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Saturday, November 7, 2026

Serpil Midyatli über Ungleichbehandlung: „Frauen werden wundgeschossen“

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Schleswig-Holsteins SPD-Fraktionschefin Serpil Midyatli findet, dass Frauen und Männer in der Politik mit zweierlei Maß gemessen werden. Immer noch.

Esther Geißlinger

taz: Frau Midyatli, die Berliner Linke Elif Eralp spricht von Angst um ihre Familie, und die Öffentlichkeit zweifelt an ihrer Regierungsfähigkeit – wäre die Reaktion bei einem männlichen Politiker ebenso gewesen?

Serpil Midyatli: Ich habe den Eindruck, dass Frauen und Männer mit zweierlei Maß gemessen werden. Wenn eine Frau sagt, sie habe Angst, dann gilt sie als zu emotional, dabei sollen Po­li­ti­ke­r:in­nen doch nahbar und emotional sein. Was denn nun? Ohne zu sehr auf den konkreten Fall einzugehen, finde ich Sorgen um Familie und Kinder verständlich. Ich weiß nicht, ob es bei einem Mann auch so thematisiert worden wäre. Aber bei der Eignung für ein Regierungsamt müssen für Frauen und Männer dieselben Maßstäbe gelten.

taz: Sie haben den Eindruck, dass zurzeit im öffentlichen und politischen Raum die Männer wieder nach vorn stürmen und die Frauen zurückdrängen. Woran machen Sie das fest?

Midyatli: Ich sehe wieder häufiger Podien, auf denen nur Männer sitzen, ohne dass sich jemand daran stört. Auch die Sprache und die Themen verändern sich. Ja, wir haben in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine eine neue Bedrohungslage, aber warum sprechen dann jetzt vorrangig Männer über technische Fragen? Sicherheit hat etwas damit zu tun, wie resilient die Gesellschaft ist, und dazu braucht es alle Gruppen. Mich ärgert auch, wie gerade die CDU und der Kanzler über Frauen sprechen – sie sollten mehr Vollzeit arbeiten, einen stärkeren Beitrag leisten. Das klingt, als würden wir bisher alle in der Hängematte liegen. Wenn die Teilzeitquoten hoch sind, wie auch in Schleswig-Holstein, hat das Gründe, etwa fehlende Betreuungsplätze oder die Struktur des Arbeitsmarkts. Aber anstatt diese Probleme anzugehen, wird erwartet, dass wir die strukturellen Benachteiligungen individuell lösen.

Im Interview: Serpil Midyatli

geboren 1975 in Kiel. Mit 19 Jahren übernahm sie die Leitung eines Restaurants ihrer Familie und betrieb später mit ihrem Mann, mit dem sie zwei Kinder hat, einen Kultur- und Veranstaltungsservice. Seit 2000 ist sie SPD-Mitglied und wurde nach mehreren kommunalpolitischen Stationen 2009 in den schleswig-holsteinischen Landtag gewählt. 2019 übernahm sie den Landesvorsitz, den sie 2026 an Ulf Kämpfer abgab. Sie ist Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag.

taz: Der Landtag in Schleswig-Holstein hat eine Frauenquote von knapp 44 Prozent, so viele wie nie. Im Bundestag sind es weniger als ein Drittel, vor allem wegen der stark männerlastigen Fraktionen der AfD und der CDU/CSU. Ist damit das Ergebnis in Kiel eine Ausnahme, fürchten Sie einen Rückschlag in der kommenden Wahlperiode?

Midyatli: Ich würde mir sehr wünschen, dass der nächste Landtag auf 50 zu 50 kommt. Was einfacher geht, wenn die AfD nicht einzieht. Frauen machen nicht automatisch eine bessere Politik, aber sie bringen andere Themen und Sichtweisen ein.

taz: Sie wünschen sich eine Bundespräsidentin?

Midyatli: Es ist ein starkes Zeichen, dass wir das höchste Amt des Staates mit einer Präsidentin besetzen wollen. Das Hin und Her bei CDU und CSU war peinlich. Es gibt viele starke und kompetente Frauen, der Kanzler hätte früher eine Entscheidung treffen sollen, um eine Hängepartie zu verhindern. Mich freut, dass sich viele Stimmen für Ilse Aigner stark gemacht haben.

taz: So viel Rückhalt hat Bärbel Bas offenbar nicht gespürt, sie ist auch wegen Angriffen auf ihre Person zurückgetreten. Wie haben Sie das Ausscheiden Ihrer Parteifreundin erlebt?

Midyatli: Ich fürchte, man muss generell sagen: Frauen werden wundgeschossen. Trotz des Schicksalsschlages, der Bärbel Bas getroffen hat, ging die Kritik weiter. Immer noch oder wieder werden Frauen eher Kompetenzen abgesprochen. Und wenn es keine Argumente gibt, geht es ums Aussehen oder um puren Hass. Das finde ich krass, ich dachte, dass wir weiter sind.

taz: In Schleswig-Holstein will die Grüne Aminata Touré Ministerpräsidentin werden – auch wenn Sie natürlich Ihrer Partei den Sieg wünschen, ist Schleswig-Holstein nach Heide Simonis wieder reif für eine Landesmutter?

Midyatli: Am Ende kommt es darauf an, welche Politik für die Frauen gemacht wird. Unser SPD-Spitzenkandidat Ulf Kämpfer setzt sich sehr stark für Gleichstellung und Familien ein. Von Frau Touré höre ich viele Pläne, aber sie ist bereits Sozialministerin und hätte schon in dieser Legislaturperiode mehr auf den Weg bringen müssen.

taz: Sie selbst haben als Parteichefin in Schleswig-Holstein vor fünf Jahren Thomas Losse-Müller zum Spitzenkandidaten gemacht. Jetzt tritt die Landes-SPD wieder mit einem Mann an. Also stimmt der alte Satz, dass Frauen selbst schuld sind, weil sie nicht nach vorn drängen?

Midyatli: Man muss Entscheidungen dann treffen, wenn sie anstehen. Damals habe ich es so entscheiden, weil es inhaltliche Gründe gab. Diesmal habe ich mich beworben, aber die SPD-Mitglieder haben sich in der Urwahl mit klarem Votum für Ulf Kämpfer entschieden. Ich bin fein damit. Ich bereue weder die eine noch die andere Entscheidung.

taz: Wie merken Sie selbst als Frau mit türkischen Wurzeln den Druck?

Midyatli: Ich weiß, dass ich mich doppelt beweisen muss. Aber ich finde es weit schlimmer, was in der Kommunalpolitik passiert. Das Netz setzt keine Schranken, und wenn es Anfeindungen gibt, werden gerade Kom­mu­nal­po­li­ti­ke­r:in­nen leiser. Wir brauchen stärkere Regeln, um die Plattformen zu kontrollieren, und wir brauchen die Sensibilisierung dafür, dass man im Netz nicht alles sagen darf.

taz: Was sollte sich noch ändern, was wünschen Sie sich?

Midyatli: Wenn wir mehr Frauen in höchsten Ämtern haben wollen, braucht es Allianzen. Männer schaffen den Aufstieg auch nicht allein, und solche Netzwerke müssen wir Frauen auch bilden. Wenn einer Frau die Kompetenz pauschal abgesprochen wird, dürfen wir das nicht dulden.

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