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Friday, September 11, 2026

Wer muss wie viel sparen im Gesundheitswesen?

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Eine Krankenpflegerin und ein Krankenpfleger schieben ein Krankenbett durch den Gang einer Station eines Krankenhauses.

Reform der Krankenversicherung Wer muss wie viel sparen im Gesundheitswesen?

Stand: 10.09.2026 • 14:06 Uhr

Heute berät der Bundestag über den Gesundheits-Etat. Bei Kliniken, Arzneien oder auch Psychotherapeuten sollen nach dem Willen der Regierung Milliarden eingespart werden. Wen trifft es am härtesten?

Von Petra Boberg, hr

Mit der Finanzreform in der Gesetzlichen Krankenversicherung will die Bundesregierung alleine im kommenden Jahr mehr als 16 Milliarden Euro einsparen - indem die Einnahmen erhöht und die Ausgaben gesenkt werden. Wie sind die Lasten genau verteilt?

Eine exklusive Berechnung des Gesundheitsökonomen Afschin Gandjour für den Hessischen Rundfunk kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Gemessen an ihren jeweiligen Ausgaben liegen die Einsparungen der großen Bereiche des Gesundheitswesens relativ nah beieinander. Sie bewegen sich zwischen 3,7 und 5,2 Prozent.

Gandjour, Gesundheitsökonom der Frankfurt School of Finance & Management, setzt die geplanten Minderausgaben für 2027 ins Verhältnis zu den jeweiligen Ausgaben der einzelnen Bereiche. So lassen sich die Belastungen vergleichen, obwohl die Sektoren unterschiedlich groß sind. "Man setzt das, was jetzt gekürzt wird, in Relation zu dem, was bisher ausgegeben wurde", sagt Gandjour. Die Belastungen liegen demzufolge "tatsächlich etwa zwischen vier und fünf Prozent".

Sektoren des Gesundheitswesens im Vergleich
Bereich Einsparungen. gemessen an jeweiligen Ausgaben
Psychotherapie rund 5,2 Prozent
Ambulante Versorgung insgesamt rund 5,0 Prozent
Pharmaindustrie rund 4,2 Prozent
Krankenhäuser rund 3,7 Prozent

Quelle: Afschin Gandjour von der Frankfurt School of Finance & Management.

Bei der Psychotherapie ist die Berechnung mit Unsicherheiten verbunden. Neben den im Gesetz ausgewiesenen Einsparungen berücksichtigt der Gesundheitsökonom auch mögliche zusätzliche Effekte durch geplante Budgetierung.

Vergleichbare Sparquoten, unterschiedliche Folgen

Die Berechnung zeigt: Gemessen an ihrer jeweiligen Größe wird kein großer Bereich des Gesundheitswesens deutlich stärker belastet als der andere. Die Regierung habe immer mit fairer Lastenverteilung argumentiert und das mehr oder weniger umgesetzt. Die Unterschiede liegen vielmehr bei den möglichen Folgen. "Wenn Sie nicht die Ineffizienzen angehen und pauschal vier bis fünf Prozent kürzen, müssen Sie mit negativen Folgen rechnen", sagt Gandjour. Die Frage ist also nicht nur, wer wie viel spart, sondern auch was durch die Einsparung passiert. Besonders deutlich wird das bei der Psychotherapie. Künftig sollen psychotherapeutische Leistungen stärker budgetiert werden.

Andrea Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, befürchtet deshalb, dass für gesetzlich Versicherte weniger Therapieplätze angeboten werden könnten. Nach den Hausärzten stellen die Psychotherapeuten die zweitgrößte Fachgruppe der ambulanten Versorgung. Deren Zahl ist seit 2013 um 64 Prozent auf knapp 42.000 gestiegen. Trotzdem warten Betroffene häufig monatelang auf einen Therapieplatz. Winter befürchtet, dass sich die Situation durch die Reform weiter verschärfen könnten. Menschen ohne zeitnahe Behandlung würden sich verstärkt an Hausärzte, Psychiater oder Kliniken wenden. "Psychisch kranke Menschen sitzen ja nicht zu Hause und warten, sondern die wandern durch das System."

Pharmaindustrie fürchtet Folgen für Forschung und Innovation

Auch die Pharmaindustrie kritisiert die Reform. Besonders Hersteller patentgeschützter Arzneimittel sind betroffen. Der gesetzliche Herstellerabschlag steigt von bisher sieben auf 15,5 Prozent. Das bedeutet: Die Hersteller müssen künftig einen deutlich höheren Anteil des Preises beziehungsweise der Erstattung eines betroffenen Arzneimittels an die Krankenkassen abführen.

Heidrun Irschik-Hadjieff, Vorsitzende der Geschäftsführung von Sanofi Deutschland, spricht von einem "krassen Einschnitt in die pharmazeutische Forschung und Entwicklung". Sie befürchtet, dass Unternehmen Investitionen und die Einführung neuer Medikamente stärker an den jeweiligen Rahmenbedingungen ausrichten könnten. Die Entwicklung eines neuen patentgeschützten Arzneimittels sei aufwendig. Sanofi investiert nach eigenen Angaben 15 Prozent des jährlichen Umsatzes in Forschung und Entwicklung. In Hessen investiert der französische Konzern rund 1,3 Milliarden in eine neue Insulinproduktionsanlage.

Irschik-Hadjieff warnt zudem vor einer bereits bestehenden Innovationslücke: "Jedes dritte Medikament, das in den USA zugelassen ist, kann man in Deutschland Patienten und Patientinnen aktuell nicht zur Verfügung stellen." Mit dem neuen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sei davon auszugehen, dass diese Lücke größer werde. Auch klinische Studien könnten künftig verstärkt in anderen Ländern stattfinden.

Bundesregierung hält Reform für ausgewogen

Auf Nachfrage weist das Bundesgesundheitsministerium die Kritik jedoch teilweise zurück. Mit dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz sei ein "ausgewogenes Paket" geschnürt worden. Leistungserbringer, Arzneimittelhersteller, Arbeitgeber und Versicherte würden gleichermaßen einbezogen. Ziel sei es, kurzfristig weitere Beitragserhöhungen zu verhindern und die gesetzlich Versicherten zu entlasten.

Zugleich verweist das Ministerium darauf, dass die Reform nicht das Ende des Prozesses sei. Neben dem Spargesetz arbeite die Bundesregierung bereits an weiteren Strukturreformen im Gesundheitswesen. Die Finanzkommission Gesundheit solle bis Ende 2026 Vorschläge vorlegen.

Nachschärfen bei Psychotherapie und Pharmabranche?

Auch die Sorgen der Psychotherapeuten sieht das Ministerium nach eigener Darstellung. Der Bundestag habe parallel einen Entschließungsantrag beschlossen, mit dem Einschränkungen in der Versorgung psychisch kranker Menschen verhindert und eine kontinuierliche psychotherapeutische Versorgung sichergestellt werden sollen.

Für die Pharmaindustrie sollen möglichen Ausnahmen vom zusätzlichen Herstellerabschlag noch einmal geprüft werden. Eine Kommission mit Vertretern aus Wissenschaft, Industrie, Gewerkschaften und Politik soll Vorschläge erarbeiten, wie Investitionen in Deutschland künftig stärker berücksichtigt werden können. Auch steuerliche, regulatorische und strukturelle Anreize für Forschung und Entwicklung würden derzeit geprüft.

Pauschale Einsparungen ökonomisch sinnvoll?

Die Berechnungen des Gesundheitsökonom Afschin Gandjour zeigen: Gemessen an den jeweiligen Ausgaben werden die großen Bereiche des Gesundheitswesens tatsächlich ähnlich stark belastet. Ob die Lasten auch bei den Folgen fair verteilt sind? Gandjour sagt, die Reform sei zwar gerecht, aber nicht unbedingt ökonomisch sinnvoll. Statt pauschaler Einsparungen in nahezu allen Gesundheitswesen hätte die Politik aus seiner Sicht stärker untersuchen müssen, wo tatsächlich Ineffizienzen bestehen.

Sehr viel Geld sei in den vergangenen Jahren in entsprechende Forschung zu möglichen Einsparungen im Gesundheitswesen investiert worden. Aus seiner Sicht sind die daraus gewonnenen Erkenntnisse bislang nur unzureichend in das Gesetz eingeflossen.

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