65. Jahrestag des Anwerbeabkommens: Hört ihnen zu!

Kritik an Erinnerungskultur ist in Deutschland weiterhin nötig. Denn Sichtbarkeit löst weder Denkmuster auf noch verhindert sie Rassismus.
D eutschland erinnert sich an seine Gastarbeiter. An Hände, die in Fabriken arbeiteten. An Schichten, die den wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichten. An Menschen, die ihre Familien nachholten und aus einem als vorübergehend geplanten Aufenthalt ein Leben machten.
All das ist Teil der deutschen Nachkriegserzählung. Doch diese Anerkennung hat Grenzen: Deutschland würdigt, was die Arbeitsmigranten für das Land geleistet haben, doch ignoriert dabei, welche Geschichten sie mitbrachten.
Am 30. Oktober 1961 schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen. Es war eines von mehreren, mit denen seit 1955 Arbeitskräfte aus anderen Ländern angeworben wurden. Die wirtschaftliche Nachfrage definierte die Politik, nicht die Vorstellung von Einwanderern, die bleiben. Menschen sollten arbeiten, jedoch möglichst nicht bleiben. Dass sie sich in Deutschland eine Zukunft aufbauten und ihre Familien nachholten, widersprach der politischen Idee, auf der die Anwerbung beruhte.
Die Menschen, die kamen, waren nie bloß Arbeitskräfte. Sie hatten eigene Sprachen und brachten politische Erfahrungen, gesellschaftliche Konflikte und eigene Vorstellungen von Zugehörigkeit mit. In den Augen vieler Deutscher verschwanden diese Unterschiede hinter nationalen Herkunftsbezeichnungen. Was als administrative Vereinfachung begann, prägte später auch die Erinnerung daran, wer diese Menschen waren.
Er wollte Möglichkeiten bieten, die er selbst nie hatte
Mein Vater war Kurde. Er arbeitete als Stahlarbeiter im Werk von Mannesmann. Er holte seine Familie nach Deutschland nach, um seinen Kindern die Möglichkeiten bieten zu können, die ihm selbst verwehrt geblieben waren. Er selbst hatte nur vier Jahre die Schule besucht. Grund dafür waren die Bildungschancen vor Ort, intelligent genug für mehr Bildung wäre er gewesen. Deutsche erklärten ihm, dass es doch keine Unterschiede zwischen Kurden und Türken gebe. Parallel dazu wurde er von türkischen Kollegen angefeindet, erlebte antikurdischen Rassismus.
Als ich als kleines Mädchen mit meiner Mutter im Park war, geriet sie immer wieder in eine Situation, die ich damals nicht verstand. Andere Mütter fragen sie, weshalb sie mit ihren Kindern kurdisch sprach. Sie erklärte sich auf Türkisch, war verlegen und wütend. Sie musste sich dafür rechtfertigen, dass sie mit ihren Kindern kurdisch sprach. Doch das verstand ich erst viele Jahre später. Der antikurdische Rassismus, den mein Vater auf der Arbeit erlebte, setzte sich für meine Mutter im Alltag, im Park, fort.
Mein Vater besaß die türkische Staatsangehörigkeit, doch seine Identität war kurdisch. Diese Unterscheidung war keine Nebensache.
Die politischen Konflikte bleiben bestehen
Die Geschichte des türkischen Nationalstaats ist eine der Vertreibung und Verleugnung kurdischer Eigenständigkeit, der Unterdrückung kurdischer Sprache und Kultur, der gewaltsamen Niederschlagung von Aufständen, der Massenmorde von Dersim, Bingöl, Diyarbakır – die Liste ist lang. Es ist zudem die Geschichte von Enteignung, kultureller Aneignung und Assimilation. Die politischen Konflikte, vor denen Menschen flohen oder die sie mitbrachten, endeten nicht, als sie Landesgrenzen überschritten.
Dass kurdische Geschichte in Deutschland heute sichtbarer ist, liegt am politischen und kulturellen Engagement der kurdischen Community. Jahrzehntelang haben Menschen Organisationen aufgebaut, protestiert, Kunst geschaffen und immer wieder ihre Geschichte erzählt. Die Kämpfe gegen den sogenannten islamischen Staat und die internationale Aufmerksamkeit für Rojava haben diese Sichtbarkeit verstärkt.
Das führte dazu, dass kurdische Geschichte nicht einfach nachträglich in ein breites fertiges deutsches Erinnerungsbild aufgenommen wurde. Die Menschen, die sie sichtbar machten, haben dieses Bild selbst definiert.
Bild: privat
ist 1983 in Duisburg geboren und in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Sie ist Theaterregisseurin und Autorin und studierte Schauspielregie an der Folkwang Universität der Künste. 2017 erhielt sie für ihre Inszenierung „Charlotte Salomon – Leben oder Theater?“ den Götz-Friedrich-Preis.
Doch gesellschaftliche Sichtbarkeit löst nicht automatisch politische Deutungsmuster auf. Deshalb muss sich die Kritik an der deutschen Erinnerungskultur einer weiteren Frage stellen: Was geschieht, wenn innerhalb migrantischer Gemeinschaften nationale Geschichtsbilder bestehen bleiben, die anderen ihre Eigenständigkeit absprechen?
Menschen als mehr als nur ihre Funktion wahrnehmen
Die Geschichte der Arbeitsmigration ist weder allein eine deutsche Erfolgsgeschichte noch ausschließlich eine Geschichte von Rassismus und Ausgrenzung. Sie umschließt auch politische Auseinandersetzungen und gesellschaftliche Selbstbehauptung. Die Menschen, die nach Deutschland kamen, waren nicht bloß Teil einer wirtschaftlichen Entwicklung. Sie brachten eigene Geschichten, Konflikte und Vorstellungen davon mit, wie Gesellschaft sein sollte. Diese Erfahrungen sollten nicht aus dem Diskurs verdrängt werden.
Zum 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens ist seitens Deutschlands also mehr nötig. Er reicht nicht, lediglich die Leistungen der Gastarbeiter zu würdigen. Das Land muss sich damit auseinandersetzen, weshalb so lange Menschen auf ihre Herkunft reduziert wurden, während ihre vielfältigen Geschichten ausgeblendet blieben.
Eine Erinnerungskultur, die ausschließlich die Arbeitsleistung anerkennt, übernimmt ungewollt Perspektiven aus der Zeit, in der die Anwerbung einst organisiert wurde: Menschen werden nur als Arbeiter, in ihrer Funktion in dem Land, in dem sie arbeiten, wahrgenommen.
Die Geschichte der Gastarbeiter kann folglich weder nur aus deutscher noch nur aus türkischer Perspektive erzählt werden. Wer Gastarbeiter und ihre Familien als Teil einer nationalen Erfolgsgeschichte erwähnt, muss bereit sein, die Perspektiven aller Beteiligten zusammenzubringen. Denn eine Gesellschaft verändert ihren Blick auf die Vergangenheit nicht dadurch, dass sie einfach neue Menschen in ihre Erzählung einfügt. Sie verändert sie erst dann, wenn sie zulässt, dass deren Erfahrungen ins Narrativ mit einfließen.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.