Teure Ferien und Benzin: So treffen dich die Nahost-Konflikte

- Die Konflikte im Nahen Osten weiten sich aus, Politologe Marcus Schneider warnt vor einer weiteren Eskalation.
- Für Schweizer Konsumenten sind die Folgen bereits bei Benzin und Flugreisen spürbar. Eine Verschärfung könnte zusätzlichen Preisdruck bringen.
- Die Schweizer Wirtschaft ist dank starkem Franken und geringer Energieintensität besser geschützt als viele andere Länder, sagt KOF-Experte Jan-Egbert Sturm.
«Was mal als Krieg Israels und der USA gegen den Iran begann, hat sich mittlerweile ausgeweitet», sagt Politologe Marcus Schneider. Aktuell besteht immer mehr die Befürchtung, dass die verschiedenen Konflikte im Nahen Osten zu einem überregionalen Flächenbrand verschmelzen.
Für Schneider ist diese Entwicklung bereits seit einiger Zeit im Gange: «Alle sechs arabischen Golfstaaten sind betroffen, nun auch der Jemen, die Lage im Libanon bleibt ungelöst, Jordanien wird bombardiert, aus dem und in den Irak fliegen Raketen, nun haben Pakistan und die Türkei angekündigt, den saudischen Krieg gegen die Huthis zu unterstützen», zählt Schneider auf.
«Auch auf der anderen Seite des Roten Meeres knallt es: Der sudanesische und der äthiopische Bürgerkrieg internationalisieren sich – es droht auch hier ein grosser Regionalkrieg, womöglich mit ägyptischer Beteiligung. Insofern ist der Flächenbrand längst da, es stellt sich nur die Frage, wie schlimm es noch werden kann.»
Die möglichen Folgen dieses Flächenbrandes reichen weit über die Region hinaus. Durch den Nahen Osten verlaufen wichtige Flugrouten und Transportwege für Öl und Gas. Mit der Türkei und Frankreich sind zudem neu auch europäische Staaten – und Nato-Mitglieder – beteiligt. Was bedeutet das für Schweizer Ferien, Benzinpreise und die Wirtschaft? Und wie stark könnte das Ganze noch eskalieren?
Ferien: Werden Tickets teurer und das Fliegen unsicherer?
Für Schweizer Reisende haben die jüngsten Angriffe der Huthi-Rebellen auf den Flughafen Riad in Saudi-Arabien bislang keine unmittelbaren Folgen. Die Swiss hat keine neuen Routenänderungen vorgenommen. Auch an der Wiederaufnahme der Dubai-Flüge ab 27. Oktober hält die Airline fest. Angespannt sei die Lage trotzdem: Verschiedene Lufträume in der Region würden gemieden und auch Russland könne nicht überflogen werden. «Aktuell sind nur wenige Flugrouten Richtung Asien verfügbar», schreibt die Airline.
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Weitere Sperrungen würden längere Umwege und mehr Verbrauch bedeuten. «Die Kerosinkosten haben sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt», sagt Aviatikexperte Hansjörg Bürgi. Treibstoff mache rund ein Drittel der Airlinekosten aus. Er rechnet deshalb mit steigenden Ticketpreisen.
Für Saudi-Arabien gehe es um noch mehr: Das Land investiere massiv in Riad als internationales Luftfahrtdrehkreuz. «Wenn die Angriffe nicht aufhören, wirft das die Entwicklung um die nächsten paar Jahre zurück», sagt Bürgi. Davon könnten Hubs wie Istanbul, Addis Abeba, Paris oder London profitieren.
Das raten Experten jetzt Reisenden
- Direktflug prüfen: Aviatikexperte Bürgi rät Reisenden, wenn möglich direkt zu fliegen. Auch der Reiseveranstalter Dertour Suisse beobachtet, dass Schweizer Kunden bei Asienreisen häufiger Direktflüge ab Zürich wählen, obwohl diese teilweise teurer sind.
- Flexibel buchen: Aviatikexperte William Agius empfiehlt für die Weihnachtsferien ein vollständig erstattbares Ticket. «Die Situation ist volatil und kann sich rasch ändern.»
- Pauschalreise prüfen: Dertour Suisse sieht in der unsicheren Lage einen Vorteil bei Pauschalreisen. Wird beispielsweise der Flug gestrichen, haben Reisende mit dem Veranstalter eine zentrale Anlaufstelle. Bei separat gebuchten Flügen und Hotels müssen sie sich in der Regel selbst um die einzelnen Anbieter kümmern.
- Nicht vorschnell stornieren: Eine Stornierungswelle beobachtet Dertour Suisse bislang nicht. Auch Swiss führt derzeit alle Flüge wie geplant durch. Reisende sollten aber die Hinweise des EDA und der Behörden verfolgen.
Benzin und Heizöl: Droht der nächste Preisschock?
Die Energiekrise ist an der Tankstelle bereits angekommen. Laut dem TCS ist der Benzinpreis seit Februar von 1.64 auf 2.11 Franken pro Liter gestiegen. Bei 15’000 Kilometern Jahresfahrleistung und sechs Litern Verbrauch sind das rund 423 Franken Mehrkosten pro Jahr. Laut Avenergy sind Rohöl, Benzin, Diesel und Heizöl bereits seit Beginn des Iran-Kriegs deutlich teurer. Entscheidend sei nun, ob die Eskalation im Jemen weitere Lieferausfälle verursacht.
Energieexperte Walter Pfeiffer nennt drei Szenarien:
- Ölinfrastruktur bleibt intakt: rund 100 Dollar pro Barrel.
- Förder- oder Exportanlagen werden getroffen: 105 bis 115 Dollar.
- Strasse von Hormus fällt vollständig aus: 115 bis über 120 Dollar. 150 Dollar erwartet Pfeiffer derzeit nicht.
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Steigt Öl von 100 auf 120 Dollar, könnten laut einer groben Rechnung von Rohstoffexperte Bekim Laski zehn bis 15 Rappen pro Liter Benzin dazukommen. Eine Preisexplosion an der Zapfsäule sei trotzdem nicht Laskis Basisszenario. «Der Preisdruck bleibt eher noch konstant.»
Weltwirtschaft: Drohen Inflation und Rezession?
Bleibt Energie lange teuer, steigen auch Transport- und Produktionskosten. Dann kann sich der Preisdruck von der Tankstelle auf weitere Produkte ausbreiten. «Die Schweiz ist nicht immun», sagt KOF-Direktor Jan-Egbert Sturm. Die Schweiz stehe aber besser da als viele andere Länder: «Sie hat weniger energieintensive Schwerindustrie als etwa Deutschland und erwirtschaftet mehr mit Wissen, Technologie und hochqualifizierter Arbeit. Zudem dämpft der starke Franken die Kosten importierter Energie.»
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Das grössere Risiko komme deshalb indirekt: «Gerät die Weltwirtschaft wegen hoher Energiepreise ins Stocken, sinkt auch die Nachfrage nach Schweizer Exporten», sagt Sturm. Bei einem temporären Anstieg des Ölpreises auf 180 Dollar könnte laut KOF-Modellen das Schweizer Wachstum im Folgejahr tiefer ausfallen.
Die Inflation würde vorübergehend auf über zwei Prozent steigen, im Jahresdurchschnitt aber unter zwei Prozent bleiben. Eine Rezession wäre nicht automatisch die Folge. «Die Dauer eines Preisanstiegs ist oft relevanter als ein kurzfristiger Anstieg», sagt Sturm. Ein monatelanger Ölpreis von 120 Dollar könne damit problematischer sein als ein kurzer Sprung auf 150 Dollar.
Sicherheit und Geopolitik: Kein Ende der Eskalation?
Politologe Schneider hält eine weitere Eskalation am Persischen Golf, am Horn von Afrika und im Jemen für wahrscheinlich. Beim Irankrieg etwa seien weder Washington noch Teheran bereit, Zugeständnisse zu machen. Im Jemen seien die Houthis höchst motiviert, um Saudi-Arabien zu schaden. «Sie befinden sich seit 22 Jahren in einem Dauerkrieg und haben gelernt, trotz widrigster Umstände militärisch zu bestehen.»
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Zudem habe der Iran ein starkes Interesse daran, dass sich der saudisch-jemenitische Krieg ausweitet, weil dadurch die Ölpreise noch mehr steigen würden und damit der Druck auf die USA. Durch das Hineinziehen der Türkei und Pakistans – Riad hat die Beistandsklausel der erst vor zwei Monaten geschlossenen Mekka-Allianz aktiviert – drohe auch ein Konflikt zwischen dieser Allianz und dem Iran. «Auch wenn beide Seiten das jetzt noch vermeiden wollen, ist nicht gesagt, dass sich das auch bewerkstelligen lässt.»
Neben der Türkei steigt nun mit Frankreich, das ebenfalls Unterstützung für Saudi-Arabien angekündigt hat, ein zweites Nato-Land ein. Dass sich dieser Krieg aber grossflächig auf Europa und die Nato ausweitet, hält Schneider für unwahrscheinlich, da eine intensive Beteiligung europäischer Streitkräfte bei der Bevölkerung unpopulär sei. Doch: «Es mag sein, dass die meisten Regierungen einen noch ausgeweiteten Flächenbrand verhindern wollen – aber es droht ein Schlafwandlerszenario: Auch wenn niemand den Krieg will, könnte er dennoch Eskalationsschritt für Eskalationsschritt kommen.»
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Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.
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