Sozialer Protest in Frankreich: Diagonale des Frusts

Die Unruhen und die Gewalt in Frankreich haben eine Vorgeschichte der Missachtung. Die Republik muss ihre eigenen Werte wieder respektieren.
S ie heißen Arthur, Joseph oder Soukeyna. Sie studieren Mathematik, Politik oder gehen noch aufs Gymnasium. Alle drei waren am vergangenen Wochenende auf der Straße. Nicht, um zu randalieren. Sondern um für bessere Bedingungen an ihren Schulen und Universitäten zu demonstrieren. Die Gewalt, die die Kundgebungen vielerorts überlagerte, lehnen sie ab. Aber mit ihren Protesten wollen sie trotzdem weitermachen. Und das ist auch gut so.
Der Aufstand der Jugendlichen richtet sich nicht nur gegen kaputte Klos und den Mangel an Lehrkräften. Hinter ihm steht die Frage, was die Republik ihren jungen Leuten überhaupt noch zu bieten hat. Ob das Versprechen der Gleichheit überhaupt noch gilt. Zwar stehen „Liberté, Égalité, Fraternité“ in Frankreich über jedem Schultor. Doch gerade im Bildungsbereich sind diese Werte kaum noch zu finden. Das sieht jeder, der sich in den Banlieues umschaut. Die Hochhaussiedlungen, die am Rand der Großstädte hochgezogen wurden, gleichen Ghettos. In den Klassenzimmern bröckelt der Putz.
Studien zeigen, dass Bewerbungen mit nicht französisch klingenden Namen oder Adressen in den Problemvorstädten deutlich häufiger aussortiert werden. Besonders spürbar wird die Diskriminierung bei Polizeikontrollen: Schwarze oder arabisch aussehende junge Männer haben laut dem französischen Bürgerrechtsbeauftragten innerhalb von fünf Jahren ein viermal so hohes Risiko, kontrolliert zu werden, wie Weiße. Das Risiko, durchsucht oder auf die Polizeiwache mitgenommen zu werden, ist sogar zwölfmal so hoch.
Wer von Gleichheit spricht, kann nicht hinnehmen, dass die Hautfarbe darüber entscheidet, wie junge Menschen behandelt werden. Die Jugendlichen aus der Vorstadt sind meist seit drei Generationen Franzosen. Doch akzeptiert werden sie bis heute nicht als solche.
In diesem Kontext ist auch die Empörung über den Tod des 17-jährigen Nahel zu verstehen, der 2023 von einem Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurde. Auch damals randalierten die Jugendlichen nächtelang, plünderten Läden und zerstörten öffentliche Einrichtungen. Die Bilder brennender Autos erinnerten an die Vorstadtunruhen des Jahres 2005.
Schon damals hatte Präsident Jacques Chirac die Diskriminierung der Vorstadtjugend angeprangert. „Wir werden nichts Dauerhaftes schaffen, wenn wir nicht dieses Gift der Diskriminierung bekämpfen“, mahnte er in einer Rede, die nichts an Aktualität verloren hat. Vor allem, weil Chirac die Randalierer als Französinnen und Franzosen sah, ohne Abstriche. „Ich möchte den Kindern der Problemviertel sagen, dass sie, egal welche Herkunft sie haben, Söhne und Töchter der Republik sind“.
Wer so regiert, darf sich nicht wundern, wenn eine Generation das Vertrauen verliert
Ein solches Bekenntnis wäre heute dringend nötig. Stattdessen machen Rechtsextreme wie Éric Zemmour „Horden von Barbaren aus dem Maghreb und Afrika“ für die Ausschreitungen verantwortlich. Marine Le Pen, die derzeit alle Umfragen zur Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr anführt, geißelt eine „anarchische Einwanderung“. Dabei zeigt sich bei den ersten Schnellverfahren, dass das Bild gemischt ist. Der Justizminister selbst sagte nun: „Es gibt alles … Menschen mit Migrationshintergund, Ausländer, aber auch Menschen, die vollkommen integriert sind, die Franzosen sind.“
Den Schülerinnen und Schülern aus der Banlieue haben sich inzwischen viele Altersgenossinnen und -genossen aus den besseren Vierteln der Großstädte angeschlossen. Diese Solidarität ist neu. Sie zeigt, dass ein genereller Unmut die 18- bis 25-Jährigen erfasst. Egal ob in Neuilly oder Saint-Denis: Sie finden keine bezahlbaren Wohnungen, schlagen sich mit Zeitverträgen durch und sorgen sich ums Klima. Gemeinsam sind sie gegen „La France à Macron“, wie es auf ihren Plakaten heißt. Also ein Frankreich, in dem Politik von oben gemacht wird und die Sorgen der Menschen nur wenig zählen.
ist freie Journalistin in Paris und schreibt seit vielen Jahren auch für die taz.
Der herablassende Rat des Präsidenten, nur die Straße zu überqueren, um einen Job zu finden, blieb vielen jungen Leuten im Gedächtnis haften. Wer so regiert, darf sich nicht wundern, wenn eine Generation das Vertrauen verliert.
Wie weit die Missachtung reicht, erleben die jungen Leute derzeit hautnah: Die Regierung wirft der Linksaußenpartei La France insoumise vor, die Proteste zu steuern. Eine solche Zuschreibung ist einfacher, als sich mit den Problemen der Jugendlichen zu beschäftigen. Der Premierminister hat die Vertreterinnen und Vertreter der Schülergewerkschaften bis heute nicht empfangen. Kein Wunder, dass viele Jugendliche das Gefühl haben, erst ernst genommen zu werden, wenn sie Gewalt anwenden.
Kein Vertrauen in die Institutionen
Laut einer Umfrage des Instituts Ipsos vom Sommer glaubt nur ein Viertel der 18- bis 29-Jährigen, dass die Politik ihre Anliegen versteht. Vier Fünftel sind der Ansicht, dass die politischen Verantwortlichen ihre Zukunft schlecht vorbereiten. „Diese Jugend erkennt sich in unseren Institutionen nicht mehr wieder, in den Eliten, die sie eigentlich repräsentieren sollen“, sagt der Soziologe Michel Maffesoli der Zeitung Opinion.
Als 2018 die Gelbwesten protestierten, schaute ganz Frankreich auf die Diagonale du vide – die Diagonale der Leere. Gemeint war ein 1.500 Kilometer langer Streifen zwischen Lothringen und den Pyrenäen, wo es kaum Infrastruktur gibt. Die Arztpraxen und Schulen schließen, das Dorfbistro macht auch zu. Die Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich abgehängt. Als die Regierung die Benzinsteuer erhöhte, gingen die Gilets jaunes in ihren gelben Warnwesten auf die Barrikaden.
Diesmal ist es keine Diagonale der Leere, die rebelliert. Es ist eine Diagonale des Frusts, die von den Vorstädten bis in die bürgerlichen Viertel reicht. Dass inzwischen auch Eltern mit ihren Kindern auf die Straße gehen, zeigt, wie tief die Sorge um die Zukunft sitzt. Frankreichs Problem ist nicht nur die Wut auf den Straßen. Es ist eine Republik, die die eigenen Werte wieder respektieren muss – vor allem der Jugend gegenüber.
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