Proteste junger Menschen: Ein Generationenkonflikt?
Was macht die Dauerkrise mit der Gen Z?
24.10.2026 | 6:03 minWeltweit gehen junge Menschen auf die Straße, um unter anderem gegen steigende Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot, Missstände im Bildungswesen und Korruption zu protestieren.
Auch in Deutschland haben Initiativen zu Protesten mobilisiert. Doch was treibt die junge Generation an, und was sagt ihr Widerstand über das Verhältnis zwischen Jung und Alt aus?
Hypothese: Konflikt zwischen den Generationen
Über die aktuellen Proteste könne man erst einmal nur Hypothesen aufstellen, sagen die beiden Psychoanalytiker und Wissenschaftler Cécile Loetz und Jakob Müller. Bisher wisse man noch nicht so viel darüber, da sie sich noch formierten. Es gebe unterschiedliche soziale und ökonomische Faktoren, denn die Protestierenden selbst seien keine einheitliche Gruppe.
In gesellschaftlichen Konflikten würden nach psychoanalytischer Auffassung aber immer auch Generationenkonflikte ausgetragen. Zwischen der jüngeren und der älteren Generation bestehe auch immer ein Abhängigkeitsverhältnis.
An den aktuellen Protesten in Europa nehmen viele junge Menschen teil. Welche Themen bewegen die deutsche Jugend? Protestforscher Florian Staudt und Kabarettist Christoph Sieber im Gespräch.
27.10.2026 | 6:38 minÄltere hätten tendenziell eher Machtpositionen in Institutionen inne. "Sie gestalten zunächst die Welt, in die die Jüngeren hineinwachsen, ihre Zukunft finden und ihr Leben gestalten müssen", erklären die Psychoanalytiker.
Doch irgendwann müssten die Jüngeren die Älteren "vom Thron stoßen" - selbst Verantwortung für die Gestaltung der Welt übernehmen - und kritisch prüfen, "was sie vom Bestehenden übernehmen und was verwerfen möchten".
In vielen Ländern Europas gehen gerade junge Menschen auf die Straße. Meistens bleibt es dabei friedlich, mancherorts kommt es aber auch zu Gewalt und Plünderungen.
22.10.2026 | 39:50 minGenerationenkonflikte können Gesellschaft verjüngen
Das geschehe durch Konflikte, denn hier würden teils unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Den gelungenen Prozess des Übergangs von älterer zu jüngerer Generation nenne man in der Psychoanalyse "Generativität". Durch Generativität verjünge sich die Gesellschaft und ihre Institutionen, während beide profitierten:
Die Älteren machen die Erfahrung, dass etwas von ihrer Lebensleistung bewahrt wird und weiterexistiert, die Jüngeren, dass sie ihre Welt selbst gestalten können.
Cécile Loetz und Jakob Müller
"Wir leben vielleicht in einer Gesellschaft, in der diese Generativität zunehmend ins Stocken gerät", beobachten die Psychoanalytiker. "Eine Generation, die selbst von gesellschaftlichem Aufstieg, bezahlbarem Wohnraum und einem funktionierenden Bildungssystem profitiert hat, müsste eigentlich dafür sorgen, dass auch die nächste Generation diese Möglichkeiten vorfindet", so Loetz und Müller.
Stattdessen würden viele junge Menschen erleben, "dass sie trotz großer Anstrengungen schlechtere Zukunftsaussichten haben".
Cécile Loetz und Jakob Müller sind Psychoanalytiker, Psychotherapeuten und Wissenschaftler. In ihrem Podcast "Rätsel des Unbewussten" beleuchten sie regelmäßig psychologische Phänomene und veranschaulichen diese anhand von Fallbeispielen aus der psychotherapeutischen Praxis. Jakob Müller ist u. a. wissenschaftlich am Universitätsklinikum Heidelberg und am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden tätig. Cécile Loetz arbeitet in eigener psychotherapeutischer Praxis.
Unausgesprochener Bruch des Generationenvertrags
"Dass sich zu Beginn des letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs mit Joe Biden und Donald Trump zwei Männer gegenüberstanden, die beide um die 80 Jahre alt waren, hat durchaus etwas Symbolisches."
Wenn junge Menschen das Gefühl hätten, dass ihnen auch die Möglichkeit vorenthalten werde, die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu verändern, könne das als "ein Bruch des unausgesprochenen Generationenvertrags" erlebt werden, erklären die Psychoanalytiker.
Ihr Protest richtet sich dann nicht nur gegen einzelne politische Entscheidungen, sondern auch gegen die Erfahrung, dass ihnen eine Zukunft hinterlassen wird, über deren Gestaltung sie selbst kaum mitbestimmen können.
Cécile Loetz und Jakob Müller
In der kleinsten Gemeinde im Saarland lernen junge Menschen Demokratie. Im Jugendbeirat Oberthal haben sie die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen und bei Veränderungen mitzuwirken.
20.10.2026 | 1:49 minKindliche Rolle hinter sich lassen
Die jüngere Generation trage den Psychoanalytikern zufolge aber auch Verantwortung. "Sie muss aus der kindlichen Rolle kommen", sagen Loetz und Müller. Das bedeute, nicht nur wütend etwas von den Älteren einzufordern oder auf den Elternteil zu hoffen, "der endlich alles richtet". Jüngere müssten die eigenen Verhältnisse selbst in die Hand nehmen, selbst Ideen entwickeln und durchsetzen, erklären die beiden Psychotherapeuten.
Dabei dürfen sie nicht in einen frustrierten Rückzug gehen, sondern müssen diese Auseinandersetzung annehmen.
Loetz und Müller, Psychoanalytiker
Erscheine die Zukunft allerdings "so blockiert und vermauert, dass Ohnmachtsgefühle entstehen", könne genau das schwierig werden: Die Jüngeren glauben dann möglicherweise nicht mehr daran, selbst etwas verändern zu können.
Eine Woche nach den Massenprotesten sind in Frankreich erneut hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen. Laut Innenminister Nuñez kam es am Rande der Protestzüge erneut zu Ausschreitungen.
25.10.2026 | 1:48 minOhnmachtsgefühle können sich gewaltsam entladen
Lange aufgestaute Wut, Erfahrungen von Demütigung und Ohnmacht, vielleicht auch Hass und Rachebedürfnisse, könnten sich im Zuge von Protesten gewaltsam entladen, sagen Loetz und Müller.
Scheine die gewohnte gesellschaftliche Ordnung im Zuge von Unruhen vorübergehend außer Kraft gesetzt zu sein, könnten Hemmungen fallen. In der Gruppe könnte sich diese Dynamik noch verstärken. "Gewalt kann dann auch etwas von einer nachträglichen Vergeltung bekommen", erklären die Psychoanalytiker.
In solchen Momenten werde nicht mehr unbedingt zwischen denen unterschieden, von denen man sich tatsächlich ungerecht behandelt fühle, und denen, die zufällig zum Ziel der Aggression werden.
Das Ergebnis sei den Wissenschaftlern zufolge eine "sehr destruktive Dynamik":
Die etablierte Gesellschaft reagiert dann mit Angst und dem Wunsch nach stärkerer Repression - woraufhin die Betroffenen sich nur noch mehr unterdrückt fühlen.
Cécile Loetz und Jakob Müller
Über dieses Thema berichtete heute in Deutschland am 30.10.2026 ab 14:00 Uhr.
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