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Friday, September 11, 2026

Wie der 11. September die deutsche Gesellschaft prägte

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Blick im Stadtteil Harburg auf das Wohnhaus in der Marienstraße 54.

Die Spuren von 9/11 Die Angst vor "Schläfern" und misstrauische Blicke

Stand: 11.09.2026 • 03:37 Uhr

Der 11. September 2001 prägte auch die deutsche Gesellschaft. Insbesondere Muslime und Menschen mit Einwanderungsgeschichte fühlen sich seitdem misstrauisch beäugt.

Von Charlotte Horn und Konstanze Nastarowitz, NDR

Wer bei Obeid Said in seiner Apotheke in Hamburg steht, ahnt nicht, dass dieser Mann hinter dem Verkaufstresen sich mal als Terrorverdächtiger gefühlt hat. Der heutige Apotheker war Ende der 1980er-Jahre als Kind mit seiner Familie aus Afghanistan nach Hamburg geflohen. In Deutschland findet er Freiheit: "Das war für mich ein sehr, sehr neues Gefühl und daran konnte ich mich sehr schnell gewöhnen." Später beginnt er, Pharmazie zu studieren. Soweit alles nach Plan.

Doch dann kommt der 11. September 2001. Und mit diesem Tag kommen diese Blicke - und noch viel mehr als das.

Fragen nach der Religion - "wegen der Ereignisse vom 11. September"

In der Zeit rund um den 11. September 2001 macht der junge Mann gerade ein Praktikum in einer Apotheke, im Rahmen seines Studiums. Wie so viele andere Menschen verfolgt auch er an diesem Tag gemeinsam mit Kollegen die erschreckenden Bilder aus New York. Die Szenen aus den USA rufen Erinnerungen an Afghanistan in ihm wach. Er muss an die Gewalt in seinem Heimatland denken. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er aber nicht, wie nah ihm dieses Ereignis noch kommen wird.

Obeid Said ist Apotheker in Hamburg. Nach den Terroranschlägen wurde er von Polizisten befragt.

Denn wenige Wochen später klingelt es plötzlich bei ihm und seiner Frau an der Wohnungstür in Hamburg-Ohlsdorf, erzählt er im NDR-Info-Podcast "Pearl Harburg - Deutschland nach 9/11". Zwei Polizisten hätten sich bei ihm vorgestellt, mit allerlei Fragen "wegen der Ereignisse vom 11. September".

Sie wollen wissen, ob Obeid Said religiös sei, ob er häufig bete, ob er Teil einer Terrororganisation sei. Der junge Student versteht die Welt nicht mehr. Obwohl er zu dem Zeitpunkt längst deutscher Staatsbürger geworden ist, wird er gefragt, ob er denn in Deutschland bleiben wolle.

Die Sorge, als Mittäter wahrgenommen zu werden

Bis heute hat Obeid Said nie eine Erklärung für diesen Besuch bekommen. Die Polizisten haben sich nie wieder gemeldet, sagt er. Der Hamburger Student macht damals irgendwie weiter, erzählt an der Universität aber lieber nichts von den beiden Polizisten: "Ich wollte ja nicht irgendwie als Mittäter oder sonst was abgestempelt werden."

Auf Anfrage von NDR Info bestätigt die Bundesanwaltschaft, dass der Besuch stattgefunden hat - warum genau, bleibt aber bis heute unklar.

Suche nach "Schläfern"

Nach dem Attentat in den USA ist die Sorge in Deutschland groß. Politik und Behörden haben Angst vor weiteren Anschlägen hierzulande. Sie versuchen, ein Attentat zu verhindern. Dafür sind Kenntnisse der islamistischen Szene in Deutschland wichtig, um mögliche "Schläfer" zu finden und Hinweise zu bekommen.

Bei der Suche nach diesen "Schläfern" und potenziell gefährlichen Personen soll unter anderem die Rasterfahndung helfen. Mithilfe dieser Fahndungsmethode sucht die Polizei nach potentiell relevanten Personen anhand von vorher definierten relevanten Merkmalen - angelehnt an die Täterbiografie der 9/11-Attentäter. Merkmale können zum Beispiel der Status als Student sein oder auch die Herkunft aus einem Land mit überwiegend muslimischer Bevölkerung.

Es wird nach Menschen gesucht, auf die mehrere dieser Merkmale zutreffen und die eventuell weitere Hinweise geben und für die Polizei relevant sein könnten. Diese Rasterfahndung wird im Herbst 2001 in vielen Bundesländern ausgerollt - unter kritischer Beobachtung von Datenschützern und Zivilgesellschaft.

"Ich war auf einmal der Terrorverdächtige"

"Ich war auf einmal der Moslem, der Terrorverdächtige, derjenige, der damit vielleicht etwas zu tun haben könnte. Das heißt, diese schöne, heile Welt für mich in Deutschland war damit ein bisschen angekratzt", so schildert Obeid Said die gesellschaftlich angespannte Stimmung damals. Der Tag sei ein Wendepunkt für ihn gewesen.

Es ist eine schwierige Gemengelage: Deutschland ist geschockt und trauert, solidarisiert sich mit den USA. Doch gleichzeitig fühlen sich viele Bürgerinnen und Bürger nun auch direkt bedroht und in Gefahr. Ihr Sicherheitsgefühl ist erschüttert.

Das bekommen vor allem Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu spüren. Als in den Medien die Fotos und Namen der 9/11-Terroristen kursieren - Studierende, die auch in Hamburg gelebt haben und aus Ländern wie Ägypten und dem Libanon kamen - merken viele in Deutschland, wie sich die Blicke verändern, die ihnen Nachbarn oder Passanten auf der Straße zuwerfen. Der Apotheker Obeid Said bringt es so auf den Punkt: "Der 11.September war eigentlich der Grundstein für die negative Entwicklung im Land."

Muslimische Studenten in Sorge

Homaira Hakimi berät damals an der Universität Osnabrück verängstigte ausländische Studenten. Sie ist selbst aus Afghanistan geflohen, studiert 2001 gerade Jura. Die junge Frau merkt, dass einige Kommilitonen aus bestimmten Ländern es mit der Angst zu tun bekommen. "Kann ich denn jetzt mein Studium weitermachen? Lohnt es sich noch, jetzt für die Klausur zu üben?"

Solche Ängste gehen bei den hauptsächlich muslimischen männlichen Studenten um. Auch Gerüchte verselbstständigen sich schnell in dieser Zeit. Genau wie Obeid Said sagt auch Hakimi, dass damals in Deutschland etwas angefangen hat. Immer wieder müsse sie seitdem als "Sündenbock" herhalten.

Möglichst kein Generalverdacht

Dabei ist dieses Misstrauen genau das, was der damalige Hamburger Innensenator und mittlerweile Ex-Kanzler Olaf Scholz (SPD) vermeiden wollte - so sagte er es damals. Er hatte die Rasterfahndung nach potenziellen "Schläfern" in Hamburg als erstes Bundesland angeordnet. In einem ARD-Interview aus der Zeit danach betont Scholz aber auch: "Das Schlimmste wäre, wenn unsere Bevölkerung glaubt, dass Menschen, die in eine Moschee gehen, welche sind, vor denen man sich fürchten müsste. So ist es nicht."

Ob ihm das gelungen ist, bewerten Betroffene der Rasterfahndung und Verantwortliche in den Behörden bis heute unterschiedlich.

Folgen bis heute: Nährboden für Rassismus?

Und dennoch: Die Stimmung, die nach 9/11 in Deutschland entsteht, hat Folgen - bis heute. Der Hamburger Apotheker Obeid Said beschreibt im Podcast "Pearl Harburg" auch, wie bedrohlich er die aktuelle politische Lage in Deutschland wahrnimmt. Er hat für den Notfall ein "Hintertürchen", wie er es nennt. Wenn sich die Stimmung im Land weiter verschärfen und die Anfeindungen zunehmen sollten, denkt er darüber nach, ins Ausland zu ziehen.

Noch lebt und arbeitet der Unternehmer aber in Hamburg, führt hier zwei Apotheken. Und wer bei ihm in Hamburg-Wandsbek Medikamente einkauft, ahnt wohl kaum, auf was für eine Lebensgeschichte der Deutsch-Afghane mittlerweile zurückblickt. Geprägt von den Ereignissen des 11. Septembers.

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