Region ist. 

"Manche Regionen verlieren in den kommenden Jahren deutlich an Bevölkerung und Arbeitskräften, andere wachsen weiter. Selbst innerhalb des Ostens, des Südens und der ländlichen Räume vergrößert sich die demografische und wirtschaftliche Kluft", so Hinz. 

Die Politik muss jetzt handeln 

"Der demografische Wandel vollzieht sich jetzt vor unseren Augen und er ist überall spürbar", warnt die Instituts-Chefin. "Seine Folgen lassen sich abmildern, aber nicht mehr vermeiden und je länger wir warten, desto kleiner wird der Handlungsspielraum."

Grundsätzlich, so betonte Frederick Sixtus vom Berlin-Institut, gebe es fast überall mehr Sterbefälle als Geburten - eine Folge jahrzehntelanger geringer Geburtenraten. Die Konsequenz ist klar: Über die Bevölkerungsentwicklung einer Region entscheiden Zu- und Wegzüge. In den vergangenen Jahrzehnten wirkte die Zuwanderung aus dem Ausland immer wieder stabilisierend auf die demografische Entwicklung. Allein durch Migration lässt sich die Alterung der Gesellschaft inzwischen aber nicht mehr stoppen.

Um attraktiv für Zuwanderung sowohl aus dem Ausland als auch aus anderen Regionen Deutschlands zu sein, sind laut der Studie einige Voraussetzungen wichtig: Arbeitsplätze mit guten Bedingungen und Einkommen, ausreichend Arbeitskräfte für Unternehmen, finanziell gut ausgestattete Kommunen, Betreuungsmöglichkeiten für Familien mit Kindern und eine funktionierende Mobilität.

Berlin liegt vorne

Viele Großstädte dürften künftig weiter wachsen, sagte Manuel Slupina von der Wüstenrot-Stiftung. Spitzenreiter wird der Studie zufolge Berlin sein. In der deutschen Hauptstadt soll die Bevölkerungszahl um fast zehn Prozent zulegen. Doch auch Hamburg, Frankfurt am Main, München und Düsseldorf im Westen des Landes, sowie Leipzig, Dresden und Potsdam im Osten ziehen Menschen an.

Es gebe aber nicht flächendeckend die klassischen Unterschiede zwischen Stadt und Land, so die Autoren. Das Umland zahlreicher Großstädte dürfte ebenfalls wachsen. Während junge Menschen eher in die Metropolen ziehen, ziehen Familien mit Kindern eher ins Umland. Zu den Verlierern zählen auch viele westdeutsche Großstädte, etwa Bremen, Duisburg, Dortmund und Kaiserslautern. Sie sind wirtschaftlich immer weniger attraktiv. Ganz am Ende des Rankings befänden sich viele dünn besiedelte Gegenden in Deutschland, viele davon in Ostdeutschland.

Wettbewerb um Arbeitskräfte

Zwölf der 20 Kreise und kreisfreien Städte mit den schwächsten Gesamtbewertungen liegen in Ostdeutschland - bei der letzten Untersuchung im Jahr 2019 waren es noch fünf. Gerade dort sinkt die Zahl der erwerbsfähigen Menschen besonders stark, bis 2045 laut Studie um bis zu 18 Prozent. Der Wettbewerb um Arbeitskräfte werde daher zu einer zentralen demografischen Herausforderung, so die Autoren der Studie.

In diesem Wettbewerb werden den beiden süddeutschen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg die besten Chancen ausgerechnet. Bayern punktet vor allem mit einer vielerorts gut laufenden Wirtschaft und einem funktionierenden Arbeitsmarkt. Auch Frauen, Ältere und Menschen ohne deutschen Pass arbeiten in Bayern häufiger als anderswo. Das Ranking zeigt, dass wirtschaftlich erfolgreiche Regionen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen besser in den Arbeitsmarkt einbinden als schwächere Regionen.

Lösungen müssen regional gefunden werden

Für Manuel Slupina ergibt sich aus den Studienergebnissen viel politischer Handlungsbedarf. "Wieviel regionale Ungleichheit verträgt eigentlich der politische Anspruch gleichwertiger Lebensverhältnisse?", fragt er mit Blick auf das Grundgesetz. Laut Verfassung hat sich die Bundesrepublik das politische Ziel gesetzt, dass Menschen unabhängig von ihrem Wohnort vergleichbare Möglichkeiten, also die Chance auf ein gutes Leben haben sollen.

Die Wissenschaftler haben klare Empfehlungen an die Politik. Der Blick müsse auf die strukturellen Herausforderungen und die regionalen Unterschiede gelegt werden. "Was eine gute Antwort für eine wachsende Großstadt ist, muss nicht gleichzeitig auch gut für einen schrumpfenden ländlichen Kreis sein", sagt Slupina. Passgenaue Lösungen seien gefragt, dafür brauche es aber die richtigen Rahmenbedingungen. "Man braucht weniger starre Vorgaben, mehr gestalterischen Spielraum und auch finanzielle Möglichkeiten, gerade für die Kommunen vor Ort und für die Engagierten." Slupina fordert mehr Vertrauen in regionale Fähigkeiten.

Die Kommunen würden das sicherlich begrüßen. Bürgermeister und Landräte wünschen sich schon lange größere finanzielle Handlungsspielräume. Sie fordern aktuell, den kommunalen Anteil am gesamtstaatlichen Steueraufkommen zu erhöhen. Bund und Länder halten dagegen und verweisen auf ihre eigenen Haushaltsprobleme. Doch beiden Seiten ist klar, dass an einer Reform der föderalen Finanzen in Zukunft wohl kein Weg vorbeiführen wird.

View the original on DW Deutsch →

KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.