Flutkatastrophe im Himalaya: „Es fehlte ganz einfach ein Warnsystem“

Hätten die Menschen im Himalaja vor der Sturzflut gewarnt werden können? Ja, sagt der Physiker Jens Turowski. Er erklärt, wie ein solches System funktionieren könnte.
Foto: Tyrone Siu/reuters
taz: Vor Kurzem erschien zum Thema Frühwarnsysteme ein Heft des Helmholtz-Zentrums für Geoforschung. Ein Text sticht rückblickend heraus. Bebildert mit einem Foto eines nepalesischen Bergs, geht es um Sturzfluten und seismische Netzwerke. Kurz darauf kam es zur großen Sturzflut in Nepal. Hätten die Menschen vorgewarnt werden können?
Jens Turowski: Grundsätzlich ja. Es gibt Möglichkeiten, zu erkennen, wann und wo im Gebirge Gesteinsmassen ins Rutschen kommen. Durch den Klimawandel passiert das leider immer häufiger. Zum Beispiel tauen Permafrostböden, also permanent gefrorene Böden, in großen Höhenlagen auf und bewegen sich.
Im Interview: Jens Turowski
geboren 1978 in Aachen, studierte bis 2003 „Experimentelle und Theoretische Physik“ an der Universität Cambridge, Großbritannien. Heute ist er Physiker am GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam und erforscht Naturgefahrenprozesse und Frühwarnsysteme.
Im konkreten Fall aber gab es keine Chance, die Menschen systematisch zu warnen, obwohl wir die Energie des Bergsturzes noch hier in Deutschland messen konnten: Es fehlte ganz einfach ein Warnsystem. Was es wohl gab – das kennen wir aber nur aus Medien – sind Textnachrichten, die von Überlebenden weiter oben nach unten ins Tal geschickt wurden.
taz: Gibt es denn Beispiele für erfolgreiche Frühwarnungen?
Turowski: Im Schweizer Dorf Brienz zeigten 2023 die Messsysteme an, dass sich die Geschwindigkeit der Geröllbewegungen am Piz Linard sehr stark beschleunigte, weshalb die Gemeinde Anfang Mai evakuiert wurde. Sieben Wochen später rutschte das Geröll ab und erreichte den Dorfrand.
taz: So viel Zeit gab es jetzt in Nepal nicht.
Turowski: Das stimmt. Nach einem Bergsturz entstand eine gewaltige Flutwelle, die nach acht bis zehn Minuten den chinesisch-nepalesischen Grenzübergang mit sich riss.
taz: Gibt es trotzdem Möglichkeiten zur Vorwarnung?
Turowski: Die Flutwelle pflanzte sich im Tal des Trisuli 170 Kilometer flussabwärts fort, mit tödlichen Schäden mehr als 80 Kilometer unter ihrem Ausgangspunkt. Dort wären teilweise mehrere Stunden Zeit gewesen, die Menschen zu warnen.
taz: Was ist für Warnsysteme bei solchen Ereignissen nötig?
Turowski: Wir müssen zunächst verschiedene Methoden auseinanderhalten: In Brienz oder auch zwei Jahre später beim Bergsturz in Blatten in den Walliser Alpen gab es teilweise jahrzehntelange Beobachtungen der instabilen Gebiete mit lokalen Messsystemen. Der Himalaja ist aber so groß, dass dort solche Messsysteme wie ein Tropfen auf dem heißen Stein sind. Wir arbeiten in unserem Ansatz deshalb mit seismischen Wellen im Boden.
taz: Wie bei Erdbebenwarnungen?
Turowski: Im Prinzip ja. Solche Wellen sind mehr als 1.500 Kilometer pro Stunde schnell und zeigen uns an, dass etwas passiert. Die Kunst dabei ist, herauszufinden, was da wo passiert.
taz: Inwiefern?
Turowski: Solche Wellen entstehen auch, wenn ein Haus gesprengt oder eine Talsperre abgelassen wird. Selbst wenn ein Traktor sehr nah an einer seismischen Messstelle vorbeifährt, entstehen sie. Wir nennen das „Nebengeräusche“. Sie müssen herausgefiltert werden.
taz: Wie kann das gelingen?
Turowski: Seismische Wellen haben unterschiedliche Charaktere. Erdbeben zum Beispiel lassen sich ganz eindeutig erkennen, was für die Frühwarnung bei solchen Ereignissen hilfreich ist – ein scharfer Anstieg der Amplitude, die danach in einer typischen dreieckigen Form abfällt. Eine Sturzflut an der Oberfläche verursacht dagegen eine lange, flache Amplitude, eher zigarrenförmig.
taz: So eindeutig sind die Muster?
Turowski: Kommt darauf an. Erdbeben sind ziemlich einfach zu erkennen. Auch große Explosionen haben eine eindeutige Signatur. Deshalb kann die Internationale Atomenergie-Organisation die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrages auch mit der Auswertung von seismischen Daten überwachen. Es ist jedoch deutlich schwieriger, ein Hochwasser zum Beispiel von menschengemachten Geräuschen zu unterscheiden. Wir benutzen Daten von gut dokumentierten Ereignissen, um einen Erkennungsalgorithmus mit maschinellem Lernen zu trainieren. In einem zweiten Schritt müsste ein Ereignis dann lokalisiert werden.
taz: Wie viel Zeit braucht Ihre Forschung noch, bis die Antwort zuverlässig ist?
Turowski: Wissenschaftlich verstehen wir, was zu tun ist. Es müsste aber in die Forschung investiert werden, damit wir vorankommen. Mein Kollege Niels Hovius schätzt, dass man für etwa 10 Millionen Euro binnen zwei bis drei Jahren ein einsatzfähiges System in Nepal aufbauen könnte. Bisher wurde dieses Geld noch nicht investiert.
taz: Wenn Sie die notwendigen Ergebnisse haben, wären Warnungen gegen solche Ereignisse möglich?
Turowski: Vom wissenschaftlichen Standpunkt her könnte das gehen. Neben der Optimierung der Systeme gibt es aber noch weitere offene Fragen. Zum Beispiel, ab welchem Grenzwert ein Alarm ausgelöst wird. Das ist ein politischer Aushandlungsprozess: Setzen wir einen niedrigen Grenzwert an, wird sehr oft Fehlalarm ausgelöst, was Misstrauen in das System mit sich bringt.
Ist der Schwellenwert zu hoch, kann sich ein Warnsystem als ineffizient erweisen, weil die Gefahr nicht erkannt wurde. Ab diesem Punkt beginnt auch das „Problem der letzten Meile“: Wie alarmiert man die Menschen? Durch Sirenen? Per App? Zudem muss es ein klares Ablaufprinzip für den Fall einer Warnung geben. Fehlt es, helfen auch die Warnungen nicht, wie die Flut im Ahrtal 2021 gezeigt hat.
taz: Inwiefern?
Turowski: Damals gab es sowohl vom Wetterdienst als auch vom Europäischen Flutwarnsystem Efas Vorwarnungen über die Regenmassen. Was im Ahrtal fehlte, waren klare Verantwortungen und Einsatzpläne, etwa Antworten auf die Frage, ab welchen Regenmengen das Tal oder einzelne Siedlungen hätten evakuiert werden müssen. Die Warnung war da, aber sie kam entweder gar nicht oder zu spät bei den Menschen an oder es war häufig unklar, was zu tun war.
taz: Zurück zu Nepal: Ist die Regierung denn an den Forschungen des Potsdamer Helmholtz-Zentrums interessiert?
Turowski: Sehr sogar. Sturzfluten sind am Südhang des Himalajas ja keine Seltenheit, werden von den hiesigen Medien aber kaum beachtet. Im Juli vorigen Jahres gab es im selben Tal beispielsweise eine ähnlich katastrophale Flut mit mindestens neun Toten. Einiges von dem, was damals zerstört wurde, war gerade wieder aufgebaut worden – etwa die Straße zum Grenzposten. Wie schwerwiegend solche Ereignisse für das Land sind, zeigt der Grenzübergang nach China, zu dem es jetzt im Tal des Trisuli nicht mal mehr eine Straße gibt: Fast ein Drittel des Handels mit China lief über diese Strecke.
taz: Was wäre Voraussetzung für ein flächendeckendes Frühwarnsystem?
Turowski: Neben einem Durchbruch in der seismischen Forschung ein Ausbau des Messsystems: Wegen der großen Erdbebengefahr gibt es zwar schon etliche seismische Stationen in Nepal, um aber auch vor kleinteiligen Ereignissen wie Bergstürzen warnen zu können, sind 80 bis 100 weitere notwendig.
taz: Was kostet das und wer sollte das bezahlen?
Turowski: Eine Station ist schon ab 15.000 Euro zu haben, nicht sehr viel, wenn man bedenkt, dass allein die Schäden dieser Flutwelle auf 4 Milliarden Euro taxiert werden. 100 Stationen kosten dann etwa 1,5 Millionen Euro. Dazu kommen Kosten für den Aufbau des Netzwerkes, ein Rechen- und Warnzentrum, Ausbildung von Experten, die notwendige weitere Forschung und Entwicklung und langfristig Wartung und Personalkosten.
taz: Und so wäre Nepal dann sicher?
Turowski: Auf jeden Fall sicherer. Unser System muss noch unter operationellen Bedingungen erprobt werden und ein Restrisiko bleibt immer. Das Problem der letzten Meile muss auch noch gelöst werden.
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